Im Untreueprozess gegen Jürgen Sengera üben die Staatsanwälte scharfe Kritik an dem ehemaligen WestLB-Chef.

Im Untreueprozess gegen den ehemaligen WestLB-Chef Jürgen Sengera haben die Ankläger dem früheren Bank- Manager "übersteigertes berufliches Erfolgsstreben" vorgeworfen. Er habe seine Sorgfaltspflichten verletzt und Risiken ignoriert, um mit zunächst glänzenden Zahlen Vorstandschef der damals fünftgrößten deutschen Bank zu werden, sagten die Staatsanwälte beim Prozessauftakt am Mittwoch am Düsseldorfer Landgericht.

Der heute 64-Jährige soll für einen Kredit über 1,35 Milliarden Euro an den britischen TV-Geräte-Verleiher Boxclever verantwortlich sein. Das Geld war 1999 aus Sicht der Ankläger ohne echte Risikoprüfung vergeben worden.

Erhebliche Finanzierungslücke

Über erhebliche Bedenken des zentralen Kreditmanagements der Bank, das eine Finanzierungslücke von 200 Millionen britischen Pfund ausgemacht hatte, habe sich Sengera hinweggesetzt.

Dadurch sei der landeseigenen Bank bei der Insolvenz Boxclevers ein Schaden von 427 Millionen Euro entstanden. Die Höchststrafe bei schwerer Untreue beträgt zehn Jahre Haft.

Sengera habe der Behauptung vertraut, der Rückgang des Verleihgeschäfts sei gestoppt. Expertisen von Wirtschaftsprüfern hätten lediglich Modellrechnungen der Kreditnehmer nachvollzogen, ohne die zugrundeliegenden Basiszahlen zu überprüfen. Diese Expertisen seien trotz der ungewöhnlichen Höhe des Kreditgeschäfts nicht hinterfragt worden.

Die Verteidigung lehnte vergeblich die gesamte Strafkammer des Gerichts wegen Befangenheit ab. Eine andere Kammer des Gerichts wies den Antrag zurück. Die Verteidiger argumentierten, ihnen sei im Zwischenverfahren nicht ausreichend rechtliches Gehör gewährt worden, die Hauptverhandlung sei "zur Unzeit" eröffnet worden. Außerdem seien wesentliche Urkunden von Polizisten, nicht von Sachverständigen, übersetzt worden. Ferner sei die Anklage unwirksam, weil die behauptete Straftat rechtlich nicht klar genug umgrenzt sei.

(sueddeutsche.de/dpa/hgn/mah)