Ackermann und Merkel Wie in einer schlechten Ehe

Früher respektierten sie sich - mittlerweile haben sich Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Kanzlerin Angela Merkel entfremdet. Vielleicht zeigt sich darum die Deutsche Bank so seltsam emotional.

Von Harald Freiberger, Frankfurt

Pressemitteilungen der Deutschen Bank zeichnen sich durch ihre schmucklose Nüchternheit und die Abwesenheit jeglicher Emotion aus. Am Montag um 17.09 Uhr passierte etwas Ungewöhnliches: Die Deutsche Bank verschickte eine Pressemitteilung, in der sie die "öffentlichen Mutmaßungen des Sprechers der Bundesregierung in aller Form als falsch und rufschädigend" zurückwies. Es war die Reaktion auf einen Lapsus von Steffen Seibert, der gesagt hatte, dass "allen zuvorderst, glaube ich, die Deutsche Bank in der irischen Schuldenproblematik erheblich belastet ist".

Wenn die Deutsche Bank reagiert hätte wie immer, dann hätte sie nur nüchtern darauf verwiesen, dass ihr Risiko in Irland gering ist. Aber sie hätte den Regierungssprecher niemals "in aller Form" zurechtgewiesen, und sie hätte niemals das Wort "rufschädigend" gebraucht. Die Tonlage ist außergewöhnlich, und sie zeigt, dass da jemandem der Kragen geplatzt ist. Es ist ein neuer Höhepunkt im zerrütteten Verhältnis zwischen Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Denn eigentlich meint die Bank mit ihrem Frontalangriff nicht den Merkel-Sprecher, sondern die Kanzlerin selbst.

Die beiden, Ackermann und Merkel, haben in ihrer langjährigen Beziehungskiste alle Phasen einer schlechten Ehe durchgemacht: von anfänglicher Harmonie über erste Missverständnisse und zunehmenden Vertrauensverlust bis hin zu der Phase, in der man nicht mehr miteinander spricht, sondern nur noch übereinander. Persönlich kennen sie sich seit 2003, also seit der Zeit, in der Merkel noch Oppositionsführerin war. Sie funkten damals auf einer Wellenlänge. Der Bank-Chef schwärmte von der gelernten Physikerin, weil sie sich auch komplizierte Sachverhalte so lange erklären lasse, bis sie sie verstehe. Bevor Ackermann im Mannesmann-Prozess aussagen musste, tat sie kund, sie sei von seiner "persönlichen Integrität" überzeugt. Mit dieser Ansicht stand sie ziemlich alleine da, als er zum Prozessauftakt die Hand zum Victory-Zeichen erhob und sich den Ruf der Überheblichkeit einhandelte.

"Ich würde mich schämen"

Über Jahre war die Beziehung zwischen Ackermann und Merkel stabil und belastbar. Am besten zeigte sich das auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im September 2008, als es darum ging, die Hypo Real Estate zu retten. Die Kanzlerin rief Ackermann um Mitternacht auf dem Handy an. "Ihr ist es gelungen, noch 1,5 Milliarden mehr aus mir herauszupressen", sagt er dazu später. Die Harmonie zwischen den beiden war groß. Die Bundesregierung übernahm Ackermanns Vorschlag, ein Rettungspaket für die Banken zu schnüren, fast eins zu eins.

Kurz darauf bekam das Verhältnis einen Riss. In einer internen Telefonkonferenz ließ Ackermann die Worte "I would be ashamed" fallen, "ich würde mich schämen". Er antwortete damit auf die Frage, ob auch die Deutsche Bank Staatshilfe in Anspruch nehmen muss. Die Worte drangen nach außen. Merkel fühlte sich brüskiert, sah ihr Rettungspaket desavouiert. Von diesem Moment an konnte man fast dabei zusehen, wie das Verhältnis von Monat zu Monat abkühlte.

Wenig später verzichtete Ackermann auf einen "Zukunftspreis", den ihm eine CDU-nahe Stiftung verleihen wollte; das Kanzleramt hatte vorher gestreut, Merkel distanziere sich von der Auszeichnung. Ein Tiefpunkt in ihrer Beziehung ist der August 2009, als Ackermann erzählte, Merkel habe für ihn im Kanzleramt eine Geburtstagsfeier ausgerichtet. Sie musste sich danach gegen den Vorwurf der Freunderlwirtschaft wehren. Ihr Verhältnis ist nun endgültig zerrüttet. Im November 2009 warf sie ihm vor, dass er "schon wieder eine große Lippe riskiert", weil er die Regulierungsvorschläge der Politik kritisierte. Spätestens seit dem Zeitpunkt steht für die Kanzlerin fest, dass man ihn in Fragen des Gemeinwohls nicht mehr zu konsultieren braucht, weil er nur eigene Interessen vertritt. "Er hat uns damals geholfen, weil er damit auch sich selbst helfen konnte", heißt es in Regierungskreisen.

Als Ackermann Anfang 2010, Wochen vor Ausbruch der Griechenland-Krise, auf die Gefahr hinweist und anbietet, beim Schnüren eines Euro-Rettungspaketes zu helfen, weist man ihn im Kanzleramt barsch zurück. Im Mai muss das Rettungspaket doch geschnürt werden. Das Verhältnis zwischen Banker und Kanzlerin ist geprägt von Misstrauen. Merkel versteht Wirtschaft als Machtkampf zwischen Politik und Märkten, und Ackermann als Vertreter der Märkte ist für sie kein diskutabler Ratgeber mehr. Das wurde vor einer Woche wieder deutlich, als er mahnte, "potentielle Marktreaktionen" stärker zu berücksichtigen. Das war an Merkel adressiert, die zuvor den EU-Plan verteidigt hatte, die Käufer von Anleihen künftig zu belasten. Merkel wies Ackermann umgehend zurecht. Es könne nicht sein, dass man "Risiken immer vergemeinschaften kann und nicht selber als Akteur auch ein Stück weit mittragen muss", sagte sie.

Es ist nicht so, dass sie sich nicht mehr grüßen würden. Gelegentlich sitzen sie auch noch bei Banketts an einem Tisch, so wie kürzlich beim G-20-Gipfel in Seoul. Aber viel zu besprechen haben sie nicht mehr. In wichtigen Fragen herrscht Funkstille. Sie kommunizieren nicht direkt miteinander, sondern über Fernsehinterviews, Reden und Pressemitteilungen. Eigentlich gibt es zwischen den beiden und den Partnern einer schlechten Ehe nur einen Unterschied: Da sie nie geheiratet haben, müssen sie sich auch nicht scheiden lassen.