Bauen Fünf Grad, die magische Grenze

Früher hieß es: Im Sommer wird gebaut, im Winter wird abgerechnet. Heute stimmt das nur noch bedingt.

(Foto: Arno Burgi/dpa)

Frost und Feuchtigkeit sind die Feinde jeder Baustelle. Mittlerweile ermöglichen aber spezielle Materialien auch Arbeiten im Winter.

Von Felicitas Wilke

Ob Einfamilienhaus oder Großprojekt: Im Winter legten die Arbeiter auf den Baustellen der Republik früher eine mehrwöchige Pause ein. In einigen Städten wie Leipzig war es vor gut 100 Jahren sogar noch polizeilich verboten, bei Schnee und Frost auf der Baustelle einen Finger krumm zu machen. An den Arbeitslosenzahlen in Wintermonaten zeigt sich bis heute, dass auf dem Bau zu dieser Jahreszeit weniger helfende Hände gebraucht werden. Aber: Im Januar 2015 stieg die Quote geringer an als sonst. Das könnte auch daran liegen, dass Bauen im Winter immer üblicher wird.

"Früher galt die Regel, im Sommer wird gebaut, im Winter wird abgerechnet", sagt Michael Kordon, Vizepräsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. In den vergangenen Jahren hätten milde Winter jedoch regelmäßig dazu geführt, dass die Bauarbeiten bis Weihnachten andauerten und im Frühjahr eher wieder begannen.

Während der kalten Monate sollte alles abgedeckt werden, was feucht-oder frostempfindlich ist

Neben milden Wintern sorgen aber auch die Bauherren selbst für länger andauernden Betrieb auf den Baustellen. Es sei heute kaum noch üblich, den Rohbau eines Hauses über die kalte Jahreszeit austrocknen zu lassen, sagt Volker Wittmann vom Verband Privater Bauherren (VPB). "Für etwa neun von zehn Bauherren liegt die erste Priorität darin, möglichst schnell ins neue Haus einzuziehen und sich die Miete in der alten Wohnung zu sparen", erklärt Wittmann den Trend zum Bauen im Winter.

Es ist heute durchaus möglich, von November bis März am Objekt weiterzuarbeiten, dennoch gibt es Grenzen. Sinkt die Temperatur auf fünf Grad plus oder tiefer ab, stehen die Verantwortlichen vor der einen oder anderen Herausforderung. Das geht schon bei den Bodenarbeiten los. "Ist der Boden gefroren, wird es deutlich schwieriger, eine Grube auszuheben", erklärt Bauingenieur Kordon. Wenn es milder wird und der Schnee auftaut, stoßen die Arbeiter oft auf nasse und dementsprechend weiche Böden. Das wiederum führt zu Problemen beim Abtransport des Bodens. "Dann geht es nicht ohne aufwendige, technische Maßnahmen", sagt Kordon.

Eine Etage weiter oben spielen die Art der Bauarbeiten und das Material eine entscheidende Rolle. "Mechanische Montagearbeiten sind im Winter eigentlich unproblematisch", erklärt Bauherrenberater Wittmann. Wenn der Schnee nicht gerade meterhoch stehe, könnten beispielsweise Fenster eingebaut werden. Schwieriger gestalte es sich mit allen Baustoffen, die kälteempfindlich sind und von chemischen Prozessen abhängen. So sei gewöhnlicher Montageschaum, der zwischen Fenster und Rahmen angebracht werde, für die Anwendung bei Temperaturen unter fünf Grad nicht geeignet.

Fünf Grad - für viele chemische Prozesse von Baumaterialien stellt dies die magische Grenze dar. So stoße Beton bei sehr kalten Temperaturen an seine Grenzen, sagt Kordon. Der Baustoff besteht aus Wasser, Kies und Zement. Gefriert das Wasser, kann der Beton nicht mehr so aushärten, wie er sollte. Der Grenzwert von fünf Grad habe sich zwar mittlerweile nach unten orientiert, erklärt Kordon. Dank neuer Zusatzstoffe könne Beton heute auch noch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt aushärten. Darunter werde es aber schwierig und aufwendig.

Auch der Putz verliert an Festigkeitsentwicklung, wenn die Temperatur sich dem Gefrierpunkt nähert. Der weniger feste Putz ist in der Folge beim Trocknen rissanfälliger. Es gibt zwar inzwischen spezielle Putzmörtel-Wintermischungen, deren Verarbeitung an niedrige Temperaturen angepasst ist. "Aber die übliche Qualität erreicht man unter fünf Grad nicht", erklärt Wittmann. Für spachtelbare Abdichtungen gilt dem Bauingenieur zufolge eine ähnliche Regel. Unter fünf Grad werden auch sie oft zu weich und erreichen nicht ihre gewöhnliche Widerstandsfähigkeit.

Auch für Farbe und Estrich gilt laut Wittmann die Fünfgradgrenze. "Ist es kälter, bindet die Farbe nicht mehr ab", erklärt der VPB-Berater. Die Folge: Sie hält nicht dauerhaft und die Arbeit beginnt von vorne. Es ist Wittmann zufolge mittlerweile gängige Praxis, den Estrich noch vor Weihnachten zu verlegen, damit er bis zum neuen Jahr trocknen kann. Dafür sei es aber eine wichtige Voraussetzung, dass regelmäßig und abwechselnd gelüftet und geheizt werde, um die Feuchtigkeit abzutransportieren. Sonst drohe Schimmelbefall.

Um überhaupt lüften zu können, sollte der Estrich erst verlegt werden, wenn der Hausbau weit fortgeschritten ist. Die Fenster sollen also beispielsweise bereits eingebaut sein. Die Wärme zum Heizen kommt dann häufig über spezielle Baustellenbeheizer. Theoretisch, erklärt Kordon, könne man im Winter über jede Baustelle ein Zelt bauen und sie einheizen. Dann aber steigt der Aufwand für den Bauunternehmer - und für den Bauherrn wird es teuer. Denn die Beheizer laufen in der Regel mit der teuren Energiequelle Strom. "Die Rechnung für den Bauherrn kann über die kalten Winterwochen schnell auf über 1000 Euro steigen", sagt Volker Wittmann. Das sei aber gut angelegtes Geld. Denn: "Für eine aufwendige Schimmelsanierung können schnell bis zu 8000 Euro fällig werden."

Während der kalten Monate sollte auf der Baustelle alles abgedeckt werden, was feucht oder frostempfindlich ist. Dazu gehört Wittmann zufolge unter anderem Mauerwerk, denn starke Nässe entwickelt bei eisiger Kälte eine Sprengwirkung, welche die Mauersteine sogar zerstören kann.

Sensibel sind auch Holzbauteile wie der Dachstuhl. Ist das Dach noch nicht gedeckt, können Planen oder Notdächer aus Unterdeckbahnen im Winter aushelfen. Die meisten Unterdeckbahnen sind aber meist nur maximal drei Monate lang UV-beständig, erklärt Wittmann.

Die Dämmung ist ein weiterer Aspekt, auf den Bauherren im Winter achten sollten. Die oft weichen Dämmmaterialien wie Mineralwolle müssen den Winter über trocken bleiben. Je nach Witterungslage könne dies zum Problem werden, warnt Bauexperte Kordon.

Doch nicht nur für die kälte- und feuchtempfindlichen Materialien ist der Wintereinsatz eine Herausforderung. "Wenn die Arbeiter bei Minusgraden Eisen flechten und verlegen müssen, dann kann die Leistung nicht die gleiche sein wie bei Plusgraden", stellt Kordon fest. In den vergangenen Wochen dürfte ihnen die Arbeit jedoch leicht von der Hand gegangen sein. "Bislang hatten wir ja keinen gescheiten Winter", sagt er.