16. Januar 2011 15:37 Geld - Macht - Hass: Jörg Immendorff Der Kampf des verlorenen Sohns

Der Malerfürst Jörg Immendorff lebte exzessiv und hinterließ tiefe Wunden. Seit dem Tod des Künstlers streiten seine junge Witwe und sein Erstgeborener um seine Millionen.

Von A. Fichter

Der kleine Junge erfährt es aus den Medien: Sein Vater ist tot. Gestorben, bevor es dem 12-Jährigen vergönnt war, ihn näher kennenzulernen. Nur dreimal durfte er seinen Papa sehen und es waren flüchtige Momente für den kleinen Jean-Louis. Nun würde ihm der Mann, dessen Erbgut er in sich trägt, für immer ein Fremder bleiben - so bekannt er in der Öffentlichkeit auch war: Jörg Immendorff, Skandalmaler, Egozentriker, Nationalheiliger. Enge Vertraute sagen über ihn, er sei nie fähig gewesen, Menschen wirklich zu lieben. Der Grund dieser Gefühlskälte? Ein frühes Trauma, das der Maler nie zu verarbeiten vermocht hatte, aber dazu später mehr.

Jörg Immendorff, Skandalmaler, Egozentriker, Nationalheiliger, sagte einmal von sich, sein Leitfaden für das Leben sei der Egoismus.

(Foto: dpa)

Jean-Louis, der uneheliche, ungeliebte Sohn, er weint, als er die Todesnachricht im Radio hört. Sein Leben lang zehrte die Sehnsucht nach dem Vater an ihm, immer wieder sandte er Fotos, Videos, selbst gemalte Bilder. Um Aufmerksamkeit bittend, um Zuneigung flehend. Ohne Erfolg: Der Alte antwortete nicht. Er blieb unerreichbar. In Jean-Louis' Kinderzimmer, dennoch: Ein Foto des weißhaarigen Mannes, der den Betrachter kritisch zu mustern scheint. Immendorff sagte einmal von sich, sein Leitfaden für das Leben sei der Egoismus.

Er starb am Pfingstmontag des Jahres 2007. Mit 61 Jahren war er nach langem Siechtum der Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) erlegen, einer unheilbaren Nervenkrankheit. Sie hatte ihn über Jahre gequält, zuletzt an den Rollstuhl gefesselt und fast völlig gelähmt.

Sofort nachdem die Asche im Mittelmeer verstreut war, entbrannte ein heftiger Streit um Immendorffs Erbe, der immer wieder zu eskalieren droht. Der Künstler hinterlässt Immobilien und Bilder im Wert von 15 bis 18 Millionen Euro. Aber beim Kampf um den Nachlass geht es um mehr als nur um Geld. Es geht um Kränkungen und Sexorgien, um Hass und das exzessive Treiben eines Jahrhundertmalers.

Auf der einen Seite steht die bildschöne Witwe des Malerfürsten, Oda Jaune. Eine Frau mit sinnlichen Lippen, Schneewittchenhaaren und tiefen Ausschnitten, über dreißig Jahre jünger als der Verstorbene, geboren 1979 in Bulgarien, als Susan Michaela Warsteit; mit ihr die gemeinsame Tochter Ida, zehn Jahre alt.

Die Gegner: Marie-Josephine Lynen, blonde Modedesignerin aus Düsseldorf und Jean-Louis, ihr Sohn. Der Junge, mager, einsam, blass, will, dass sich die Wunde schließen kann, die der Vater riss, als er ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Nichts, gar nichts besitzt er vom berühmten Vater, außer diesem einen Foto. Nicht einmal das Bild, das Immendorff für ihn gemalt haben soll: "Die Geburt von Jean-Louis" heißt es. Die schöne Witwe rückt es angeblich nicht heraus.

Aber in den Testamenten erwähnt Immendorff seinen Sohn - so ist es nun einmal leider - mit keinem Wort. Er hat ihn wieder einmal übersehen und ignoriert. Überhaupt, das Testament. Nur drei Wochen, bevor der Maler seiner Krankheit erlag, er war schon schwer von ihr gezeichnet, änderte er plötzlich radikal den Inhalt. Ursprünglich hatte er Ida, das Töchterchen, als Alleinerbin eingesetzt. Doch dann, es war der 7. Mai 2007, wurde ihr Name durchgestrichen handschriftlich durch "Oda Jaune" ersetzt, die schöne Witwe, obwohl der Maler seine Hand nicht mehr bewegen konnte. Ein Sinneswandel im todkrankem Zustand? Der anwesende Notar bestätigt es.

Dem unehelichen Sohn steht, ob Immendorff es wollte oder nicht, laut deutschem Erbrecht ein Achtel des Erbes zu. Nur: Ein Achtel von was genau? Keiner weiß, wie viele Werke der Maler besaß, als er starb. Und wo befinden sie sich? Vor allem aber: Was sind Sie wert?

Michael Werner, Kunstkenner und Immendorffs Galerist, ist als Testamentsvollstrecker damit beauftragt, den Nachlass zu schätzen und zu verteilen. Wie viel Jean-Louis womöglich bekommt, hängt maßgeblich davon ab, wie hoch Werner die Preise der Werke veranschlagt. Das ist der Knackpunkt.

Lothar Böhm, der Anwalt des Jungen, reichte vor dem Landgericht Düsseldorf Klage ein. Er traut Werners Urteilen nicht. Da seien beispielsweise die 4000 Grafiken, die zum Nachlass gehörten. Werner habe ihren Wert pauschal auf 50 Euro geschätzt. "Sie werden aber meist für über 1000 Euro verkauft", so Böhm. Da könne doch etwas nicht stimmen. Der nächste Gerichtstermin ist am 22. März. Ob der Sohn Recht bekommt und Ruhe findet?

Jörg Immendorff, so viel ist sicher, fand sie zu Lebzeiten nicht. Da war dieses Erlebnis, das ihn nicht los ließ: Er war elf Jahre alt und ein magerer, blasser Junge. Da packte der Vater eines Tages seine Sachen und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Jörg Immendorff kam nie darüber hinweg. Der Mann, dessen Erbgut er in sich trug, blieb ihm für immer fremd. Dem Leben fühlte sich Immendorff nicht gewachsen: "Ich war dafür völlig unbrauchbar, war unzuverlässig und labil", sagte er einmal.

Erst durch den Ruhm als Maler gewann er Selbstvertrauen. Die Gemälde-Serie "Café Deutschland", in der er sich bereits in den 1970er Jahren mit dem geeinten Deutschland beschäftigt, machten ihn berühmt, für die Ahnengalerie der Bundeskanzler porträtiere er Gerhard Schröder. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Maler der Nachkriegszeit.

Aber bis zum Ende fiel ihm der Umgang mit Menschen schwer. Er galt als Egomane, der keinen Widerspruch duldete. Als Marie-Josephine Lynen seinen Heiratsantrag zurückwies, so erzählt sie es, wandte er sich von ihr und seinem Sohn Jean-Louis ab, für immer.

Wenig später lernte er Oda Jaune kennen, sie kam als Studentin in seinen Kurs. Er war es, der ihr den Künstlernamen gab: Oda ist altdeutsch und heißt wertvoller Schatz und Jaune, französisch für gelb, war die Lieblingsfarbe des Malers. Bald nach dem ersten Treffen folgte die glamouröse Hochzeit der Schönen und des bereits erkrankten alten Mannes.

"Für die beiden war die Beziehung aus meiner Sicht beste PR, so lange alles im Lot war", sagt Hans Peter Riegel, Immendorff-Biograf und Wegbegleiter des Künstlers. Doch ausgerechnet als Oda hochschwanger war, wurde Immendorff in einen Sex-und Drogenskandal verwickelt: Mit Kokain, Champagner und neun Prostituierten feierte er in einem Düsseldorfer Hotel. Als die Polizei ihn in flagranti ertappte, gestand er, seit Jahren Kokain zu schnupfen. "Aus Lebensgier", wie er sagte, und um die Angstattacken zu betäuben, die ihn seit Ausbruch der Lähmungserscheinungen plagten.

Das Gericht strafte ihn milde: elf Monaten auf Bewährung. Und Oda Jaune? Tat, als machten ihr die Affären, Lügen und Skandale des Ehemannes nichts aus. "Aber die Auftritte des Paares nach dem Skandal wirkten auf mich inszeniert", sagt Riegel. Und doch ist sie es, der Immendorff alles vermachte.