Der Finanzterrorist

    SZ-Serie: Die großen Spekulanten (41)

    11.11.2008, 13:02

    Von Michael Kläsgen

    Jérôme Kerviel verspekuliert fünf Milliarden Euro und treibt damit die Bank Société Générale an den Rand des Abgrunds. Dabei will er doch nur mehr Gehalt.

    kerviel, afpGrossbild

    Als Kind wird er Doppelzentner genannt: Kerviel ist korpulent und hat Knieprobleme. Aber er spekuliert schon - und gewinnt. (Foto: AFP)

    Er ist im Moment der bekannteste unter den gescheiterten Spekulanten dieser Welt. Am Ende seiner Karriere jonglierte er mit mehr als 50 Milliarden Euro seiner Bank. Das entspricht mehr als dem Anderthalbfachen des Eigenkapitals der Société Générale. Am Ende macht sie wegen Jérôme Kerviel einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro.

    Kerviel, geboren am 11. Januar 1977, stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Seine Mutter betreibt bis zu ihrer Pensionierung einen Friseursalon in Pont l'Abbé, im Westen Frankreichs in der Bretagne. Der Vater arbeitet bis zu seinem frühen Tod 2006 als Ausbilder in einer Lehrlingswerkstatt. Kerviel kommt erstmals auf dem Gymnasium seines Heimatdorfs mit der Börse in Berührung.

    Seine Klassenlehrerin gründet 1994 einen Investorenclub. Das Startkapital beträgt 3000 Francs und kommt von drei Firmen aus der Region. Kerviel und seine Mitschüler spekulieren und gewinnen. Auch im Judo hat Kerviel zeitweise Erfolg. Er holt den blauen Gürtel, muss dann aber aufhören: Die Knie schmerzen. Kerviel ist ein korpulenter Teenager. Sein Spitzname ist "Doppelzentner". Auf Bildern aus seiner Jugend erkennt man den schlanken jungen Händler, von dem kurz nach seinem Auffliegen Fotos im Internet kursieren, nicht wieder.

    Er weiß früh, dass er Börsenhändler werden will. Doch der Königsweg ist dem Jungen aus der Provinz im elitären französischen Bildungssystem verschlossen. Er studiert auf mittelmäßigen Universitäten, in Nantes und Lyon. Dort macht er ein Diplom im "Management von Finanzoperationen im Back und Middle Office". Diese Offices sind zur Kontrolle von Händlern da, wie er später einer wird.


    » Das Ganze machte Lust auf mehr. Da kam es zu einer Art Schneeballeffekt. «

    Der gescheiterte Börsenhändler Jérôme Kerviel

    "Das Ganze machte Lust auf mehr"

    Seinen weiteren Werdegang schildert Kerviel den Ermittlern der Pariser Staatsanwaltschaft Ende Januar 2008 so: "Im August 2000 bin ich zur Société Générale gekommen, als Mitarbeiter im Middle Office. Diese Funktion habe ich (...) 2002 aufgegeben. Damals hat man mir vorgeschlagen, zum Assistant Trader aufzusteigen. (...) 2004 wurde ich als Assistent einer Abteilung zugewiesen. Da ich in einer Reihe mit den Händlern saß, begann ich mich mehr und mehr fürs Trading zu interessieren. Anfang 2005 wurde ich offiziell Händler, ein Posten, den ich bis letzte Woche innehatte. Am Sonntag, den 20. Januar, sagte mir der Leiter der Abteilung, ich sei entlassen." Was sich zwischen 2005 und dem 20. Januar 2008 ereignete, fasst Kerviel mit einem Satz zusammen: "Ich befand mich in einem Strudel, aus dem ich nicht mehr herausfand."

    Dieser Strudel zieht vom Sommer 2005 an seine Kreise. Kerviel setzt auf ein Fallen der Allianz-Aktie. Der Zufall spielt ihm in die Hände. Im Juli 2005 explodieren in der Londoner U-Bahn Bomben, die Aktienkurse rasen weltweit in den Keller. "Das bedeutet für mich einen Jackpot von 500.000 Euro", sagt Kerviel.

    "Das Ganze machte Lust auf mehr. Da kam es zu einer Art Schneeballeffekt." Kerviel ist einer der am schlechtesten bezahlten Händler in der branchenweit geschätzten Abteilung Delta One der Société Générale. Im Jahr verdient er 48.500 Euro, Anfang 2007 erhält er einen Bonus von 50.000 Euro. Kerviel will mehr.

    Im März 2007 geht Kerviel aufs Ganze. Er wettet darauf, dass der Deutsche Aktienindex Dax fällt, und kauft für 30 Milliarden Euro ungesicherte Terminkontrakte, bisweilen in zwei Stunden mehr als 6000. Zwischen dem 15. März und dem 23. Juli sind es mehr als 150.000 Kontrakte insgesamt.
    Im Back und Middle Office schrillt der Alarm. Die Kontrolleure fragen nach, verlangen von Kerviels Chefs Belege. Die ermahnen Kerviel, doch der weicht aus, vertröstet auf einen späteren Zeitpunkt. Fälscht Briefköpfe angeblicher Vertragspartner. Storniert Geschäfte, bevor sie fällig werden, und schließt sofort neue ab.

    Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie das Unheil seinen Lauf nimmt.

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