Zehn Jahre Facebook Facebook, Schnittmenge aller Beziehungen

Wer Facebook unter Pseudonym nutzte, riskierte von der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. In einem Interview mit dem amerikanischen Autor David Kirkpatrick sagte Zuckerberg einmal, wer im Besitz zweier Identitäten sei, der stelle "ein Beispiel für einen Mangel an Integrität dar." Deshalb dulde er keine Pseudonyme. Der Zwang zur bürgerlichen Identität ist eine der weitreichendsten Veränderungen, die Facebook im digitalen Raum herbeigeführt hat. Sie war vor zehn Jahren auch sinnvoll: Wer damals seine sozialen Beziehungen online organisieren wollte, musste dies in vielen kleinen Mikro-Öffentlichkeiten tun. Das war aufwendig.

Der Grund, weshalb in Deutschland "StudiVZ" scheiterte, war nicht zuletzt, dass sich damit immer nur eine Teilmenge der sozialen Beziehungen abbilden ließ. Nicht der Kumpel, der Realschule gemacht hatte. Nicht die Ferienbekanntschaft aus den Vereinigten Staaten. Facebook ist zu einem sozialen Betriebssystem für das Internetzeitalter geworden. Die Facebook-Identität wird im Netz großflächig als Identitätsausweis akzeptiert. Es ist eine sagenhafte Erfolgsgeschichte, und doch droht Facebook am eigenen Erfolg zu scheitern.

Mit den Jahren ist der soziale Verbund jedes einzelnen Mitglieds zwar gewachsen. Doch Facebook hat nicht gelernt, dieses Beziehungsgeflecht zu strukturieren. Wer dort heute ein Status-Update veröffentlicht, wendet sich gleichzeitig an seine Sandkastenliebe, seine Großmutter, seine Affäre, seinen Chef und im Zweifel auch noch an seinen inhabergeführten Bio-Supermarkt um die Ecke, für den aus Versehen ein Personenprofil statt einer Firmenseite angelegt wurde.

Der Newsfeed ist ein schwarzes Loch

Der Facebook-Newsfeed also, der Mittelpunkt des wichtigsten sozialen Netzwerks der Welt, ist ein schwarzes Loch. Kein Mensch versteht, was dort vor sich geht: Wer was gelesen oder überhaupt zu Gesicht bekommen hat. Facebook ist so gewaltig angewachsen, dass nicht einmal seine Schöpfer die Kontrolle darüber haben. Vor einem Jahr hat Facebook eine soziale Suchmaschine namens Graph Search vorgestellt. Eigentlich sollte sie das Informations- und Beziehungsgeflecht transparenter und besser zugänglich machen. Bis jetzt ist sie aber nur für einen Bruchteil der Nutzer zugänglich, zu dicht ist der Dschungel. Facebook selbst spricht inzwischen von einer "mehrjährigen Reise", die man hier noch vor sich habe.

Wer " Whisper" oder das jüngst von Googles Risikokapitalfirma mit Millionen Dollar unterstütze "Secret" nutzt, muss sich damit nicht rumzuärgern. Dort gibt es kein Beziehungsgeflecht. Es gibt dort nur anonym vorgetragene Statements oder Statements unter Pseudonym . Alles, was sich innerhalb des rechtlichen Rahmens bewegt, ist erlaubt. Angeboten wird so etwas wie ein neuzeitlicher Speakers Corner: Soziale Anonymität und Pseudonymität kehren zurück in den digitalen Mainstream. Das hat übrigens wenig bis gar nichts mit den Enthüllungen über die Tätigkeiten der allgegenwärtigen Geheimdienste zu tun. Denn technische Anonymität bieten die neuen Services nicht.

Die App 'Snapchat': Einer der Nachfolger von Facebook.

(Foto: AFP)