Nach 20 Jahren Planung, Verzögerungen und Protesten soll die unterirdische Station "Stuttgart 21" jetzt gebaut werden.
Das, was in der Realität viele Jahre brauchen wird, dauert hier nicht einmal fünf Minuten. Gräben tun sich auf, Schienen wandern, Bäume verschwinden - und plötzlich ist alles untertunnelt.
Anzeige
Das geht schön geräuschlos auf Computeranimationen und Modellen im Turm des Stuttgarter Bahnhofs, wo auf vier Ebenen gezeigt wird, wie das alles einmal aussehen soll: Stuttgart 21, der unterirdische Bahnhof und die Schnellbahnstrecke nach Ulm. Und es sieht gut aus auf den Modellen, die Stadt verwandelt sich in wenigen Minuten, es macht ein paar Mal "pft, pft", die Ebenen des Modells verschieben sich durch Pressluft. Ansonsten macht die Verwandlung keinen Lärm und keinen Dreck und es ist auch niemand da, der gegen das Milliardenprojekt Einspruch erheben würde.
Es ist nämlich gar niemand da im Turm des Stuttgarter Bahnhofes an diesem Nachmittag, der sich anschauen will, wie dramatisch die Stadt sich in den nächsten Jahren verändern wird. Die Stadt wird danach nicht mehr dieselbe seien. Das ist der Plan.
Die Stuttgarter strömen wahrscheinlich auch deshalb nicht in die Ausstellung im Bahnhofsturm, weil in der Stadt eine gewisse Stuttgart-21-Müdigkeit herrscht. Es wird schließlich schon so lange darüber geredet und diskutiert, zwei Jahrzehnte, dass kaum noch jemand glaubte, dass es tatsächlich einmal passieren wird.
Das wird es aber, in diesen Tagen wollen die Bundesregierung, die Bahn, das Land Baden-Württemberg und die betroffenen Städte die Verträge über das Projekt unterschreiben, das mindestens 5,1 Milliarden Euro kosten soll. Vor 20 Jahren, als die ersten Pläne gemacht wurden, dachten manche noch, es werde die ganze Sache vielleicht umsonst geben. Es war eine revolutionäre Idee und eine recht einfache dazu: Die Bahnhöfe in besten Innenstadtlagen werden unter die Erde verlegt, die überirdischen Gleise werden entsorgt und die frei werdenen Flächen an Investoren verkauft, was wiederum den unterirdischen Bahnhofsbau finanziert. Und alle sind glücklich.
33 Kilometer Tunnel in der Stadt
Viele Städte zeigten sich interessiert, es gab Überlegungen zu München 21, Frankfurt 21 und eben die Pläne in Stuttgart, die als einzige übrig blieben, weil es den anderen zu teuer war. Zwei Jahrzehnte debattierte man in Stuttgart und rechnete und machte Probebohrungen. Mehrere hundert Millionen Euro wurden bereits ausgegeben, die dann schließlich auch zu einem Argument für den Bahnhof wurden, da sie sonst verloren seien.
Im Jahr 2010 soll es nun wirklich losgehen. Es wird eine logistische Großtat werden. Der Stuttgarter Bahnhof soll bei laufendem Betrieb unter die Erde gelegt werden, 33 Kilometer Tunnel müssen allein im Stadtgebiet gegraben werden.
Der neue Bahnhof liegt quer zur derzeitigen Fahrtrichtung. Aus dem Sackbahnhof wird eine Durchgangsstation mit nur noch acht anstatt 16 Gleisen. Die Züge werden von etwa 2018 an nicht mehr durch das Neckartal in Richtung Ulm fahren, sondern über den Stuttgarter Flughafen und ab Wendlingen über eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke, die entlang der Autobahn A 8 verlaufen wird.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 3 nächste Seite
PR, PR.
Richtig der Stuttgarter Bahnhof ist nicht im besten Zustand. Seit man an Stuttgart 21 bastelt, wurde kaum mehr etwas investiert. Natürlich ist eine Renovierung nötig, aber das geht auch, ohne den Bahnhof zu zerstören. Man schaue sich Frankfurt an.
Ich versichere Ihnen: Die protestierenden Architekten kennen den Bahnhof sehr gut und sie verstehen auch etwas von Architektur, vor allem aber von Städtebau. Der Satz "nur" die Flügel würden abgerissen, beweist allerdings, dass das beim Verfasser nicht der Fall ist. Dann kann man in München ja mal "nur" einen Flügel der Residenz abreißen. Also: Die Flügel gehören unbedingt zum Bahnhof dazu, denn sie geben dem Gebäude die entsprechende Kontur und schirmen ihn zu den Straßen hin ab. Ich empfehle: Einfach Mal mit offenen Augen ein bißchen in und um den Bahnhof spazieren, dann wird schnell klar, dass mit dieser Amputation der Bahnhof zerstört wird. Im übrigen wird es auch im Inneren Veränderungen geben. So fällt die Haupttreppe weg, noch so ein architektonische Schandtat. Nur die Verantwortlichen können nicht dreidimenional denken. Sie argumentieren, die Flügel würde man sowieso nicht sehen, der Kopf würde ja erhalten bleiben. Schön also, man muss keine neuen Postkarten herstellen. Aber eine Postkartenperspektive hat leider nichts mit gutem Städtebau zu tun.
Ich steige regelmäßig in Stuttgart um. Aus München kommend in Richtung Karlsruhe, Heilbronn oder Reutlingen. Gerade zu den verkehrsstarken Zeiten sind diese Züge einfach voll. Und leeren bzw. füllen sich vollständig. Dadurch, dass sie im Moment gut 10 Minuten vor Abfahrt bereitgestellt werden bzw. nicht sofort nach Ankunft wieder abfahren müssen entzerrt sich der Fahrgastwechsel ganz enorm. Das ist kein Vergleich zu z.B. Mannheim, wo man sich mitunter in einer Stampede wähnt.
Und die Passerelle auf Bahnsteigmitte ist eine Unterführung unter den Bahnsteigen, die zwar niedrig ist, aber dafür auch mit wenigen Treppenstufen erreichbar. Kein Vergleich zu dem Gelaufe, das man in Frankfurt oder München auf sich nehmen muss.
Und ja, sie haben Recht: Es ist ein Fernverkehrsprojekt. Allerdings keines, das im Rahmen der TEN-Projekte förderwürdig wäre. Weswegen die Landesregierung solche Kunstgriffen anwendet, wie z.B. Gelder aus dem Topf der Regionalsierungsmittel für S21 abzuzweigen.
Ihr Argument, dass Kopfbahnhof 21 letzlich ähnlich teuer käme kann ich nicht nachvollziehen. Jeder Ausbau am Kopfbahnhof lässt sich in Etappen vornehmen. Jede dieser Etappen bedeutet einen Fortschritt, erlaubt aber auch einen Abbruch des Ausbaus, wenn der Kostenrahmen überschritten wird. Der Tunnelbahnhof hingegen wird zu einem Himmelfahrtskommando: Wenn die ersten Milliarden geflossen sind, wird sich nichts mehr abbrechen lassen - da wird die Staatskasse erst angestochen und dann sprudelt das Geld einfach munter weiter. Einen solchen Freibrief zum Abmelken von Steuergeldern halte ich für unverantwortlich.
Außerdem muss das Gleisvorfeld im Kopfbahnhof auch für Stuttgarz 21 neu geordnet werden: Während der Bauphase werden die Bahnsteige schließlich verlegt und Vorfeld verkürzt. Eine solche Umordnung muss also bei Stuttgart 21 auch irgendwo schon eingepreist sein. Wie man nach Wegfall mehrerer dutzend Kilometer Tunnel in schwierigem Untergrund dann trotzdem auf einen nahezu gleichen Preis kommen will, ist mir schleierhaft.
das stimmt so nicht ganz: natürlich ist es richtig, dass die Umstellung von Kopf- auf Durchgangsbahnhof nur wenige Minuten spart. Die genannten Verspätungspuffer sind allerdings auch bei einem Kopfbahnhof sehr problematisch: Derzeit sind Aufenthalte von vier Minuten in Stuttgart vorgesehen, etwa die Zeit die zur Zugwende benötigt wird - reinholen lässt sich da garnichts. Nächstes Problem ist die Anfahrtsgeschwindigkeit von 30km/h (und nicht nur im Bahnsteigbereich, sondern auch im komplexen Vorfeld von über 200 Weichen - welche auch gerne mal Ausfallen). Der Fahrzeitgewinn incl. Umbau von Stuttgart Hbf liegt tatsächlich nur bei 6-7 Minuten, allerdings ist ein Umbau so oder so notwendig. Obwohl das Projekt Kopfbahnhof 21 noch nicht einmal komplett durchdacht ist (Stichwort Bereitstellung der Strecke), ist ein Budget von 4.5 Milliarden Euro nicht unrealistisch. Setzt man den Preisunterschied in Zusammenhang mit dem Fahrzeitgewinn ist die Kosten-Nutzen-Rechnung bereits positiv. Gäbe es eine wirklich deutlich günstigere Möglichkeit - gerne auch im Prinzip Kopfbahnhof - ich wäre definitiv nicht dagegen.
Das der Löwenanteil des Verkehrs in Stuttgart endet und nicht durchfährt ist allenfalls im Regionalverkehr richtig - das ist aber in fast jeder Großstadt so. Beim Fernverkehr (um den es hier eigentlich geht) sieht das ganz anders aus: so endet in Stuttgart kaum ein Fernverkehrszug (mir fällt spontan ein IC aus Karlsruhe im Zweistundentakt ein, in der anderen Stunde geht dieser Zug weiter nach Nürnberg/Passau und ein ICE aus Richtung Frankfurt ein). Die allermeisten ICEs und ECs fahren weiter Richtung München, die Intercitys biegen nach Nürnberg ab (derzeit ist es zwar richtig, dass jeder zweite ICE aus Münster/Dortmund in Stuttgart endet und von da an als IC weitergeführt wird, was aber am Mangel an ICE3 Zügen liegt, nur temporär ist und nicht beabsichtigt war, ebenso wie der TGV der bis dato in Stuttgart endet, in Zukunft aber weiter nach München/Wien fahren wird).
Was an verkürzten Ein- und Ausstiegszeiten so schlimm sein soll frage ich mich aber allerdings - ebenso wie genannte Passerelle auf Bahnsteigmitte: entweder ich bin blind (was durchaus sein kann) oder die haben das Ding seit ich vor einer Woche das letzte mal dort war aus dem Boden gestampft.
Also nach mehrfacher Lektüre dieses Artikels kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass das ein PR-Artikel ist.
DIe Argumente der Gegner werden auf die Architekturfrage reduziert und damit der Lesart der Befürworter angepasst. Kein Wort von betrieblichen Aspekten, die auch einen großen Teil des Widerstands verursachen.
Auch kein Wort davon, dass es das Projekt sehr analog zum Transrapidprojekt verläuft: Veraltete Kostenschätzungen, laufende Umplanungen, die aber nicht veröffentlicht werden, Salamitaktik bei der Preissteigerung, Diffamierung der Gegner statt offener Information usw. usf.
Und wes Geistes Kind dieser Artikel ist, zeigen auch Ton und Inhalt des letzten Absatzes: "Bevor die Bauarbeiten an Stuttgart 21 aber richtig beginnen, wollen Stadt und Bahn nochmal laut für das Projekt und um die Gunst der Bürger werben. Dafür soll in der Innenstadt ein Pavillon aufgestellt werden, der nicht so versteckt ist wie die Ausstellung im Bahnhofsturm. Und prompt gibt es wieder Streit um den Standort."
Kein Wort davon, dass der Pavillon rund 1 Million Euro an Steuergeldern kosten soll. Und kein Wort davon, dass der strittige Standort ausgerechnet der für viel Geld aufgwertete und entschrottete Schlossplatz sein soll. Auch kein Wort davon, dass die Wut der Gegnerschaft auf die Pavillonplanungen sich darauf bezieht, dass dort mitnichten neue Informationen zu erwarten sind, sondern weiterhin heiße Luft in Sprechblasen ohne jede Substanz. Dafür sind 1 Million Euro SEHR viel Geld...
Die Neubaustrecke zum Ersatz der Kriechspur über die Geislinger Steige hat mit der Tieferlegung des Hauptbahnhofes nichts zu tun. Beides sind unabhängige Projekte, auch wenn das Land und die Bahn versuchen die Projekte unter dem Mantel "Stuttgart 21" gemeinsam zu verkaufen. Was purer Etikettenschwindel ist.
Die Tieferlegung des Bahnhofs trägt zum Fahrzeitgewinn bestenfalls wenige Minuten bei. Kostet aber in einer ähnlichen Größenordnung wie die Neubaustrecke als solches, die die eigentliche Fahrzeitgewinne einfährt.
Das Geld für den Bahnhof wäre für den Ausbau der Zulaufstrecken im Regionalverkehr erheblich sinnvoller angelegt. Denn nach meinem Informationsstand läuft der Löwenanteil der Verkehre nicht über Stuttgart sondern beginnt und endet dort. Und für diese Reisenden bringt der neue Bahnhof keinerlei Vorteile, sondern nur Nachteile (z.B. kein ebenerdiger Zugang zu den Bahnsteigen mehr, stark verkürzte Ein- und Aussteigezeiten, keine Verspätungspuffer wegen Gleisbelegungen, deutlich schmalere Bahnsteige). Und selbst für Umsteiger bedeutet der neue Bahnhof faktisch längere Wege, da die Passerelle auf halber Bahnsteiglänge entfällt.
Paging