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    Die Biederkeit des Bösen

    Betrüger Bernard Madoff

    15.11.2009, 14:47

    Seite 1 von 2

    1. Die Biederkeit des Bösen
    2. Eine "außergewöhnliche Bösartigkeit"

    Von Moritz Koch, New York

    Bei einer spektakulären Auktion kommen die Besitztümer des Milliardenbetrügers Bernard Madoff unter den Hammer. Die Bieter wollen ein Stück Geschichte kaufen - oder Rache üben.

    Auktion Bernard Madoff New York, apGrossbild

    Erinnerungen unter dem Hammer: Bei der Versteigerung der Wertgegenstände aus dem Besitz Madoffs bot das Publikum auch für diesen College-Ring. (Foto: ap)

    Ein Urschrei eröffnet das Spektakel. Von hinten hallt er durch den Saal, ein Ausstoß flammender Leidenschaft. YEAH! Und gleich noch einmal: YEAH! Die vorderen Reihen verdrehen die Köpfe. Dann springt das Feuer auf sie über. Die Auktion kommt in Fahrt - und der Preis schießt in die Höhe. Mit jedem Schrei steigt er um hunderte von Dollar.

    Diamantohrringe im Art Deco Stil sind das Objekt der Begierde. Von dezenter Schönheit sind sie, nicht ungewöhnlich zwar, aber trotzdem einzigartig. Die Schmuckstücke zierten einst die Frau von Bernard Madoff, dem größten Ganoven in der Geschichte der Wall Street. Erst bei 70.000 Dollar verstummen die Schreie. Der Auktionator auf der Bühne wiederholt den Preis in einer rhythmischen Dauerschleife, schneller und schneller wird der Silbenschwall.

    Ein gutes Geschäft für einen guten Zweck

    Die Zunge des Mannes überschlägt sich, sein Kopf färbt sich rot. Nach einer Minute ist das Schauspiel vorbei. Abrupt beendet der Auktionator das Kauerwelsch. "Letzter Aufruf", sagt er und einen Sekundenbruchteil später: "Stück verkauft!" Beifall brandet auf. 70.000 Dollar! Der vorab geschätzte Preis betrug 9800 Dollar. Es ist ein gutes Geschäft für einen guten Zweck: Der Erlös aus der Versteigerung des Nachlasses von Madoff soll an seine Opfer fließen.

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    700 Leute füllen an diesem verregneten Tag den Ballsaal des New York Sheraton Hotels. Die New Yorker Gerichtsvollzieher haben ein texanisches Auktionshaus mit der Versteigerung beauftragt - und so geht es zu wie auf einer Viehmesse. Ein halbes Dutzend Saaldiener behält die Bieter im Auge. Die scheuen Gesten der Kaufbereiten übersetzen sie in Lärm. Ein Wink, ein Schrei. Die Wildwestmanieren sollen Gier schüren, einen Kaufrausch entfachen und die Preise in die Höhe treiben. Es funktioniert: Auf einen Erlös von 500.000 Dollar hatte Madoff-Treuhändler Irving Picard gehofft. Mehr als eine Million Dollar werden es am Ende sein. Der Ansturm auf Madoff-Memorabilien ist weit größer als erwartet.

    Armbanduhren, Pelzmäntel und Handtaschen

    Einige Bieter sind gekommen, um ein Stück Geschichte zu kaufen. Andere, um Rache zu nehmen. "Madoff hat meine Familie bestohlen", sagt der Angehörige eines Opfers, der seinen Namen verschweigt. "Ich bin hier, um mir etwas davon zurückzuholen." Wieder andere treibt Sinnstiftung an. "Ich bin davon überzeugt, dass etwas Gutes aus etwas Üblem entstehen kann", verkündet Sandy Mole. Er hat sich seine Jacke unter den Arm geklemmt und tingelt im Foyer von Kamera zu Kamera, um seine Botschaft zu verbreiten. Vergleichsweise profan ist das Motiv von William Shaw: "Warum ich hier bin?", fragt der Wirtschaftsstudent zurück, ein schmächtiger Kerl, der Kaffee aus einem Pappbecher schlürft. "Ich will Weihnachtsgeschenke kaufen. Etwas mit einem ganz eigenen Jazz. Ein Madoff-Aschenbecher, das wäre doch cool."

    Oben im Ballsaal kommt das nächste Stück unter den Hammer. Es gibt noch viel zu tun. Der gesamte Haushalt der Madoffs wird versteigert, zusammengetragen aus dem Luxusappartement des Paares in Manhattan und ihren Ferienhäusern auf Long Island und Palm Beach. Edler Schmuck und noble Kleidung sind ebenso darunter wie wertlose Souvenirs. Armbanduhren, Pelzmäntel und Handtaschen. Bojen, Angelkoffer und Blinker. Golfschläger, Briefmarken und Holzenten. Eine Gummihose, eine Baseball-Jacke und ein Regenschirm. Die Banalität des Bösen erkennt die New York Times in all dem Krempel.

    Der Name Madoff steht in Amerika für abgrundtiefe Niedertracht. Er hatte ein Schneeballsystem betrieben und mit einfachsten Tricks die Finanzaufsicht genarrt. Sein jahrzehntelanger Schwindel hat Anlegern einen Schaden von mindestens 20 Milliarden Dollar zugefügt, tausende Familien ruiniert und mehrere Firmen in die Pleite getrieben.

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