Von Hans-Christian Dirscherl

Jimmy Wales, der Gründer von Wikipedia, gab kürzlich ein Interview, das erhebliche Wellen schlug. Denn Wales erklärte darin, dass man plane, bestimmte Artikel dahingehend zu sperren, dass sie für nicht registrierte oder erst seit kurzem registrierte Benutzer nicht mehr editierbar seien. Das Ganze läuft unter dem Ausdruck "Semi-Protection". Schon machte der Ausdruck vom Philosophiewechsel bei Wikipedia die Runde. Die Verantwortlichen der deutschen Wikipedia sahen sich dadurch genötigt, den Sachverhalt der "Semi-Protection" nochmals klar zu stellen. Und zwar auf eine ironische, fast schon polemische Art.

Die Macher der deutschsprachigen Wikipedia sind ganz offensichtlich genervt. Die Meldungen der letzten Wochen drehten sich zumeist um verleumderische Artikel (aufgehängt am Beispiel des Journalisten Seigenthaler) oder um urheberrechtlich problematische Beiträge ( wie die Sache mit den DDR-Lexika ). Dann legten die Verantwortlichen der englischen Wikipedia mit geplanten Maßnahmen wie der angedachten Teilsperrung von Artikeln für nicht registrierte oder erst seit kurzem registrierte Benutzer nach. Das führte zur Veröffentlichung einer reichlich ironisch formulierten FAQ auf der deutschen Wikipediaseite. Doch das Ganze hat auch etwas Gutes, erhellt es doch die Pläne, mit denen Wikipedia die mitunter sehr hohe Qualität seiner Artikel vor Vandalismus schützen will.

In Kooperation mit  PC-Welt

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Wikipedias Stärke: jeder Interessierte kann grundsätzlich jeden Artikel ändern. Wikipedias größte Schwäche: jeder Interessierte kann grundsätzlich jeden Artikel ändern.

So kann man es grob vereinfacht ausdrücken. Denn selbst wenn die überwiegende Mehrheit der Wikipedia-Autoren noch so sorgfältig arbeitet, können einige wenige Spaßvögel oder ideologisch verblendete Rechthaber-um-jeden-Preis das Gesamtwerk ganz schön in Mitleidenschaft ziehen. Die harmloseren Schäden entstehen noch durch schlampige Recherchen, die zu sachlich falschen Darstellungen ohne böse Absicht führen. Auch sprachliche Schwächen eines Autors hemmen vielleicht den Lesefluss, sind aber nicht wirklich tragisch (wer liest schon ein Lexikon aus Spaß an der Sprache). Nein, was Wikipedia zuletzt erheblich in Misskredit brachte, war das vermutlich/vielleicht wissentliche Veröffentlichen von Artikeln, die das geistige Eigentum anderer Autoren waren ohne diese zu nennen und - noch schlimmer - die verleumderische Darstellung eines Sachverhaltes. Und dagegen will sich Wikipedia zu Recht schützen.

Jimmy Wales sieht eine Lösung in der Semi-Protection-Policy, also in so genannten "stable versions" von bestimmten, zuletzt von Vandalismus heimgesuchten Artikeln. Diese Wikipedia-Beiträge sollen nicht mehr von jedermann verändert werden können. Mitarbeiter von Wikipedia müssten die für die Teilsperrung in Frage kommenden Beiträge zuvor prüfen.

Die englische Wikipedia hat vom 29. November bis zum 18. Dezember ein Meinungsbild über die Einführung dieser fallbezogenen "Halbsperrung" von Wikipedia-Artikeln eingeholt. Dabei sprach sich eine größere Zahl von Wikipedianern laut Wikipedia Deutschland für solche teilgesperrten Artikel aus.

Diese Halbsperrung ist jedoch noch nicht umgesetzt. Denn zuvor muss die Software, auf der Wikipedia läuft, dafür vorbereitet werden. Damit ist laut Wikipedia Deutschland aber bald zu rechnen.

Wenn diese Umsetzung erfolgt wird, können Administratoren nach vorheriger Diskussion auf Vorschlag Artikel "halbsperren", die zuvor massiv vandalisiert wurden. Halbsperrung bedeutet, dass der Artikel durch angemeldete Benutzer, die schon mehr als wenige Tage dabei sind, weiterhin wie gewohnt editiert werden kann. Nicht angemeldete Benutzer oder solche mit gerade eben erst angelegten Accounts können für die Zeit der Sperrung den Artikel nicht direkt bearbeiten.

Sofern Wikipedia Deutschland mit seiner Schätzung richtig liegt, wären von einer solchen Halbsperrung aber nur einige Dutzend Artikel betroffen. Die meisten davon sollen Artikel sein, die in der Vergangenheit voll gesperrt waren. Ein Beitrag, der nicht ständig Ziel von Vandalismus ist, soll aber nicht halbgesperrt oder ganz gesperrt werden.

Das ist aber ein wichtiger Gesichtspunkt, unter dem man Wales' Vorschlag sehen sollte. Stabile Versionen von Wikipedia-Artikeln - das klingt nämlich zunächst nach einer erheblichen Abkehr von der bisherigen Philosophie des freien Lexikons. Doch sofern die Schätzungen der Wikipedia-Macher zutreffen, sind davon eben nur einige wenige Artikel betroffen. Und dann ist es Essig mit dem angeblichen Philosophiewechseln, in der Praxis ändert sich entgegen zahlreicher anders lautender Medienberichte fast gar nichts. Zumal Artikel keinesfalls im Voraus gesperrt werden sollen, sondern erst, nachdem sie wiederholt Opfer von Vandalismus wurden. Letztendlich stellt die Semi-Protection also eine Ergänzung der bisherigen Schutzmöglichkeiten durch die Administratoren dar. Denn bisher gilt: Ein Artikel ist für alle frei editierbar oder komplett gesperrt.

Für Benutzer der deutschsprachigen Wikipedia wichtig: Zunächst einmal handelt es sich bei dem Vorhaben mit den halbgesperrten Artikeln um eine Angelegenheit der englischen Ausgabe. Ob der deutsche Ableger dieses Prinzip auch übernehmen wird, steht nach Angaben der Verantwortlichen der deutschen Dependance noch nicht fest. Technisch wäre das nach Anpassung der Software aber möglich.

Übrigens ist die angedachte Semi-Protection-Policy nicht die einzige Maßnahme zum Schutz von Wikipedia-Artikeln gegen Vandalismus. Denn bei der englischsprachigen Wikipedia können nur noch registrierte Anwender Artikel erstellen.

Neben der angedachten Semi-Protection plant die englische Wikipedia aber auch noch eine vollständige "stable version" der Enzyklopädie. Dabei denkt Wales an eine Ergänzung der derzeit verfügbaren Wikipedia um eine Variante, deren Artikel nicht mehr ohne weiteres verändert werden können, sondern so lange Bestand haben, bis sich neue inhaltliche Erkenntnisse ergeben. Salopp formuliert bedeutet das, dass Wikipedia ähnlich vorgeht wie konventionelle Lexika: Ist ein Beitrag fertig, bleibt er so wie er ist.

Die Benutzer hätten dann künftig die Wahl zwischen der generell stabilen Version von Wikipedia und den weiterhin veränderbaren Artikeln, deren Änderungen erst nach Prüfung in die stabile Version einfließen. Somit würden zwei Varianten des kompletten Wikipedia-Lexikons existieren.

Die Umsetzung dieses Konzeptes ist allerdings noch - nahe(?) - Zukunftsmusik.

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(PC-Welt)