1. Dezember 2012, 17:17 Billigtextilien Gutes Gewissen kostet extra

Kleider, die mit ausbeuterischen Löhnen und vielen Schadstoffen hergestellt werden, gibt es zuhauf in deutschen Geschäften. Beim Spontankauf sieht man allerdings nicht, ob Kinderhände die Jeans gebleicht haben und der Lohn der Näherin zum Leben reicht. Sozial und ökologisch produzierte Mode ist schwer zu finden. Ein kleiner Einkaufsführer

Von Catherine Hoffmann

Immer mehr Menschen beginnen, die alte Frage neu zu stellen: Dürfen wir einfach konsumieren - ohne große Rücksicht auf Menschenrechte und Natur? Ist es in Ordnung, ein T-Shirt für 2,50 Euro zu kaufen, wohl wissend, dass es weder sozial- noch umweltverträglich hergestellt wurde? Es gibt Verbraucher, denen es nicht mehr genügt, die neueste Mode zu niedrigen Preisen zu kaufen. Sie wollen wissen, wer das produziert hat und wie; sie fragen nach. Das setzt Händler und Hersteller unter Druck, auch wenn sich der - noch - gut aushalten lässt.

Was für Lebensmittel und Kosmetik längst selbstverständlich ist, kommt bei Klamotten gerade erst in Schwung. "Die Diskussion über nachhaltige Textilien bewegt mehr und mehr Verbraucher", sagt Heike Scheuer vom Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN). Aber es ist ein mühsames Geschäft.

Designer tun sich schwer mit langfristigem Denken und Nachhaltigkeit, Mode muss die Augen auf sich ziehen und das Herz höher schlagen lassen. Beim Spontankauf sieht man nicht, ob Kinderhände die Jeans gebleicht haben und der Lohn der Näherin zum Leben reicht. Umfragen zeigen, dass Preis und Qualität beim Kauf von Kleidern ausschlaggebend sind, ethische Fragen spielen kaum eine Rolle. Sozialverträgliche Arbeits- und Produktionsbedingungen, Schutz der Umwelt oder bessere Verträglichkeit sind den meisten Käufern egal. Zudem zweifeln Verbraucher an der Glaubwürdigkeit von Gütesiegeln; und sie fürchten, dass faire Mode teuer und langweilig ist.

Auch Gütesiegel bieten keine Sicherheit

Die Deutschen wollen aber vor allem eines: Sie sparen beim Shoppen, auch wenn sie es nicht nötig haben. Da hilft nur der Appell an das schlechte Gewissen. So grausam es ist: Die Schreckensnachrichten über die vielen Toten in Bangladesch, die beim Brand einer Textilfabrik ums Leben kamen, Bilder von fliederfarbenen Gewässern und Berichte über giftige Chemikalien in Anoraks helfen dabei, die Sinne zu schärfen für das, was in die Tüte kommt - und was man besser liegen lässt. Dabei soll nicht verschwiegen werden: Gutes Gewissen kostet extra. Ein T-Shirt für 2,50 Euro kann nicht fair und sauber sein. Das bedeutet aber nicht, dass ein 50-Euro-T-Shirt unter menschenwürdigen Bedingungen produziert wurde, ohne der Natur zu schaden.

Ob Pullis oder Jeans anständig produziert wurden, lässt sich mitunter an einem der zahlreichen Label erkennen, die für grüne Textilien werben. Einfach machen sie es dem Verbraucher aber nicht. Denn erstens gibt es eine Fülle von Siegeln, aber nur wenige, die etwas taugen. Und zweitens verbürgen sie sich für höchst unterschiedliche Standards.

Die größte Anerkennung genießen das blaue Label Naturtextil IVN und der Global Organic Textile Standard (GOTS). Sie kennzeichnen Textilien, die nach hohen Anforderungen umweltschonend und sozialverträglich produziert wurden - und das schließt die gesamte Produktionskette ein. Wer das IVN-Etikett annähen will, muss Fasern verwenden, die zu 100 Prozent aus kontrolliertem Ökoanbau stammen; es sind nur wenige Farb- und Hilfsmittel zugelassen. Was die sozialen Kriterien angeht, gleichen sich IVN und GOTS, sie orientieren sich beide an Kriterien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dazu zählen das Verbot von Diskriminierung, Misshandlung, Zwangs- und Kinderarbeit. Beim Thema "gerechte Löhne" wird es schwammig. "Gerecht kann dabei der Mindestlohn des Herstellerlandes sein, auch wenn der nicht existenzsichernd ist", sagt Elke Meißner von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Kritische Konsumenten brauchen Geduld

Zudem sollten Verbraucher wissen, dass das GOTS-Logo nicht die Herstellung der Rohstoffe einschließt. Zur Ernte von Baumwolle werden aber oft Kinder aufs Feld geschickt. "Deswegen haben gute Textilien nicht nur ein GOTS- sondern auch ein Fair-Trade-Siegel. Damit kann man sicherstellen, dass ein Kleidungsstück nicht unter den berüchtigten Bedingungen von Billiglohnländern hergestellt wurde", sagt Meißner. Also mit Kinderhänden, zu schamlos niedrigen Löhnen und mit immensem Pestizid-Einsatz.

Wem vernünftige Sozialstandards wichtiger sind als ökologisch korrekte Kleidung, der sollte sich mit der Fair Wear Foundation beschäftigen und überprüfen, ob die eigene Lieblingsmarke dort Mitglied ist. Fair Wear hilft Herstellern, die Arbeitsbedingungen ihrer Zulieferern zu verbessern. Unternehmen, die hier mitmachen, verpflichten sich dazu, Kleider ohne Zwangs- und Kinderarbeit herzustellen, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen zu gewährleisten und dafür zu sorgen, dass in den Fabriken niemand wegen Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder der politischen Einstellung diskriminiert wird. Der Lohn muss zum Leben reichen.

Kritische Konsumenten, die Wert auf nachhaltig hergestellte Shirts und Hosen legen, müssen schon einiges an Zeit und Geduld in die Suche investieren. Wer dazu keine Lust hat, kann sich ganz pragmatisch fragen: Brauche ich wirklich einen neuen Rock? Oder ist der Kleiderschrank nicht schon voll genug? Es schont Mensch und Natur, wenn weniger Klamotten gekauft werden - und dafür eine gute Qualität. Je öfter ein Shirt getragen wird, desto besser. Und wenn man ein Teil satthat, kann man es ja in ein anderes tauschen, statt ein neues zu kaufen.