"Dafür gibt es nur das Wort Gier"
Finanzwirtschaft
14.02.2008, 7:06
Hauke Fürstenwerth ist promovierter Chemiker und war etliche Jahre als Manager in der Chemiebranche tätig. Seit dem Jahr 2001 arbeitet er als Unternehmensberater und hat sich auf Technologieunternehmen und deren Investoren spezialisiert. Vor kurzem hat er das Buch "Geld arbeitet nicht - wer bestimmt über Geld, Wirtschaft und Politik?" veröffentlicht.
sueddeutsche.de: Herr Dr. Fürstenwerth, ein kleiner Aktienhänder der Société Générale verzockt unbemerkt knapp fünf Milliarden Euro - ist Gier die Generalentschuldigung für alle menschlichen Verfehlungen in der Wirtschaft?
Hauke Fürstenwerth: Die Gier steckt in uns drin, das ist nicht negativ. Sie ist ein Antriebsmotor der gesamten Wirtschaft.
sueddeutsche.de: Je größer der einzelne Deal, desto größer die Gier?
Hauke Fürstenwerth: "In der Anonymität fallen alle moralischen Hemmschwellen." (Foto: oH)
Fürstenwerth: Wenn ich ein Finanzprodukt kaufe oder verkaufe, weiß ich nicht, wer mein Wettpartner ist. In der Anonymität fallen alle moralischen Hemmschwellen. Jeder versucht, den anderen übers Ohr zu hauen, und damit kommt es schnell zu Exzessen. Die aktuellen Spekulationen bei der Société Générale sind dafür ein Beispiel. Ja, dafür gibt es nur ein Wort: Gier.
sueddeutsche.de: In der Finanzwirtschaft gilt seit jeher das Prinzip, das eigene Kapital möglichst schnell zu mehren - das lernen BWLer und VWLer im ersten Semester.
Fürstenwerth: Richtig, aber Wirtschaftswissenschaftler blenden das Horten und Umverteilen von gehortetem Kapital leider aus. Für sie kümmert sich die Finanzwirtschaft ausschließlich um die Bereitstellung von Kapital, damit Unternehmen arbeiten können. Das Horten und Verwalten von Geld ist relativ neu. Erst seit rund 20 Jahren ist Geld im Übermaß vorhanden, es wird nicht mehr nur in die Realwirtschaft investiert.
sueddeutsche.de: Zyniker behaupten, dass sich Geld in Deutschland langweile. Stimmen Sie zu?
Fürstenwerth: Es langweilt sich, weil es mit den in der Realwirtschaft erzielbaren Renditen nicht mehr zufrieden ist. Noch in den siebziger Jahren waren Kapitalrenditen unter zehn Prozent in der Industrie gang und gäbe, die wurden auch akzeptiert. Heute müssen es mehr als 25 Prozent sein.
sueddeutsche.de: Welche Konsequenzen ergeben sich für Kapitalanleger?
Fürstenwerth: Investoren können mit manchen Finanzprodukten Renditen von 25, 30 und mehr Prozent erzielen. Dann wird geschaut: Wo wird die höhere Rendite versprochen? Das ist der negative Effekt, der zum Langweilen führt. Es wird immer mehr Kapital aus der Realwirtschaft zum Horten in die Finanzwirtschaft transferiert.
sueddeutsche.de: Solche horrenden Renditen sind in den Unternehmen von den Aktionären gewünscht. Beispiel BMW: Dort wurde die Renditeerwartung massiv nach oben geschraubt, gleichzeitig fallen Tausende Leiharbeitsplätze weg. Warum kennt die Renditeschraube nur den Weg nach oben und nicht - zwecks Entschleunigung - auch nach unten?
Fürstenwerth: Weil die Ideologie des Neoliberalismus es vorgibt. Gemäß dieser Ideologie folgt der Markt seinen eigenen Gesetzen, die der Mensch nicht beeinflussen kann. Es wird immer weniger in die Realwirtschaft investiert wird, weil der Markt es so verlangt. Das Perverse dabei ist, dass in der Finanzwirtschaft am wenigsten Markt vorhanden ist.
Lesen Sie weiter, warum Moral und Geld nicht zusammengehen.
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![]() 20.02.2008 10:20:43 Profprom: Diese Zocker zerstören Volkswirtschaften und die Regierungen in der ganzen Welt schauen zu. Sind die alle gekauft? Nur blöd? Oder beides? Für gesundes, kostenloses Mittagsessen für die Kinder in Kindergärten und Schulen haben unsere Politiker kein Geld. Aber für die Verluste von verbrecherischen Zockern in astronomischer Milliardenhöhe schon. Pfui Teufel! Übrigens, der viel geschmähte Lafontaine hat schon vor Jahren verlangt, die Finanzströme der Zocker zu beaufsichtigen und jede Transaktion zu besteuern. Das Erschreckende ist, dass die Politik und Justiz nichts unternimmt. Keine Verfolgung der Schuldigen, keine Gesetze zur zukünftigen Verhinderung solcher Verbrechen. ![]()
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