Von Angelika Slavik

Warum ausgerechnet Top-Verdienern das Bezahlen der Steuer so schwerfällt.

Klaus Zumwinkel bei der Jahrespressekonferenz der Postbank 2006. Foto: rtrGrossbild

Klaus Zumwinkel bei der Jahrespressekonferenz der Postbank 2006. (Foto: Reuters)

Den Betrug, sagt der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey, den hätten die Menschen im Blut. "Da sind die Armen um keinen Deut besser als die Reichen." Auffällig sei aber schon, dass immer wieder Manager und Unternehmer mit Millionenvermögen versuchten, ihr Einkommen am Fiskus vorbeizuschleusen. Für die Spitzenverdiener sei die Versuchung besonders groß.

Einen maßgeblichen Beitrag dazu, dass aus Anzugträgern Kriminelle würden, leiste das gesellschaftliche Umfeld, in dem sich die Einkommenselite bewege. "In diesen Schichten wird permanent darüber diskutiert, wie Steuern gespart werden könnten", sagt Frey, auch Leiter der bayerischen Eliteakademie.

Steuerabzüge als Verlust

Bei Häppchen und Champagner werden die besten Tipps zum Betrügen ausgetauscht. Schnell ginge da jedes Unrechtsbewusstsein verloren, zumal die Grenzen zwischen legalen und illegalen Maßnahmen fließend seien: Den Staat mit allen erdenklichen Tricks um die Abgaben zu bringen, gelte als Kavaliersdelikt. Mehr noch hat Frey festgestellt: "Wer seine Steuern voll bezahlt, gilt eigentlich als der Dumme." Das wollten Entscheidungsträger mehr als alle anderen nicht auf sich sitzen lassen.

Dazu komme, dass die Steuerlast von einem Großteil der Menschen als ungerecht empfunden werde. "Wenn man sich übervorteilt fühlt, steigt die Bereitschaft zum Betrug deutlich an", sagt der Experte.

Gerade die Bezieher von Top-Einkommen würden Steuerlasten in Höhe von mehreren Millionen Euro als unangemessen empfinden. "Die Menschen erachten ihre Gagen als hart erarbeitet und wollen nicht die Hälfte davon an die Allgemeinheit abtreten müssen."

Insgesamt verführe das Steuersystem zum Gaunern - denn beim Blick auf die Abrechnung empfänden die Menschen die Steuerabzüge als Verlust. "Diese Verluste zu realisieren, fällt schwer", sagt Frey, "und für Menschen, die an den Erfolg gewöhnt sind, ist es aus psychologischer Sicht besonders hart".

12,61 €   +0,020   +0,15%  

Wer sich vor der Steuer drückt, verfügt also nicht zwangsläufig über besonders viel kriminelle Energie - er ist es schlicht nicht gewöhnt, zu verlieren. Folglich fühlte sich der überwiegende Teil der Steuerhinterzieher weiterhin als integeres Mitglied der Gesellschaft. "Die würden jederzeit vor sich selbst und anderen beschwören, ehrliche Menschen zu sein", sagt Frey.

Aus Sicht des Psychologen macht es dabei auch keinen Unterschied, ob die Staatskasse durch strafbare Handlungen oder mit erlaubten Mitteln um die Steuereinnahmen geprellt werde. "Ob jemand komplizierte Stiftungskonstruktionen erstellt, die rechtlich nicht gedeckt sind, oder ob er seinen Wohnsitz ins Ausland verlegt, die Absicht ist die gleiche."

Die Grundlagen für eine Karriere als Steuersünder werden oft schon im Elternhaus gelegt. "Entscheidend ist, welche Bedeutung von Korrektheit und Solidarität den Kindern vermittelt wurde", sagt Frey. Das stünde in keinem Zusammenhang mit der sozialen Schicht. "Bildung erhöht die Moral nicht zwangsläufig", sagt Frey.

Ändern könne man die Kultur des Steuerprellens nur in durch kollektive Anstrengung. "Angesehene Persönlichkeiten müssten sich einsetzen, es müsste unfein werden, nicht die volle Steuer zu bezahlen." Andernfalls, sagt Frey, werde alles weitergehen wie bisher. "Das ist eben menschlich."

(SZ vom 15.02.2008/hgn)

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Leserkommentare (49)



15.02.2008 18:58:00

flury:

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