Von Thomas Steinfeld

Die Börse kracht - doch die Worte fehlen: Über die Unfähigkeit, einen Börsencrash zu beschreiben.

Die seltsamste Erfahrung, die sich in der vergangenen Woche machen ließ, war nicht, dass die Börsenkurse weltweit und plötzlich um zehn Prozent oder mehr sanken und sich damit viele Milliarden Euro, die es kurz zuvor noch gegeben zu haben schien, bis auf weiteres in Luft auflösten.

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Das Bestürzende war: dass es für dieses Ereignis keine Sprache gab. Von "nackter Panik" redeten nicht nur die Beobachter des Geschehens, sondern auch die unmittelbar daran Beteiligten, die Händler und Analysten. "Angst" und "Furcht" herrschten, von einem fatalen "Herdentrieb" und vom Ende eines kollektiven Besäufnisses wurde gesprochen, von "Zockern" und "Spielern", von tiefen Sorgen und existentiellen Nöten. Das Ereignis selbst blieb oft ausgespart.

Es war, als ob die Ökonomie zu vermeiden suchte, sich als Ökonomie zu begegnen. Wer den Analysten und Kommentatoren zuhörte, musste meinen, es sei nicht von einem Ereignis im Finanzhaushalt, sondern im Gefühlshaushalt der Weltgesellschaft die Rede.

Dämonen von gestern

Denn anstatt analytisch zu werden, wichen sie lieber aus in eine Pathologie des Geisteslebens: in psychologische Deutungen von der Komplexität einer Seifenoper im Vorabendprogramm. Zahllos waren die Kommentare zum Absturz der Börsenkurse, in denen die Protagonisten der avancierten Finanzwirtschaft als haltlose Hysteriker auftreten mussten, als zerzauste Seelen, getriebene Existenzen eher als interessengeleitete Akteure.

Das 19. Jahrhundert hatte eine eigene Dämonologie entwickelt, um das unheimliche Geschehen an der Börse, diese Zumutung an den gesunden Menschenverstand, in Bilder zu fassen: ein ganzes Arsenal von großen und kleinen, aber menschlichen Teufeln wie den Baron de Nuncingen in Balzacs "Menschlicher Komödie" oder den Spekulanten Saccard in Zolas Roman "Das Geld".

Gekko, der diabolische Spekulant, den Michael Douglas in seinem Film "Wall Street" von 1987 spielte, ist ein später Nachfahr dieser Dämonen. An ihre Stelle ist nun das Affektbündel gerückt. Dafür gibt es einen Grund: Das Geschehen auf dem Finanzmarkt lässt sich heute offenbar nicht mehr in auch nur halbwegs souveränen Gestalten abbilden.

Das will nicht jeder einsehen: "Unseriös" sollen nun die Banken gewesen sein, die mehr oder minder mittellosen Amerikanern Hypotheken verkauften, die sie bei steigenden Zinsen nicht mehr bedienen konnten. Und "unseriös" sollen sich diese Hauskäufer selbst aufgeführt haben, weil sie auf steigende Immobilienpreise spekulierten und hofften, auf diese Weise ihre alten und neuen Schulden bezahlen zu können.

Aber auch das Wort "unseriös" steht für ein Ausweichen, weil zwar einzelne Personen "unseriös" sein können, vielleicht auch Firmen oder sogar ganze Branchen, nicht aber die Finanzwirtschaft selber.

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