Cash und Crash in Macau
Das chinesische Zockerparadies
10.11.2009, 8:24
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- Cash und Crash in Macau
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Der Andrang ist groß in Macau, dem einzigen Ort in China, in dem das Glückspiel erlaubt ist. (Foto: AP)
Wenn es um Geld geht beim Glücksspiel, beginnt chinesisches Blut zu brodeln. Ein glatzköpfiger Mann sitzt an einem Baccara-Tisch im Venetian in Macau, dem größten Kasino der Welt. Die Adern seiner Schläfen sind blau geschwollen. Sein Kopf sieht aus wie ein Globus, auf dem nur die Flüsse eingezeichnet sind. Er kaut auf seinen Backenzähnen. Es geht um eine fünfstellige Summe. Millimeter für Millimeter knickt er seine letzte Karte nach oben, die danach unbrauchbar ist. 20 Sekunden vergehen. Das Prozedere bringt Glück, glauben die Chinesen. In diesem Fall ein Irrglaube. Jede Hoffnung verlässt fluchtartig das Gesicht des Mannes. Er würgt einen dicken Kloß seinen Hals herunter. Dann steht er auf, um allein zu verdauen.
Damit das Blut der Verlierer nicht überkocht, pumpt die Klimaanlage einen zarten Duft wie in einer Parfümerie in die Luft. Das soll die Leute ruhig halten und Entgleisungen von Gästen verhindern. Aus Macaus Vergangenheit haben sich wilde Geschichten hinüber gerettet in die neue Ära.
Auf den Spieltisch gepinkelt
Als Ausländer einst nur als Gäste, nicht als Betreiber an den Spieltischen der Stadt willkommen waren, wehte ein anderer Wind durch die Kasinos der ehemaligen portugiesischen Kolonie eine knappe Bootstunde westlich von Hongkong. Man erzählt von Mord und Totschlag, Drogen und Prostitution und gerne auch über den Gangsterboss, der einmal viel Geld verlor beim Kartenspiel. Er habe sich nach der Pleite auf den Tisch gestellt, die Hosen herunter gelassen und auf den Filz uriniert, spricht man.
Die letzten zehn Jahre haben alles verändert. 1999 gaben die Portugiesen Macau an China zurück. Drei Jahre später wurde der Glücksspielmarkt liberalisiert. Kasino-König Stanley Ho verlor nach fast 40 Jahren sein Monopol. Die angelockten Branchenriesen aus den USA wie MGM, Wynn oder Sands investierten seitdem in Macau geschätzte acht Milliarden Dollar und verwandelten die muffige Zockerhöhle in ein Spielerparadies, das Las Vegas in Sachen Service und Unterhaltungsangebot schon bald in nichts mehr nachstehen soll. Macaus Umsätze im Glücksspiel sind ohnehin schon mehr als doppelt so hoch wie die in Vegas.
Postkartenmotiv für die Ewigkeit
"Die Amerikaner haben Macau mehr verändert, als es die Chinesen getan haben", sagt Manuel Joaquim das Neves. Er ist Direktor der Aufsichtsbehörde für Glücksspiel. Von seinem Büro im 21. Stockwerk blickt er steil hinauf zur Spitze des benachbarten Grand Lisboa, ein Hotel-Kasino in Form einer Lotosblume mit goldener Fassade. Stanley Ho hat es gebaut als Antwort auf den neuen Prunk der Amerikaner. Das Grand Lisboa ist die Krönung von Hos Lebenswerk, ein Postkartenmotiv für die Ewigkeit. Von oben könnte Ho der Kontrollbehörde aufs Dach spucken.
In der untersten Etage des Grand Lisboa sitzt ein Typ Anfang 30 mit getönter Brille und Föhnfrisur. Auch er spielt Baccara, das beliebteste Spiel der Chinesen. Nach jeder Runde kritzelt er auf Schmierzetteln herum, die vor ihm liegen. Er addiert und dividiert. Aus der Hosentasche zieht er ein kleines Notizbuch, in das er die Ergebnisse schreibt. Knifflige Aufgaben löst er mit dem Taschenrechner. Die Ergebnisse kritzelt er wieder ins Notizbuch. Wie ist sein System? Aufgekratzt sprudeln Begriffe wie Mathematik und Wahrscheinlichkeit aus ihm heraus. Hat er Erfolg? "Nein", sagt er und verschwindet umgehend auf die Toilette.
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