Betrug am Telefon Die Falschen gewinnen

Geschröpften Verbrauchern bleibt einstweilen wohl nur die Hoffnung, mit Strafanzeigen zufällig doch bei Ermittlern zu landen, die hart durchgreifen. Wie eben die Kriminalbeamten in Essen, die bei ihrer Fahndung tiefe Einblicke in ein dunkles Milieu erhielten und manchmal auf makabre Begebenheiten stießen.

Ein Mitarbeiter von Future Call, eines der in Verdacht geratenen Callcenter, sagte als Zeuge aus, er habe einmal eine Frau angerufen und gefragt, ob er deren Sohn sprechen könne. Die Frau habe geantwortet, der Sohn sei schon seit sieben Jahren tot. Den Grund für dieses peinliche Malheur fanden die Ermittler schnell heraus. Die Betreiber des mutmaßlich kriminellen Firmen-Netzwerks hatten über Jahre hinweg offenbar wahllos Daten von Verbrauchern gesammelt und gekauft. Wer in diesen Listen auftauchte, wurde einfach angerufen, um ihn mit vermeintlichen Gewinnspielen abzuzocken. Darunter könnten sogar alte Kunden der Süddeutschen Klassenlotterie (SKL) gewesen sein, einer staatlichen Glücksspielgesellschaft.

Wilder Datenhandel

Einer der beschuldigten Geschäftsleute erzählte der Kripo bei einem umfassenden Geständnis, wie es in diesem teilweise von Leuten aus dem Balkan beherrschten Abzocker-Milieu zugehe. Da werde wild mit Verbraucherdaten gehandelt, die teilweise geklaut seien. Für mehrere tausend Kundendaten von Callcentern bekomme man mehrere hunderttausend Euro. Er selbst habe früher bei Callcentern auch Lose für die SKL verkauft und vor zwei Jahren dann einen Mann in Aachen kennengelernt, der einen Eintragsservice für Gewinnspiele betrieben habe. Dem habe er 6000 bis 7000 Adressen von alten SKL-Kunden verscherbeln wollen, die auf einer CD gespeichert gewesen seien. Der Mann in Aachen habe die CD in seinen Computer gesteckt und gleich unbemerkt kopiert. In dieser Szene betrügt man sich gerne auch gegenseitig.

Die SKL hatte ihre Lose bis vor einigen Jahren auch über Callcenter am Telefon vertrieben, ehe die Beschwerden genervter Verbraucher überhand nahmen. Daraufhin verboten die Bundesländer, die das staatliche Glücksspiel betreiben, ihren eigenen Lotterien diese Art der Akquise. Private Firmen, unter denen sich viele schwarze Schafe befinden, dürfen jedoch weiterhin bei den Bürgern anklingeln und alles mögliche feilbieten. Hier sind Bundesregierung und Bundestag zuständig, und für die ist ein Verbot des Telefon-Marketings kein Thema.

Wüste Tricks

Mutmaßliche Kriminelle nutzen das gnadenlos aus. Bei Future Call in Essen bekamen die Mitarbeiter einen 16-seitigen Leitfaden in die Hände gedrückt, wie sie Leute mit angeblich tollen Gewinnen ködern und dazu überreden sollten, ihre Kontonummern herauszurücken. Falls die angerufenen Personen Einwände hätten, solle man an die Flutkatastrophe von 2002 in Ostdeutschland erinnern, lautete einer von vielen Tipps. Der Mitarbeiter des Callcenters solle behaupten, er habe damals Geld durch eine Organisation abbuchen lassen, die in einem Fernseh-Spot für Spenden geworben habe. Bis heute sei ihm, dem Mitarbeiter des Callcenters, kein Fall bekannt, bei dem Lastschriften gegen den Willen des Kontoinhabers erfolgt seien. Das sei auch der Grund, warum die Stiftung Warentest das Abbuchen vom Konto ohne vorherige Unterschriften für Einkäufe im Internet, am Telefon und in Katalogen empfehle.

Der Leitfaden enthielt noch mehr solcher Geschichten, und er wurde wohl auch fleißig genutzt. Die Kripo hat viele Telefonate abgehört. Darunter eines, bei dem eine Frau sich bei einem anderen Callcenter beschwerte, sie habe ein Schreiben erhalten, dass sie an einem Gewinnspiel teilnehme. Die Frau erklärte, sie könne sich das doch gar nicht leisten. Die Mitarbeiterin des Callcenters entgegnete, erst vergangene Woche habe einer ihrer Kunden 20.000 Euro gewonnen. Die Frau ließ sich überreden, einstweilen mitzumachen und erst später zu kündigen.

Die Essener Ermittler haben inzwischen Vermögen der Verdächtigen beschlagnahmt, damit die Kunden ihr Geld zurückbekommen. Ob das viel Erfolg hat, ist fraglich. Die Geschäftemacher haben frühzeitig große Beträge in die Schweiz gebracht. Einer der Beschuldigten erzählte den Fahndern, er habe dort einen Anwalt getroffen und ihm 180.000 Euro in bar gegeben. Jenem Anwalt aus Gelsenkirchen, der zuvor zahlungsunwilligen Kunden so heftig zugesetzt hatte. Es ist wie beim Glücksspiel. Einer gewinnt immer. In diesem Fall offenbar der Falsche.