BayernLB In doppelter Mission

Wirbel um einen PR-Mann: Bei der Aufklärung des Milliardendesasters der BayernLB beim Kauf der Hypo Alpe Adria könnte der umstrittene Berater Norbert Essing eine zentrale Rolle spielen.

Von Klaus Ott und Uwe Ritzer

Für einen flotten Spruch in eigener Sache ist Norbert Essing, 49, immer gut. "Mich gibt es eigentlich gar nicht", kokettiert er gern über seine Rolle als einflussreicher PR-Berater von Top-Leuten aus der Wirtschaft, wie Klaus Kleinfeld oder Leo Kirch. Als solcher sei sein Job "auf dem Regiestuhl in der Kulisse und nicht auf der Bühne", sagte Essing mal.

Seit geraumer Zeit allerdings gibt es viel öffentlichen Wirbel um den PR-Mann, der in Verdacht steht, einem Manager und SPD-Politiker sowie einem Rechtsanwalt mit anonymen Faxsendungen übel nachgestellt zu haben. Essing weist dies zurück und geht ansonsten weiter seinen Geschäften als diskreter Strippenzieher nach. Nun allerdings droht ihm noch mehr unerwünschte öffentliche Aufmerksamkeit. Norbert Essing könnte sogar eine Schlüsselfigur bei der Aufklärung eines der größten deutschen Bankenskandale werden: dem Milliardendesaster der BayernLB bei der österreichischen Hypo Group Alpe Adria (HGAA).

Die Staatsanwaltschaft in München und der bayerische Landtag untersuchen derzeit, wie es zu dem Debakel kam, bei dem die Landesbank 3,7 Milliarden Euro der Steuerzahler verzockt hat. Ein Verdacht lautet, dass es bereits lange vor der Übernahme der Kärntner HGAA durch die BayernLB heimliche Absprachen zu Lasten der Landesbank gab. Private Investoren um den Finanzmakler und späteren HGAA-Chef Tilo Berlin verdienten gut an dem Deal. Sie waren in die Bank eingestiegen und hatten ihre Anteile bei der Übernahme durch die BayernLB rasch versilbert. Was bislang nur wenige Eingeweihte wussten: Einer der Investoren war Norbert Essing. Mehr noch: Gegenüber der Süddeutschen Zeitung behauptet der Finanzmanager Harald Christ, dass Essing bereits früh von einem "sicheren Geschäft und einem möglichen späteren Weiterverkauf der HGAA an eine deutsche Bank, die in Osteuropa expandieren wolle", gesprochen habe.

"Nachhaltig bei mir geworben"

Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2006, und damit lange vor dem Kauf der HGAA durch die BayernLB im Mai 2007, habe sein damaliger PR-Berater Essing "nachhaltig bei mir geworben, dass ich mich an dem Investment beteiligen soll", sagt Christ, damals Vorstandschef des Finanzdienstleisters HCI. Von 10 bis 20 Millionen Euro und Traumrenditen sei die Rede gewesen. Trotzdem habe er, Christ, abgelehnt. Schon damals sei die Hypo Alpe Adria in Medien und Teilen der Öffentlichkeit als skandalbehaftet wahrgenommen worden. "Deshalb habe ich mit Rücksicht auf meine parteipolitischen Aktivitäten und die Rolle des Rechtspopulisten Jörg Haider bei der HGAA darauf verzichtet", sagt Christ. "Ich wollte da in nichts hineingezogen werden."

Christ gehörte 2008 zum Schattenkabinett des SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier. Ein Profit bei der Hypo Alpe Adria, die früher dem Land Kärnten gehörte und als Haider-Bank galt, wäre da nur schädlich gewesen. Der 2008 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Haider war Kärntner Landeshauptmann gewesen.

Sollten sich Christs Angaben bewahrheiten, und Essing bereits Ende 2006 von einem möglichen Weiterverkauf der HGAA an eine deutsche Bank mit Osteuropa-Plänen gesprochen haben, könnte das ein gewichtiges Indiz für heimliche Absprachen sein, nach denen die Staatsanwaltschaft München forscht. Eine wichtige Rolle bei der Wahrheitsfindung könnte Essings Beziehung zu Tilo Berlin spielen. Der aus Deutschland stammende und in Kärnten ansässige Berlin, hatte sich von Dezember 2006 bis Juni 2007 in drei Schritten mit einer Gruppe teils namhafter Investoren mit 25 Prozent an der notleidenden HGAA beteiligt. Berlin verkaufte den Anteil fast vollständig per Vertrag vom 22. Mai 2007 an die BayernLB, die neuer Mehrheitseigner der Hypo Alpe Adria wurde.

Norbert Essing war offenkundig über seine Kommunikationsfirma mit einer Million Euro Eigenkapital beteiligt. Und zwar bei der dritten und letzten Tranche von Berlins Investoren, als der schnelle Weiterverkauf der Anteile an die BayernLB schon so gut wie sicher war. Ein äußerst lukratives Geschäft für den PR-Manager, denn am Ende flossen etwa 1,5 Millionen Euro zurück. Es sei ihr eine Freude, schrieb die Berlin & Co. Capital S.a.r.l. am 22. Juli 2008 an die Norbert Essing Kommunikation GmbH, nun mit der Abwicklung des gemeinsamen Investments beginnen zu können. Der Gesamterfolg werde nach Abzug der Kosten bei rund 50 Prozent liegen. 50 Prozent Zinsen auf ein Investment von gut einem Jahr - so viel Geld lässt sich sonst bei einer Landesbank nicht verdienen.

Wäre das Geschäft tatsächlich schon 2006 mit dem damaligen Landesbank-Chef Werner Schmidt verabredet gewesen, wie die Staatsanwaltschaft derzeit vermutet, dann hätte Schmidt der Investorengruppe unnötigerweise und großzügig Millionen zugeschanzt - und so Vermögen der BayernLB veruntreut. Und Berlin hätte womöglich Beihilfe zur Untreue geleistet, meinen Ermittler. Wegen dieser Delikte ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen Schmidt und Berlin, die ihre Unschuld beteuern. Christs Aussage über Essings vermeintliche Akquise-Versuche könnte jedoch den Tatverdacht erhärten. Essings Anwalt weist dies zurück. Es handele sich um "verleumderische Vorwürfe", "unwahre Behauptungen" und konstruierte Vorwürfe von Christ, erklärte er auf Anfrage. Auch sei es Essings "ureigenste Privatsache", soweit er sich wirtschaftlich betätige.

Christ gegen Essing

Für Tilo Berlin scheint Essing bei dem lukrativen Deal einer der wichtigsten Helfer gewesen zu sein. Er notierte, der PR-Mann habe dazu beigetragen, die Übernahme der HGAA durch die BayernLB in Deutschland medial zum Erfolg zu machen. Essing habe in der Presse kunstvoll die Geschichte von ihm, Berlin, als Biobauern und Finanzinvestor gespielt. Der Finanzmakler betreibt einen Hof in Kärnten, auf dem die Hauptbeteiligten, darunter auch Haider, das Geschäft mit der BayernLB angebahnt hatten. Essing war da nicht dabei, aber Berlin hatte genug Anlass, ihn später überschwänglich zu loben. Der PR-Mann beherrsche die Spiele der Medienszene in- und auswendig. Hat Essing seine Gesprächspartner in den Medien darüber informiert, dass er nicht nur als Berlin-Berater unterwegs war, sondern über seine Firma auch in die HGAA investiert hatte? Der PR-Mann äußert sich dazu nicht. Seinem Anwalt lässt er ausrichten, Interessenskonflikte existierten nicht.

Viel lieber redet Essing über Harald Christ. Die beiden sind sich spinnefeind - und zwar nicht erst wegen Christs Aussagen zu Essings angeblicher Rolle bei der HGAA. Christ hat Essing angezeigt, weil dieser von einer Autobahnraststätte bei Düsseldorf aus ein anonymes Fax verschickt haben soll, in dem der Manager und SPD-Schattenminister der Pädophilie bezichtigt wurde (die SZ berichtete). Essing habe dies getan, weil Christ einen Beratervertrag mit ihm nicht habe verlängern wollen, vermutet Christs Anwalt, Ex-Bundesinnenminister Otto Schily. In einem zweiten anonymen Fax soll Essing den Wirtschaftsanwalt Brun-Hagen Hennerkes fälschlicherweise als Steuersünder beschuldigt haben. Essing bestreitet all dies. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt*. Es könnte sein, dass einige Vorwürfe strafrechtlich verjährt sind. Ein Sprecher sagte, die Ermittlungen würden noch andauern.

Hier beginnen die zwei Affären um vermeintliche Machenschaften von einem führenden deutschen PR-Agenten und um das Milliardendesaster der BayernLB miteinander zu verschmelzen. Essings Anwalt wirft Christ vor, dessen Darstellung über den HGAA-Deal sei der "Versuch, durch Falschbeschuldigungen, Gerüchte und Verdrehung von Tatsachen das Medienkarussell zu Lasten von Herrn Essing in Gang zu halten." Christ wiederum sagt, ihm habe Essing damals sogar einen Kontakt zu Tilo Berlin vermittelt, wobei auch über ein HGAA-Investment gesprochen worden sei. Das wiederum dementiert Berlins Anwalt. Christ sei Berlin nur "höchst oberflächlich" aus einer Zeit bekannt, als dieser sich in Hamburg einer Reihe von Personen vorgestellt habe. Zwei Affären, viele Behauptungen, Vorwürfe, Dementis und Gegenattacken. Was am Ende herauskommen wird, ist schwer abzuschätzen.

*Anmerkung der Redaktion: Im März 2011 hat die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren gegen Essing gem. 153a STPO nach Erfüllung von Auflagen endgültig eingestellt.