Benzinpreise Wut an der Tankstelle

Deutsche Autofahrer müssen derzeit so viel fürs Tanken bezahlen wie noch nie. Und doch - ist das nur Abzocke? Wie setzt sich der Benzinpreis zusammen? Wann ist Tanken besonders günstig? Und was macht das Kartellamt jetzt?

Fragen und Antworten im Überblick.

In Deutschland haben die Spritpreise den höchsten Stand aller Zeiten erreicht. Dabei werden hierzulande nicht einmal die höchsten Preise bezahlt - in Italien wurde in Einzelfällen bereits die Zwei-Euro-Marke übertroffen. Dort kostet ein Liter Diesel dann auch schon fast 1,80 Euro. Auch im schuldengeplagten Griechenland liegen die Spritpreise mancherorts schon knapp an der Schwelle von zwei Euro. Seit 2009 sind die Preise dort um fast 90 Cent pro Liter gestiegen - hauptsächlich wegen höherer Steuern. Der enorme Anstieg hat aber auch eine gute Seite: Im einst smogreichen Athen ist die Luft bedeutend sauberer geworden. Nach einer Studie der Technischen Universität der Stadt ist der Verkehr in den vergangenen zwei Jahren um etwa 21 Prozent zurückgegangen.

Sind die Benzinpreise in Deutschland im europäischen Vergleich besonders hoch?

Ein europaweiter Vergleich zeigt: Deutschland liegt leicht über dem Mittelwert. Ende März (Stichtag 26.3.2012) kostete in Deutschland ein Liter Eurosuper 95 im Schnitt 1,69 Euro, der EU-Mittelwert lag bei 1,66 Euro. Deutlich höher lag der Preis in Ländern wie Norwegen (2,05 Euro), Italien (1,83 Euro) oder Griechenland (1,82 Euro). Weit weniger mussten die Autofahrer hingegen in einigen osteuropäischen Ländern zahlen - aber auch in Luxemburg (1,46 Euro) und Österreich (1,49 Euro).

Wie setzt sich der Benzinpreis zusammen?

Zwei große und eine kleine Komponente bestimmen den Benzinpreis: Erstens der Preis für Rohöl, zweitens die Steuern und drittens die Kosten für die Weiterverarbeitung und den Verkauf des Kraftstoffs.

Wie rechnet sich das konkret?

Die Mineralölbranche selbst rechnet so: Je Liter Benzin werden 65,5 Cent Mineralölsteuer fällig. Hinzu kommt die Mehrwertsteuer in Höhe von 19 Prozent, bei einem Endverbraucherpreis von 1,69 Euro sind das rund 27 Cent. Zusammengenommen sind das 92,5 Cent. Im Februar lag der Einkaufspreis bei durchschnittlich 59,2 Cent. Demnach verbleiben in der Rechnung des Branchenverbandes einem Mineralölunternehmen elf Cent. Davon werden die Kosten für Tankstelle, Transport, Lagerung, Werbung, Verwaltung und die Beimischung von Biokomponenten gedeckt. Als Gewinn streben die Ölgesellschaften demnach einen Cent je Liter an.

Zuletzt hieß es, dass die Benzinpreise stärker gestiegen seien als der Rohölpreis. Was hat es damit auf sich?

Der Energieexperte Steffen Bukold hatte in einer Studie für die Grünen geschrieben, dass sich die Bruttomarge der Mineralölwirtschaft (Tankstellenpreis minus Rohölpreis) von 11,5 Cent Ende November 2011 auf 16,3 Cent je Liter Superbenzin Anfang März erhöht habe. Darin ist nicht nur der Gewinn der Tankstellen enthalten, sondern ebenso die Marge der Raffinerien. Bei der abweichenden Darstellung der Mineralölwirtschaft ist der Gewinn der Raffinerien in der Position der Einkaufskosten enthalten. Beim Mineralölwirtschaftsverband heißt es, dass die Vorwürfe Bukolds haltlos seien. "Tatsachenwahrheit ist, dass nur die gestiegenen Beschaffungskosten an den Kunden weitergeben wurden und kein Cent mehr", behauptet der Chef des Verbandes, Klaus Picard.

Wie hoch ist die Steuerquote im internationalen Vergleich?

Deutschland liegt mit einer Steuerquote von 54,7 Prozent für einen Liter Eurosuper 95 im Vergleich der 29 EU-Länder auf Rang neun. Zum Vergleich: Spitzenreiter ist Großbritannien mit 58,2 Prozent, besonders tief ist die Steuerquote hingegen in Zypern mit 41,6 Prozent.

Die Spritpreise an den Tankstellen schwanken seit einiger Zeit binnen eines Tages enorm. Steckt dahinter ein System?

Der ADAC glaubt zumindest ein Muster zu erkennen: Stichproben hatten ergeben, dass die Preise für Benzin und Diesel in der Früh im Schnitt oft am höchsten sind und im Tagesverlauf absinken. Eine Woche lang waren die Preise von Benzin und Diesel an je einer Tankstelle der drei Marktführer Aral, Shell und Jet in elf Städten beobachtet worden. Die Erkenntnis: Abends waren die Preise am niedrigsten und über Nacht stiegen sie häufig extrem an. Die Preise der drei Anbieter unterschieden sich dabei mitunter erheblich. Im Schnitt betrug der Preisunterschied für einen Liter Super E10 zwischen morgens und abends 2,6 Cent, wie der ADAC mitteilte. Bei Diesel betrug dieser Unterschied im Schnitt 3,3 Cent je Liter. Die Beobachter notierten auch "Spitzenschwankungen" von zwölf Cent binnen der zehn Stunden von acht Uhr morgens bis 18 Uhr abends.

Gibt es günstige Wochentage zum Tanken?

Der ADAC hat vor längerem die Preise an unterschiedlichen Wochentagen verglichen. Demnach fuhren die Autofahrer besonders günstig, die montags tankten. Deutlich teurer war es hingegen am Freitag. Den größten Preisanstieg registrierten die Beobachter vom ADAC von Montag auf Dienstag.

Was kann gegen diese Schwankungen getan werden?

Teilweise gibt es Regeln, um derartige Preissprünge zu reduzieren. Der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, hatte zuletzt ein in Australien praktiziertes Preismodell ins Gespräch gebracht. Demnach müssen die Unternehmen jeden Tag bis 14 Uhr den Benzinpreis für den Folgetag ans Handelsministerium melden. Dieser Preis gilt dann ab 6 Uhr morgens und darf erst am Tag danach verändert werden.

Könnte auch das Bundeskartellamt Modelle wie diese einführen?

Nein. Das Bundeskartellamt kann keine Preise setzen. Nur der Gesetzgeber kann vorschreiben, dass, wie bei dem australischen Modell etwa, Preise bis zu einer gewissen Zeit an eine staatliche Institution gemeldet werden müssen. Das Bundeskartellamt hat allerdings den Gesetzgeber auch nie dazu aufgefordert, so etwas zu machen. Es hat lediglich angeregt, ein solches Modell ernsthaft zu überprüfen.

Kann die Behörde etwas gegen die hohen Benzinpreise unternehmen?

Höchstens indirekt, indem die Kartellbehörde dafür sorgt, dass die Macht der großen Mineralölgesellschaft auf dem Tankstellenmarkt nicht noch größer wird. Erst im vergangenen Jahr hatte das Amt in einer großangelegten Untersuchung festgestellt, dass auf dem Markt kein Wettbewerb herrsche und die Preise oft durchaus gleichzeitig an verschiedenen Tankstellen stiegen. Konsequenzen für die marktbeherrschenden Konzerne hatte das allerdings nicht. Denn das Amt fand keine Beweise für Preisabsprachen.

Wie hat sich das Kartellamt aktuell in die Diskussion um Benzinpreise eingemischt?

Die obersten Wettbewerbshüter wollen Auskünfte von BP, Esso, Jet, Shell und Total haben. Ein Sprecher sagte der SZ, die Behörde fordere Antworten auf "sehr, sehr detaillierte Fragen zu Preisen, Konditionen und Lieferungen zu bestimmten Zeitpunkten". Das Amt untersucht allerdings nicht, ob die großen fünf Konzerne den Preis für den Autofahrer in Absprache hochtreiben. Vielmehr regiert das Amt auf die Beschwerden freier Tankstellen, die Multis verkauften an einige Tankstellen den Sprit zu billig - nämlich unter Einkaufspreis. Dass sei illegales Dumping und diene dazu, die kleineren, freien Tankstellen zu zerstören. Denn die könnten mit diesen niedrigen Preisen niemals mithalten. In anderen Fällen sollen die Raffinerien - die in Deutschland ausschließlich den großen Konzernen gehören - Benzin zu teuer an freie Tankstellen verkaufen. Ziel des Verfahrens ist dem Sprecher zufolge nicht, Sanktionen wie Strafzahlungen zu verhängen, sondern gegebenenfalls Dumping und überteuerte Verkäufe an kleine Tankstellen per Verfügung zu untersagen.