Bauten mit Geschichte Palast des Ostens

Der "Wohnpalast" in Berlin war ein Gegenentwurf der DDR zu den Mietskasernen der Kaiserzeit. Nun wurde das Haus im Bezirk Prenzlauer Berg aufwendig saniert.

Von Ingrid Weidner

Die Berliner Ostseestraße säumen funktionale Wohnblocks, Discounter und Gewerbebauten. Eher spröder Charme zeichnet die mehrspurige Durchgangsstraße am Prenzlauer Berg aus. Mit dem aufgehübschten Kollwitzplatz hat die Gegend wenig gemein, ein Café zum Beispiel suchen Besucher vergebens. Autos dominieren die Straßen, Fußgänger achten besser auf die Grünphase an der Ampel, um nicht unter die Räder zu kommen. Mit dem mächtigen Wohnblock am Ostseeplatz gibt es hier aber einen Ort mit Geschichte. Er wirkt wie aus der Zeit gefallen. Weder modern im Sinne des neuen Bauens der Zwanzigerjahre noch schlicht wie die späteren Plattenbauten. Gediegen, solide und handwerklich hochwertig bis ins Detail geplant und gebaut dagegen schon. Die etwa 200 Meter lange, neoklassizistische, klar gegliederte Front mit Attika, säulenförmigen Verzierungen an den Balkonen und Dekor im Putz, wirkt verspielt. Auch wenn es der sozialistischen Ideologie widerspricht, ähnelt das Gebäude eher einem Palast. Er sollte handwerkliches Geschick und planerisches Können demonstrieren.

"Die Bewohner hatten 50 Jahre lang improvisiert."

Auffallend ist die hochwertige, mit Steinputz gestaltete Fassade in Braun und Beige. Kunstvoll geschreinerte und mit Schnitzereien versehene Haustüren führen in ein großzügiges Treppenhaus. Die luxuriöse Gestaltung setzt sich in den Grundrissen der Wohnungen fort, die 73, 52 oder 45 Quadratmeter groß sind. Die 116 Wohnungen wurden im Rahmen des "Nationalen Aufbauwerks" der DDR gebaut. Die ersten Mieter zogen im Sommer 1954 ein.

Für damalige Verhältnisse waren die 1954 fertiggestellten Wohnungen im Prenzlauer Berg großzügig und luxuriös.

(Foto: Gewobag)

Zwischen 2013 und 2015 sanierte die neue Eigentümerin Gewobag Wohnungsbau-Aktiengesellschaft Berlin den Wohnblock denkmalgerecht und investierte circa 7,7 Millionen Euro. Heute gibt es dort neue, an das Original angepasste Holzfenster mit Isolierglas, eine wiederhergestellte Fassade und komplett renovierte Wohnungen. Die Gasthermen verschwanden und das Gebäude wurde an das Fernwärmenetz angeschlossen. Auch die Bäder wurden neu gestaltet. Viele Wohnungs- und Zimmertüren sind dagegen original erhalten und aufgearbeitet worden. Eine besondere Attraktion des Wohnpalasts am Ostseeplatz darf nicht fehlen, wenn die Gewobag regelmäßig Mietern und Interessierten die Geschichte des Hauses erzählt. An solchen Terminen schließt der Hausmeister den im Parterre gelegenen Kellerraum auf, legt den Schalter um und schon bewegen sich die Rollen der voll funktionsfähigen Kaltmangel, die seit den Sechzigerjahren dort steht und selbst während der Sanierung ihren Platz nicht verließ. Einfach, weil sie zu schwer war.

Während der Sanierung erhielt der Autor Michael Bienert den Auftrag, die Geschichte des Gebäudes zu recherchieren. "Die palastartige Fassade aus den Fünfzigerjahren war sehr heruntergekommen", erinnert sich Bienert, der sich seit vielen Jahren intensiv mit der Berliner Architekturgeschichte beschäftigt. Durchgerostete Fahnenstangen, die Attika baufällig und komplett umgestaltete Balkone zeigten unterschiedliche Phasen des Verfalls. Vernachlässigt, mit deutlichen Spuren der Mangelwirtschaft stand das ehemalige Vorzeigeobjekt am Ostseeplatz. In manchen Wohnungen gab es noch eine Ofenheizung, in anderen Gasthermen, deren Abluftrohre "die Fassade perforierten", wie Bienert es ausdrückt. "Die Bewohner hatten 50 Jahre improvisiert."‟ Doch die Gewobag entschloss sich, das ehemalige Schmuckstück der frühen DDR-Architektur denkmalgerecht zu sanieren. Bienert verpasste dem Gebäude den pathetisch klingenden Namen "Wohnpalast am Ostseeplatz".

Der Eigentümer Gewobag hat unter anderem die alten Balkone wiederhergestellt.

(Foto: Gewobag)

Bienert durchforstete Archive, um mehr über das sozialistische Vorzeigeobjekt zu erfahren, für das es anfangs sogar Führungen für Westberliner Bürger gab. Doch schon die Suche nach den Architekten verlief im Sand. Hermann Hanselmann, in den Fünfzigerjahren Chefarchitekt der DDR und für den Bau der Stalinallee, heute Karl-Marx-Allee, mitverantwortlich, besuchte wohl nur die Baustelle, wie ein Foto belegt. Geplant wurde das Gebäude von einem Architektenkollektiv aus Dresden. Mysteriös wurde es allerdings, als Bienert keine Baupläne fand.

In den Archiven der Bezirksbauämter fand sich nichts. Zu anderen Gebäuden dieser Zeit gab es zahlreiche Unterlagen der Kommunalen Wohnungsverwaltung der DDR, kurz KWV, die sich um die staatlichen Immobilien gekümmert hatte, oder auch von der Wohnungsbaugesellschaft Prenzlauer Berg, kurz WIP, die Ansprechpartner für die Mieter in der DDR-Zeit waren. Nachfolgeorganisationen hatten deren Archive übernommen, doch Unterlagen zum Wohnpalast waren nicht darunter. Über Umwege fand Bienert schließlich Baupläne und alte Mietverträge im Stasi-Archiv, denn in den 116 Wohnungen lebten Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. "Mietverträge wurden bis 1990 mit der Behörde geschlossen. Wer den Arbeitsplatz wechselte, musste dort ausziehen", berichtet Bienert.

Auch Türen und Fenster wurden denkmalgerecht modernisiert.

(Foto: Gewobag)

Heute ist die Mieterschaft bunt gemischt. "Schade, dass kaum Familien mit Kindern eingezogen sind", sagt Gudrun Müller. Sie lebt seit 35 Jahren mit ihrem Mann in einer großzügigen Erdgeschosswohnung am Ostseeplatz. 1980 zogen die Müllers mit ihren beiden Kindern dort ein, während der Sanierung mussten sie für ein knappes Jahr in eine Ersatzwohnung umziehen, doch sie wollten auf jeden Fall zurück. "Wir haben vorher schon am Prenzlauer Berg gelebt", erzählt die 71-jährige Rentnerin und fügt hinzu: "Mit zwei Kindern in einer Zweiraumwohnung war es sehr eng, deshalb waren wir froh, dass wir hier vier Räume hatten."‟ In einem ehemaligen Kinderzimmer hat sie sich ein Büro eingerichtet, im zweiten stehen ein Esstisch, Stühle und ein Buffet. In die oberen Etagen umziehen wollten die Müllers nicht, denn ohne Aufzug im Haus könnte es im Alter beschwerlich werden. Die ehemalige Übersetzerin schätzt die Nähe zur Straßenbahn, Supermarkt und Ärzten. Nur ein Restaurant gebe es nicht, klagt sie. Schon in den Achtzigerjahren begann Familie Müller, ihre Wohnung nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Sie verlegten im Bad neue Fliesen, versetzten die Badewanne. "Alle Veränderungen mussten abgesprochen werden", erinnert sich Müller. Nach knappen Baumaterialien befragt, erklärt die resolute Rentnerin: "Man musste dranbleiben."‟ Um die großzügige Wohnung haben sie Freunde immer beneidet. "Wir wollten nicht in einen Plattenbau ziehen."‟

Wohnungsbau spiegelt zu allen Epochen Zeitgeist und ideologische Gesinnung der Bauherren wider. In Berlin lässt sich dieses Nebeneinander besonders gut beobachten. Während die Mietskasernen der Kaiserzeit mit jedem weiteren Hinterhof schäbiger, die finanzielle und gesundheitliche Situation der Mieter prekärer wurden, experimentierten die Architekten der Weimarer Republik mit neuen Formen und Strukturen. Mehr Licht und Luft, bessere hygienische Bedingungen versuchten Architekten umzusetzen.

Wer seine Zeitreise an den Prenzlauer Berg noch mit einem Kaffee abschließen möchte, geht ein paar Straßen weiter und schlendert durch die Wohnstadt Carl Legien, die zum Weltkulturerbe gehört. Die zwischen 1928 und 1930 nach Plänen von Bruno Taut und Franz Hillinger geplante Siedlung beherbergt auch das Café Eckstern. Dort lässt sich gut darüber nachdenken, wie unterschiedlich gebaute Ideologie aussehen kann.