Ein geglücktes soziales Experiment: Warum gelingt es einem Heer von Freiwilligen, das Weltwissen im Netz zu bündeln und dabei wissenschaftliche Neutralität zu garantieren?
Es war kein Zufall, dass sich die Enthüllungsplattform Wikileaks einen Namen gab, der mit den selben Silben anfängt wie das Internetlexikon Wikipedia. Das Präfix Wiki ist zu einem Synonym für das Utopia einer Weltgemeinschaft geworden, die ohne Lohn im Dienste der objektiven Wahrheitsfindung an einem großen Ganzen arbeitet.
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Zehn Jahre Wikipedia: Objektive Wahrheitsfindung im digitalen Raum. (© dpa)
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Ein hehres Ideal, an dem sich in der Geschichte der Menschheit schon viele vergeblich abgearbeitet haben. So waren die Zweifel groß, als das Internetlexikon Wikipedia am 15. Januar 2001 ans Netz ging.
Der Traum vom Kollektiv der Amateure, das ein Werk vollbringt, das bis dahin der Wissenschaft vorbehalten war, schien so unrealistisch zu sein wie so viele andere digitale Utopien, die sich stets als Wunschträume einer technikbegeisterten Elite entpuppt hatten.
Das Internet hatte bis dahin weder Urgewalten der Demokratie entfesselt noch einen neuen Weltgeist geschaffen, die Virtual Reality der frühen Neunziger Jahre hatte weder psychedelische noch anderweitig entgrenzende Wirkung gezeigt.
Das Misstrauen saß tief, nicht zuletzt, weil viele der digitalen Vordenker aus ebenjenem kalifornischen Milieu stammten, das all die fehlgeschlagenen Utopien der späten sechziger Jahre hervorgebracht hatte.
Sachwalter des Scheiterns
Da predigte der einstige LSD-Papst Timothy Leary die angeblich überwältigende bewusstseinserweiternde Kraft früher Virtual-Reality-Maschinen. Stewart Brand, der Vater der amerikanischen Ökologiebewegung und Herausgeber des Whole-Earth-Versandkataloges für alternative Produkte, initiierte mit The Well eine Netzgemeinschaft, die am Ende doch unter sich zu bleiben schien. Und für die Freiheit im Netz kämpfte John Perry Barlow mit seiner Electronic Frontier Foundation, ein ehemaliger Rancher, der Songs für Grateful Dead geschrieben hatte.
Angesichts solcher Fürsprecher übte sich der konservative Konsens in Amerika und Europa in genüsslicher Häme, galten die Vordenker der Hippiegeneration doch nurmehr als Sachwalter des Scheiterns. Wieso also sollte es plötzlich einem Heer aus Freiwilligen gelingen, das Weltwissen im Netz zu bündeln und dabei auch noch wissenschaftliche Neutralität zu garantieren?
Doch trotz aller Fehler, aller bürokratischen Verästelungen und pedantischen Debatten zwischen den Millionen Autoren der mit über dreieinhalb Millionen englischen, 1,7 Millionen deutschen und ähnlich vielen anderssprachigen Einträgen inzwischen umfassendsten Enzyklopädie der Menschheitsgeschichte: Betrachtet man Wikipedia nicht als Werk, sondern als soziales Experiment, so ist es sehr wohl gelungen. Denn Wikipedia "funktioniert zwar in der Praxis, aber nicht in der Theorie", wie der Netzkritiker Evgeni Morozov schrieb.
Nun ist das Wiki-Prinzip keine Erfindung der Wikipedia-Gründer Larry Sanger und Jimmy Wales. Der Begriff stammt aus dem Jahre 1994 und fand in der Webseite WikiWikiWeb seine erste Anwendung. Das WikiWikiWeb war der erste Versuch einer kollektiven Seite. Ihr Gründer Ward Cunningham hatte sich für den Namen vom Flughafenzubringer "Wiki Wiki Shuttle" in Honolulu inspirieren lassen. Der wiederum ist nach dem Wort benannt, das in der Sprache der Ureinwohner "schnell" bedeutet.
Daraus könnte man einen Rückschluss auf die Geschwindigkeit der Wikipedia ziehen. Immerhin verkündet das Online-Lexikon inzwischen Weltereignisse und das Ableben bekannter Persönlichkeiten manchmal schneller, als die Nachrichtenagenturen.
Doch erstens war der Ursprung der digitalen Bedeutung von Wiki ein ähnlicher Sprachklamauk ohne weiteren Hintersinn wie so viele Namen großer digitaler Firmen - man denke an Yahoo, Google oder Mozilla. Zweitens hat der allgemeine Sprachgebrauch längst Besitz von dem Wort ergriffen und ihm eine neue Bedeutung gegeben.
Wiki deutet den Begriff der Masse um. Der ist im sozialen Kontext ja eigentlich nur noch negativ besetzt: Massenbewegungen, Massenaufstände, Massenkultur, Massengeschmack, Massenverkehrsmittel, überhaupt alles, was massenhaft existiert, gilt als per se verdächtig.
Vom Ideal der Massen als weisem und gerechtem Volkskörper in den Utopien des 20. Jahrhunderts ist da nichts geblieben. Elias Canettis "Masse und Macht" gehört an deutschen wie an amerikanischen Hochschulen zur Pflichtlektüre. Darin wird der Masse eine immanente Zerstörungssucht attestiert, die viele auch im Internet wittern.
Knotenpunkt der Selbstlosigkeit
Weil man aber den Fragen des 21. Jahrhunderts immer seltener mit den Antworten des 20. Jahrhunderts beikommt, lohnt es sich, das Phänomen des Wiki für sich zu betrachten. So sieht der Professor für Internetrecht an der Harvard Law School Jonathan Zittrain in der Wikipedia ein Beispiel für seine Theorie vom Netz als Knotenpunkt für Millionen selbstloser Handlungen, die von Freundlichkeit, Vertrauen und Neugier bestimmt werden. Wer sich in der Wikipedia auch nur mit einem kurzen Eintrag wiederfindet, der kann das oft am eigenen Namen nachvollziehen.
Da findet man beispielsweise auf dem Höhepunkt der Debatte um Islam und Anti-Islamismus ein einzelnes Zitat in seinem Eintrag, das schlechtes Licht auf einen wirft. Eine kurze Beratung mit einem gelegentlichen Wikipedia-Autor ergibt, dass man dies nun auf keinen Fall selbst löschen sollte. Die Wiki-Gemeinschaft reagiert bei ihrer Suche nach einem Höchstmaß an Objektivität gereizt auf Einflussnahmen persönlich, politisch oder wirtschaftlich Interessierter.
Bleibt also nur das Vertrauen in die Masse. Und die reagiert tatsächlich recht rasch. Ein paar Tage später ist das Zitat verschwunden. Es hätte den Eintrag in einen tendenziösen Kontext gestellt.
Die Liste der Nachahmer ist lang
Oft ziehen sich die Debatten um so einen Eintrag über Monate hin. Die Frage, ob die polnische Hafenstadt an der Ostsee nun Danzig oder Gdansk heißt, wurde in der englischen Ausgabe mit über 8000 Diskussionsbeiträgen diskutiert. Es blieb beim Eintrag Gdansk, mit Danzig als Zusatzklammer. In der deutschen Version ist es umgekehrt. Der Eintrag unterscheidet dann: Gdansk hieß die Stadt bis 1305 und nach 1945, Danzig in den 640 Jahren dazwischen.
Die Suche nach Objektivität und das Vertrauen in die oft beschworene Weisheit der Vielen hat längst unzählige Nachahmer gefunden. Die Mikrokreditseite Kiva.org belegt das Vertrauen mit einer Rückzahlungsrate der Kreditnehmer in Entwicklungsländern von über 90 Prozent.
Auch die sozialen Netzwerke wie Facebook bekommen das zu spüren, kollidieren ihre Wirtschaftsinteressen doch ständig mit dem kollektiven Vertrauen ihrer Nutzer. Wie all die unzähligen Seiten, die aus der Wiki-Utopie Geld zu machen versuchen, was in der Managersprache "Crowdsourcing" heißt.
Wikileaks ist nun die politische Fortführung. Wenn auf der Basis dieses Vertrauens die Netzgemeinschaft Politik und Wirtschaft zu Transparenz zwingen kann, so wird das soziale Experiment zu einer sozialen Norm. "Die Revolution vollzieht sich nicht, wenn eine Gesellschaft neue Technologien, sondern wenn sie neue Verhaltensformen übernimmt", schrieb der Medienwissenschaftler Clay Shirky. Ob das soziale Experiment Wikipedia nach zehn Jahren ein Erfolg war, wird die weitere Geschichte von Wikileaks und dessen Nachfolgern zeigen.
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(SZ vom 15.01.2011/joku)
OB-Kandidatin Nallinger
"Kulturoptimist" hat völlig recht. Ob ein Wiki-Eintrag akzeptiert oder gelöscht/verfälscht wird, ist Glückssache. Es hängt vom Thema ab und welcher Sichter/Admin sich der Sache widmet. Wenn man das Glück hat, an jemanden zu geraten, der Grundwissen über das Sachthema hat, kann man aufatmen. Leider gibt es unter den Wiki-Apparatschiks sehr viele, die sich durch puren Fleiss in die organisatorische Aristokratie hochgedient haben (eigentlich ein ideales Feld für eine politologische Untersuchung von Karriereprozessen à la Stalin). Darunter sind viele Jugendliche, die offenbar viel Zeit haben, und die sich schon mal ein Urteil über komplizierte Fragen aus ihnen offenbar völlig fremden Bereichen zutrauen. Die bügeln oft mit fadenscheinigsten Argumenten ("nicht belegt") alles ab, was sie nicht verstehen. Nach dem Motto "jetzt zeige ich den grosskotzigen Akademikern mal, was eine Realschülerharke ist".
Ernsthaft arbeiten an einer Enzyklopädie kann man auf dieser Basis nicht. Der Gründer hat ja daraus schon die Konsequenz gezogen und sich verabschiedet.
Wenn Menschen unkontrolliert und unqualifiziert Macht erlangen können, ist Missbrauch vorprogrammiert - Wiki ist dafür ein Schulbeispiel.
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"Warum gelingt es einem Heer von Freiwilligen, das Weltwissen im Netz zu bündeln und dabei wissenschaftliche Neutralität zu garantieren?"
Ganz einfach: das tut es nicht!
Bzw. es kommt stark auf die Natur des Themas an. Bei "scharfen Wissenschaften" wie etwa mathematischen Themen und ebenso beweisbaren Zusammenhängen und Sachverhalten, technischen Bezügen usw. ist Wikipedia durchaus eine gute Sache und auch objektiv.
Schaut man sich allerdings einen Begriff an, dessen Deutung umstritten ist, merkt man schon, wes Geistes Kind die Administratoren sind. Das wird besonders deutlich, wenn man die entsprechenden Begriffe in verschiedenen Sprachen ansieht!