Altersvorsorge Pflege frisst Ersparnisse auf

37.000 Euro aus eigener Tasche: So viel muss einer Studie zufolge jeder Pflegebedürftige im Schnitt selbst zu seiner Versorgung beisteuern. Daran wird nach Ansicht der Autoren auch die neue Zusatzversicherung mit staatlicher Förderung nur wenig ändern.

Von Nina von Hardenberg

Insgesamt 37.000 Euro müssen Menschen im Schnitt aus eigener Tasche für die Pflege im Alter aufbringen. Frauen zahlen dabei mehr als doppelt so viel wie Männer - insgesamt 45.000 Euro, Männer hingegen nur 21.000. Der größte Teil der Kosten entsteht in der Heimpflege. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse Barmer GEK hervor, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Auch bei den Gesamtkosten ist die pflegerische Versorgung von Frauen deutlich teuer als die von Männern: Bei Frauen kommen durchschnittlich 84.000 Euro zusammen - bei Männern genau halb soviel.

Grund für die höheren Ausgaben für Frauen ist ein eigentlich positiver Umstand: Frauen "sind zäher", wie es der Leiter der Studie, Heinz Rothgang vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen ausdrückt. Sie leben bekanntlich länger, aber sie verkraften offensichtlich auch Gebrechen und Pflegebedürftigkeit besser. Eine ältere Studie zu Menschen, die im Jahr 1999 pflegebedürftig wurden, habe gezeigt, dass die Männer im Schnitt nach 37 Monaten starben, Frauen dagegen nach 51 Monaten. Ein weiterer Grund für die höheren Kosten von Frauen ist, dass diese häufiger am Ende ihres Lebens in ein Pflegeheim umziehen - wohl auch, weil sie alleine übrig bleiben und somit kein Partner da ist, der sie pflegt. Wenn ein Mensch in ein Heim zieht, wird es aber meistens teurer, als wenn Angehörige sich um ihn kümmern.

Was Pflege genau kostet, schlüsselt die Studie nun erstmals detailliert auf. Die Autoren summierten dafür die von 2000 bis 2011 angefallenen Kosten von etwa 2000 Versicherten der GEK, die 60 Jahre und älter waren und im Jahr 2000 erstmals pflegebedürftig wurden. Für die 2011 noch lebenden 255 Versicherten wurden die Kosten bis 2024 geschätzt und hinzugerechnet. Das Ergebnis zeigt nicht nur, dass Frauen mehr ausgeben müssen. Es zeigt vor allem, dass die Kosten extrem unterschiedlich ausfallen können.

Wo das Ersparte nicht reicht, springt die Sozialhilfe ein

Die Kasse gab demnach zwischen 13.000 und 262.000 Euro für ihre Versicherten aus. Die ganz hohen Beträge gab es allerdings nur selten. Gut ein Viertel der Mitglieder beanspruchte in der gesamten Zeit weniger als 5000 Euro, weitere 20 Prozent hatten Kosten von 5000 bis 15.000 Euro. Ähnliche Unterschiede gab es bei den privaten Ausgaben. Einzelne Mitglieder mussten für die Heimpflege mehr als 300.000 Euro aufbringen, der Durchschnitt lag jedoch bei 31.000 Euro. Von den Gesamtkosten trugen die Kassen etwas weniger als die Hälfte (47 Prozent bei Frauen, 43 Prozent bei Männern), den Rest mussten die Menschen selbst aufbringen. Wo die Rente und das Ersparte dafür nicht reicht, springt die Sozialhilfe ein. Sie trug damit durchschnittlich etwa 6,5 Prozent der Kosten.

Die Zahlen belegten, "dass die Pflegeversicherung immer eine Teilkaskoversicherung war, ist und bleiben wird", sagte Barmer-GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker bei der Vorstellung der Studie. Private Vorsorge mit der von der Koalition beschlossenen freiwilligen Pflege-Zusatzversicherung wirke allenfalls wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch der Sozialwissenschaftler Rothgang kritisierte den sogenannten Pflege-Bahr. Die vorgesehene staatliche Förderung von 60 Euro jährlich sei viel zu niedrig und somit höchstens für Menschen attraktiv, die ohnehin über ein gutes Einkommen verfügten. Selbst die Bundesregierung rechne in ihrer Finanzplanung mit weniger als zwei Millionen Versicherungsverträgen. Für Menschen mit geringem Einkommen müsse eine Zusatzversicherung sozial ausgestaltet werden, so Rothgang.

Der Eigenanteil darf nicht weiter steigen

Die Linken forderten als Konsequenz die Einführung einer Pflegevollversicherung. Die Autoren der Studie folgen diesem Argument allerdings nicht. Es sei nicht sinnvoll, das Risiko, im Alter auf Hilfe angewiesen zu sein, vollkommen finanziell abzusichern, hieß es. Die Menschen würden sich sonst zu stark auf die professionelle Pflege verlassen. Dass sie auch selbst für einen Heimplatz der Eltern und Großeltern aufkommen müssten, bestärke dagegen viele Familien, die Pflege zu Hause selbst zu leisten. Dies aber ist nicht nur vielfach die günstigere Variante, sondern vor allem auch das, was sich die meisten Menschen für ihr eigenes Alter wünschen. Der Eigenanteil dürfe aber nicht weiter steigen.

Genauso wichtig wie neue Modelle zur Finanzierung von Pflege ist es nach Auffassung der Autoren, dafür zu sorgen, dass Menschen möglichst gar nicht oder erst spät pflegebedürftig werden. Der Bericht verweist darauf, dass alte Menschen auch im Krankenhaus deutlich höhere Kosten verursachen als jüngere Menschen - und das auch bei Leiden, die im Vorfeld vielleicht hätten vermieden werden können. Im Jahr 2011 kamen im Krankenhaus so Kosten von 9,2 Milliarden Euro zustande. Als Beispiel für vermeidbare Unfälle nennt die Studie unter anderem Stürze. Auch ältere Studien belegen, dass Menschen, die hinfallen, sich häufig nie mehr davon erholen und vielleicht nicht mehr aus dem Rollstuhl oder Bett aufstehen. Eine Auswertung der AOK Bayern zu einem Projekt zur Vermeidung von Stürzen in bayerischen Pflegeheimen hatte erst im Oktober gezeigt, dass durch Hosen mit Hüftschutz und ein Training zur Schrittsicherheit die Zahl der Brüche bei den Bewohnern um etwa 20 Prozent gesenkt werden konnte.