Anbieterwechsel Wie Kunden von den sinkenden Strompreisen profitieren

Strom kostet Geld - immerhin 2015 wohl für viele Verbraucher weniger als bisher

(Foto: dpa)
  • Viele Stromanbieter senken zum Jahreswechsel ihre Preise. Millionen von Haushalten können so bis zu 81 Euro im Jahr sparen.
  • Verbraucherschützen raten: Kunden sollten sich jetzt informieren und über einen Wechsel des Anbieters nachdenken.
Von Berrit Gräber

Kunden können bis zu 81 Euro sparen

Fast nicht zu glauben: Erstmals seit gut 14 Jahren müssen deutsche Stromkunden zum Jahreswechsel keine neue Teuerungswelle hinnehmen. Im Gegenteil: Für Millionen Haushalte wird Strom im neuen Jahr endlich mal wieder billiger. Die ersten 33 Anbieter haben zum Januar 2015 Preissenkungen in der Grundversorgung angekündigt, bestenfalls um bis zu 5,4 Prozent, darunter viele Stadtwerke, die SÜWAG und enviaM.

Weitere der insgesamt fast 1000 Versorger dürften noch folgen und ebenfalls ihren Strom nach Silvester billiger verkaufen, erwartet Ingmar Streese, Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentralen vzbv in Berlin. Andere Anbieter werden wenigstens nicht erhöhen. Auch beim Gas sind die ersten Preisnachlässe fürs neue Jahr angekündigt.

Für gut acht Millionen Haushalte im Land ist jetzt schon sicher: Für sie werden die Strompreise zum Jahreswechsel um durchschnittlich 2,4 Prozent sinken. "So etwas hatten wir lange nicht mehr", sagt Isabel Wendorff vom Online-Vergleichsportal Check24. Für eine Familie mit einem Verbrauch von 5000 Kilowattstunden im Jahr kann das eine Entlastung von etwa 35 Euro bedeuten, wie sie vorrechnet. Im günstigsten Fall können Kunden nächstes Jahr 81 Euro einsparen. "Das ist nicht gerade viel und schon gar nicht zufriedenstellend, aber sicher besser als gar nichts", betont Peter Blenkers, Energieexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Fallstricke

Vorsicht: Günstig ist gut. Super-Günstiges ist riskant. Billig-Anbieter verlangen oft Vorauskasse oder Kaution. Geht der Versorger insolvent, ist das Geld weg. Auch Festpreisangebote haben Risiken. Liegt der Verbrauch darunter, verfällt der schon bezahlte Rest. Wird mehr verbraucht, muss teuer nachgekauft werden. Lockofferten wie ein großzügiger Willkommens-Bonus von 100 Euro können ebenso trickreich sein. Im zweiten Vertragsjahr ohne Vorteil kommt oft der Preishammer, wenn Kunden nicht schnell weiterwechseln. Neue Verträge sollten nicht für länger als ein Jahr geschlossen werden. Kommt es zu weiteren Preissenkungen, sitzt der Kunde fest und kann nicht profitieren. Berrit Gräber

Gründe für den Preisverfall

Warum die Preise ausgerechnet jetzt fallen, hat nach Expertenansicht gleich mehrere Gründe. Zum einen ist der Börsenstrompreis in Leipzig, zu dem sich die Versorger selbst eindecken, weiter gesunken und inzwischen auf einem historischen Tiefpunkt. Zum anderen sinkt 2015 auch die EEG-Umlage zur Förderung der erneuerbaren Energien, und zwar von heute 6,24 Cent auf voraussichtlich 6,17 Cent pro Kilowattstunde. Sie galt jahrelang als einer der Preistreiber beim Strom.

Durch diese Entwicklung wird es einigen Anbietern möglich, auch 2015 regional wieder steigende Netzentgelte auszugleichen und den Vorteil an die Kunden weiterzugeben, wie Wendorff erläutert. "Die Unternehmen können es sich in dem Umfeld jetzt nicht länger leisten, die Kunden Jahr für Jahr immer stärker zur Kasse zu bitten", ist Verbraucherschützer Blenkers überzeugt.

Noch mehr Potenzial für Preissenkungen

Ob die sinkenden Preise nur ein Strohfeuer sind oder ein echter Trend, sei derzeit allerdings noch nicht absehbar, sagt vzbv-Experte Streese. Er hält das Potenzial für Strompreissenkungen jedenfalls bei weitem nicht für ausgeschöpft. Denn: Die Unternehmen selbst können Strom seit Jahren schon billig einkaufen. Die Börsenpreise sind seit 2008 laut European Energy Exchange (EEX) in Leipzig um weit mehr als 40 Prozent gesunken. Ihren Einkaufsvorteil haben viele Versorger aber bislang noch nicht an die Kundschaft weitergegeben. "Im Gegenteil, vor allem die Grundversorger haben schamlos die Preisschraube immer weiter angezogen, dazu hatten sie kein Recht", kritisiert Aribert Peters, Vorsitzender des Bunds der Energieverbraucher. "Da wäre deutlich mehr drin an Entlastung für die Millionen Privatkunden."

Bis 20. November haben die Unternehmen noch Zeit, ihre Preise fürs nächste Jahr neu zu kalkulieren und mögliche Senkungen (oder Erhöhungen) der Kundschaft mitzuteilen. Bleibt die Benachrichtigung aus, bleiben die bisherigen Tarife wenigstens unangetastet, wie Wendorff erklärt. Auch beim Gas ist der Markt etwas in Bewegung gekommen, und die ersten sechs Gas-Versorger haben Nachlässe um durchschnittlich 5,2 Prozent angekündigt, was einen Vier-Personen-Haushalt mit 20 000 Kilowattstunden im nächsten Jahr um etwa 85 Euro entlasten kann, wie das Vergleichsportal Check24 berechnet hat.

Wechsel lohnt sich

Wer von den Preissenkungen profitieren will, sollte ab 20. November nach Alternativen zum bisherigen Versorger suchen, betont Fachmann Blenkers. Vergleichen sei mit Hilfe von Verbraucherzentralen oder Suchmaschinen im Internet wie etwa verivox.de, toptarif.de oder check24.de möglich. Wer sich einen günstigeren Versorger sucht, kann bestenfalls einige hundert Euro im Jahr sparen - bei Gas meist mehr als bei Strom.

Bislang waren die Deutschen anders als beim Telefonanbieter, der Krankenkasse oder bei der KfZ-Versicherung beim Stromthema eher treu. Schätzungsweise ein Drittel der etwa 40 Millionen Stromkunden im Land hat noch nie den Stromlieferanten gewechselt. Und von den 20 Millionen Gaskunden stecken sogar knapp 90 Prozent immer noch in viel zu teuren Tarifen.

Am stärksten kann sich ein Wechsel für Bürger rechnen, die seit eh und je im Grundversorgungstarif stecken (meist bei den Stadtwerken, EON oder RWE) und noch nie umgestiegen sind, wie Blenkers betont. Der Grundversorgungstarif ist das in der Regel teuerste Preisgefüge überhaupt. Wer schon einmal gewechselt hat, ist Sonderkunde (im Vertrag stehen Begriffe wie "Sonderpreis" oder "Sondertarif"). Dann sind individuelle Laufzeiten und Fristen zu beachten, um auf einen günstigeren Lieferanten umschwenken zu können.