Was früher Ruinen zierte, wird zum Stilelement an Neubauten: Knöterich und Wein erklimmen die Fassaden. Das Laub-Mäntelchen macht die Gebäude zwar grüner, aber längst nicht ökologischer.
Erst waren es nur die Dächer, überzogen von Magerrasen. Nun grünt es auch auf den Fassaden: Blätter flattern im Wind, Weinlaub wächst die Wände empor. Von Shanghai über München bis nach Istanbul ranken sich Pflanzen um Häuser, Hallen und ganze Wohnblöcke.
Rascheln im Architektenwald: Studentenwohnheim in Garching (© Foto: Baumgart/SZ)
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Das schlechte Gewissen unserer ressourcenverschlingenden Zivilisation überzieht die Bauwelt mit Öko-Mänteln. Häuser verwandeln sich in Grünzonen, ihre Stirnflächen sind überwuchert wie Steingärten. Die Architektur scheint im Schoß der Natur ganz neu zu erblühen. Auch wenn die ökologisch wirksamen Lösungen des Fachs, die Null-Energie-Bauten und die dichten Wohnquartiere, noch immer viel zu selten realisiert werden.
Der Trend zu grünen Hüllen ist allgegenwärtig. Im Osten Shanghais kann man sehen, wie sich Natur und Architektur durchdringen. Der japanische Architekt Kengo Kuma hat eine poetische Reflexion über das Thema Grün und Wand entworfen. Schicht auf Schicht stapelt er verspiegelte Pflanzentröge, dazwischen fällt Licht durch eine Glasfassade ins Atrium. Nachts kehren sich die Bezüge um, weißgelbes Leuchten dringt dann zwischen den schimmernden Trögen nach außen.
Wenn es einer letzten Verfeinerung des Gewächshauses bedurft hatte, so ist sie im Z58 von Zhongtai Lighting zu besichtigen. Die Lichtfirma ließ 2006 eine ehemalige Uhrenfabrik nicht abreißen, sondern kunstvoll umnutzen. Auch das gibt es mittlerweile in China: nachhaltiges Wirtschaften. Eine "Kathedrale des Lichts" nannte Kuma das Haus, das Schichten von Natur und Architektur zu einem elaborierten Baumkuchen verschränkt. Auf Grün und Glas folgt ein Vorhang aus Wasser, der die geschäftige Metropole akustisch draußen lässt. Nur im Obergeschoss hat der Japaner die Ordnung der Moderne wiederhergestellt. Zwei Gästeappartements thronen auf dem Haus, natürlich mit Blick ins Grün.
Das Ende letzten Jahres in Istanbul eröffnete M1 Meydan Shopping Center von FOA (Foreign Office Architects) hüllt sich in Wiesenschaumkraut wie in einen Pelzmantel. Wogende Dächer und begrünte Flanken sollen Besucher zu einem Picknick mit Blick auf den zentralen Platz einladen, unter dem sich wiederum das Parkdeck befindet.
Camouflage ganz anderer Art betreibt der Blackbox-Pavillon in Delft. Da es sich um einen temporären Bau handelt, verwendeten die Studierenden der Technischen Universität komprimierte Steinwolle als Baumaterial. Was sonst als ordinäres Substrat in Gewächshäusern ausliegt, wird zum Fassadenelement, das die universitären Tüftler mit verschiedenen Pflanzen imprägnierten. Dank eingebauter Wasserleitung gedeihen ihre Freeclimber auch im Sommer. Fünf Jahre sollen Pflanzen- und Gebäudehülle halten, dann wird ein neuer Pavillon errichtet.
Ein anderer Bau steht in Garching. Vor fast drei Jahren errichteten die Münchner Architekten Fink + Jocher den Urahn der grünenden Fassaden. Blattwerk umspielt Bauwerk. Eigentlich sehen die beiden je 32 Meter langen Gebäude, die den Deutschen Architekturpreis 2007 erhielten, aus wie Tarnkappenbomber, die am Rande der Gemeinde niedergingen. Anthrazitfarbene Betonteile stehen zackig in die Höhe, halb Balkon, halb Erschließungselement. Vor den wogenden Aussichtsplattformen spannt sich ein Stahlnetz, das langsam von Laub in Besitz genommen wird. Unter der blättrigen Hülle entsteht ein eigenes Mikroklima, das die Mittagssonne ausblendet und Blickschutz bietet. Im Winter, wenn jeder Sonnenstrahl zählt, wird das Gebäude wieder hart und kantig, ganz wie es die Architekten wollten.
Die Invasion von Knöterich und Weinlaub markiert einen Bruch mit der Moderne, die alles sein konnte, nur nicht Natur. Überwucherte Fassaden verheißen nichts Gutes. Sie zierten pittoreske Ruinen und begrünen den Abgesang auf die Zivilisation. Keine Dekade hat dies so zelebriert wie die siebziger Jahre. Im Science-Fiction-Filmklassiker "Flucht ins 23. Jahrhundert" lebt die Menschheit in unterirdischen Städten. Washington erstickt derweil unter Lianen, Schlingpflanzen würgen das Kapitol, das Weiße Haus ist ein grünes Haus geworden. Als die Hauptdarsteller Michael Yorck und Jenny Agutter schließlich als futuristisches Adam-und-Eva-Paar die Oberfläche erreichen, hat sich grüner Trauerflor über die Hauptstadt gelegt.
Die skeptischen Siebziger haben uns wieder, und zwar im globalen Maßstab. "Eine Welt, die langsam in der Wüste verschwindet, im Dschungel, unter Lianen oder im Meer", hatte Grafik-Designer Jorge Schmidt vor Augen, als er das deutsche Cover zu Alan Weismans Bestseller "Die Welt ohne uns" entwarf. Dschungel verschlingt den Kölner Dom. Tarzan sei ihm dabei durch den Kopf gegangen und King Kong, erinnert sich Schmidt, "alles ist überwuchert und verwachsen." Manche Fassaden von heute sind gar nicht mehr so weit davon entfernt. Natur bemächtigt sich der Zivilisation.
Die Frage aber bleibt: Wollen wir nur unser schlechtes Gewissen tarnen? Oder wollen wir endlich anfangen, die Häuser nicht nur grüner, sondern auch ökologischer zu erbauen?
(SZ vom 14.05.2008/beu)
Surfrider Beach in Malibu
Eine merkwürdige Vorstellung, dass nur die Technik ökologisch ist, lebende Pflanzen und Tiere dagegen nicht. Fassaden- und Kletterpflanzen haben ganz starke ökologische Wirkungen und SIND Natur, schonen sie nicht nur.
Und im Übrigen gibt es auch eine ästhetische, psychologische Wirkung: Lebende Wesen anzuschauen ist einfach schöner und gesünder als nur Beton, Glas, Stahl und Asphalt zu sehen.
Selten habe ich einen so oberflächlichen Artikel gelesen. Was hat das alles mit den "skeptischen" Siebzigerjahren zu tun? Waren die überhaupt skeptisch? Da wird die ganze Zeitgeschichte aus einem Film und einem Buch erklärt. Und woher weiß der Autor, dass die Motivation für mehr Pflanzen nur ein schlechtes Gewissen sei? Das ist doch anmaßend. Da hat doch einer Scheuklappen auf.
Der Bund Naturschutz fordert seit Jahrzehnten "mehr Grün in die Städte", auch an Fassaden, siehe z. B. http://www.traunstein.bund-naturschutz.de/index.php?id=2191.
Ökologischer deshalb, weil das Grün im Sommer Schatten spendet und damit den Bedarf für Klimaanlagen verringert.
wieviel Vögel und Insekten "in" meiner Fassade wohnen, dann kann ich schon sagen: mein Haus bietet nicht nur mir Lebensraum.