Die Banken schwatzen den Deutschen schlechte Geldanlagen auf - das ist ein Fall für die Politik. Jetzt gibt es neue Regeln.
Die Deutschen sind gründliche Konsumenten. Wenn sie ein Auto kaufen oder einen Flachbildfernseher, machen sie sich vorher schlau. Manche machen sich so schlau, dass sie den Verkäufer ins Schwitzen bringen. Bei der Geldanlage dagegen verhalten sich viele Deutsche anders.
Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise rächt es sich, dass die Deutschen ihrer Bank zu sehr vertrauen. (© Foto: dpa)
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Sie lassen sich genau die Finanzprodukte aufschwatzen, die den Banken hohe Gebühren bringen: überflüssige Versicherungen, teure Fonds, Wertpapiere, die dann auf einmal wertlos werden. Bei der Geldanlage verhalten sich viele Deutsche, als könnten sie ein Auto nicht von einem Flachbildfernseher unterscheiden.
Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise rächt es sich, dass die Deutschen ihrer Bank zu sehr vertrauen. Zehntausende Bürger wollten Millionen Euro sicher anlegen, um zum Beispiel im Alter etwas zu haben. Ihre Berater verkauften ihnen Zertifikate der US-Bank Lehman Brothers, die schöne Gebühren brachten. Viele Kunden kannten weder Lehman noch erfuhren sie, dass ihr Geld bei einer Pleite weg wäre.
Nach dem Crash kannten sie Lehman, und ihr Geld war weg. Neben diesem großen Drama gibt es unzählige kleinere Dramen, bei denen Kunden zum Beispiel teure Fonds kauften und ihnen die Bank verschwieg, dass sie von der Fondsfirma heimlich Gebühren kassierte.
Das ist so, als ob der Zahnarzt einem die Löcher mit einem bestimmten Material stopft, weil er Provisionen vom Hersteller kassiert. Einem solchen Zahnarzt würden viele Deutsche misstrauen. Den Banken, die seit Jahrzehnten derartige Gebühren kassieren, vertrauten sie. Schlechte Beratung kostet die Deutschen jedes Jahr 20 bis 30 Milliarden Euro, schätzt eine Studie.
An diesem Freitag beschließt der Bundestag endlich neue Regeln für den Anlegerschutz. Zu herzzerreißend waren die Geschichten von Menschen, die ihr Geld verloren, das sie dringend fürs Alter gebraucht hätten. Man mag der Bundesregierung Trendsurferei vorwerfen. Fest steht, dass sie erstmals wirklich daran geht, Anleger zu schützen.
Um Schadenersatz zu bekommen, musste bisher meist der Kunde nachweisen, dass ihn die Bank schlecht behandelt hatte, dass er etwas Sicheres fürs Alter wollte und der Berater ihm trotzdem Lehman-Zertifikate verkaufte. Meistens siegte vor Gericht die Bank. Künftig muss das Geldhaus protokollieren, was der Kunde wollte und was sie ihm dann empfahl. Wer von seiner Bank verraten und verkauft wird, kann seine Ansprüche besser durchsetzen. Außerdem beendet die Regierung den Widersinn, dass schlechte Beratung besonders schnell verjährt.
Es wäre ein Fehler, wenn die Politik sich nach dieser Woche gleich wieder aus dem komplexen Thema zurückzöge. Einige Geldhäuser werden ihre schlechten Gewohnheiten verteidigen. Sie werden die Lücken im Gesetz suchen. Manche Banker haben sich darauf spezialisiert, ihren Kunden undurchsichtige Produkte anzudrehen.
Manche dieser Zertifikate verkauften sich nur in Deutschland gut, weshalb internationale Finanzmanager gern vom "stupid German money" sprachen, von den dummen deutschen Anlegern. SPD und Union müssen darauf achten, dass ihre Paragraphen in der Realität funktionieren - damit es endlich so etwas wie Waffengleichheit zwischen Banken und Anlegern gibt.
Wahr ist aber auch, dass die Deutschen für diese Waffengleichheit selbst etwas tun müssen. Kein Gesetz der Welt verhindert, dass eine Anlage verliert, wenn die Börsen schlecht laufen. Wer mehr Gewinn möchte, muss sich in den Medien oder bei Verbraucherschützern über die Risiken erkundigen, die gewinnträchtige Produkte zwangsläufig haben. Wer nicht auf die Nase fallen möchte, muss sich über Geldanlagen so informieren, als ob er ein Auto kaufen will oder einen Flachbildfernseher. Am Bankschalter lässt sich viel mehr Geld verlieren als beim Kauf anderer Produkte, über die sich die Deutschen so gerne sehr schlau machen.
- Geldanlage Breit streuen, aber richtig 01.07.2009
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(SZ vom 03.07.2009/hgn)
DFB-Pleite gegen die Schweiz
Zitat: "Das ist so, als ob der Zahnarzt einem die Löcher mit einem bestimmten Material stopft, weil er Provisionen vom Hersteller kassiert. Einem solchen Zahnarzt würden viele Deutsche misstrauen."
Das ist nicht ALS OB, sondern im Gesundheitswesen leider üblich. Ärzte bekommen schon lange für alles mögliche "Entgelte". Man könnte auch sagen, sie werden bestochen.
Sie bekommen Geld für "Anwenderstudien", die niemals ausgewertet werden, und verschreiben dann natürlich viel lieber ein bestimmtes Medikament.
Sie bekommen Geld für diagnostische Vorleistungen von einem Krankenhaus. Aber in Wirklichkeit geht es darum, dass sie etwas dafür bekommen, wenn sie Patienten in die bestimmte Klinik einweisen. Mit Pflegeheimen verhält es sich ähnlich. Das ist gängige Praxis in vielen Betrieben.
Unser Problem ist, dass wir den alten Volksspruch "Trau schau wem" vergessen haben.
Und beim Geld: Die Wirtschaftsbildung ist unzureichend. Viele Menschen haben keine Vorstellung davon, dass die Wirtschaft eine Art Kreislauf ist, wie Güter und Gelder strömen usw. Geld arbeitet nicht; Menschen arbeiten. Wenn ich viele Zinsen bekomme, bekommt jemand anders wenig Lohn. Und dieser jemand könnte im Zweifel ich selber sein.
Und wenn man wirklich 8, 10, 20 Prozent Rendite erwirtschaften könnte, auf Dauer, wer würde dann noch sein Geld anders anlegen? Säßen die Fachleute dann in Büros und würden arbeiten?
Man macht sich halt allzu gern Illusionen.
Hauptgrund für das Nicht-Auseinandersetzen mit Geldanlagen dürfte Bequemlichkeit sein. Oder sind alle Autokäufer Ingenieure? Informationsquellen über Geldanlagen sind zahlreicher als über Autos. Und wer braucht für seine Geldanlage heutzutage noch seine Haus- oder Direktbank? Investmentfonds beispielsweise lassen sich ohnehin am günstigsten über freie Fondsvermittler bzw. Fondsshops kaufen. Meine Aktienfonds halte ich in einem Fondsdepot, welches ich über den Fondsvermittler PROfinance-direkt (www.profinance-direkt.de) abgewickelt habe, wo ich meine Fonds ohne Ausgabeaufschlag bekomme und zusätzlich sogar eine Treueprämie auf den Fondsbestand erhalte. Das gibt es bei keiner Bank.
Der Bundestag wie die Bundesregierung ist eine Bankeneinrichtung. Die meisten Gerichte in Bankensachen ebenso.
cc.
Man kann es als Erfolg feiern, wenn der Gesetzgeber die Sparer und Anleger gegenüber der Finanzindustrie schützen will, so wie der Autor es darlegt.
Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass in dem ursprünglichen Gesetzesentwurf eine Beweisumkehr vorgesehen war, in der nicht der Kunde sondern das Finanzinstitut den Nachweis führen sollte der Falschberatung.
Vor laufender Fernsehkamera hat die derzeitige "Verbraucherschutzministerin" Ilse Aigner erklärt, dass in den "Beratungen" zu deutsch durch massiven Druck der Finanzlobby dies nicht umgesetzt wurde.
Außerdem sind die Verkäufer - früher "Bankberater" oder "Bankbeamte" genannt,- durch die Sptzen der Institute extremen Druck auf Verkauf bestimmter Produkte ausgesetzt.
In Deutschland dürfen "Finanzprodukte" verkauft werden - gesetzlich abgesichert - die in den USA, Kanada, Großbritannien und weiteren Ländern aufgrund ihrer Unsicherheit nicht veräußert werden dürfen. (Im Falle eines Flops kann man es ja beim Staat abladen)
Belege für diese Aussage: Siehe entsprechende Webseiten der deutschen Institute.
Warum soll man staatlichen und halbstaatlichen Finanzinstituten Vertrauen schenken, wenn deren Management derartige Gesetze erlassen.
Für eine Information welche Geschäftsbank, staatliche oder halbstaatliche Bank, welche Privatbank stystemisch bzw. systemrelevant - und welche nicht - ist wäre ich dankbar. Konnte bisher leider keine derartige Liste finden. Besten Dank.
Zitat:"Um Schadenersatz zu bekommen, musste bisher meist der Kunde nachweisen, dass ihn die Bank schlecht behandelt hatte, dass er etwas Sicheres fürs Alter wollte und der Berater ihm trotzdem Lehman-Zertifikate verkaufte. Meistens siegte vor Gericht die Bank."
Bei solch oberflächlicher Aneinanderreihung von Fakten kommt es dann zu einem widersprüchlichen Bild, das bei etwas sorgfältigerer Formulierung bzw. Umgang mit den Zusammenhängen verständlicher wird.
Beispiel: "trotzdem Lehman-Zertifikate verkaufte"
Lehman galt bis 2 Jahre vor dem Zusammenbruch als solide Bank. Selbst am Tag der Insolvenzanmeldung hatte sie noch ein A-Rating. Es kommt also auf den Zeitpunkt des Verkaufs an, ob man dem Bankmanager etwas vorwerfen kann.
Der Grund für viele Urteile gegen die Banken war denn auch das Verschweigen von Provisionen für den Verkauf von Zertifikaten
Also: bessere beispiele wählen oder genauer erklären, dann kommts auch nicht zu verdergründig überraschenden "Feststellungen"
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