Google gibt sich derzeit als Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Doch nun sperrt die Tochter-Plattform YouTube ein provozierendes Musikvideo der Sängerin M.I.A.
Es ist ein geschickter Schachzug, einen Medienmonopolisten wie das Videoportal YouTube zu einem symbolträchtigen Akt der Zensur zu zwingen. Gerade jetzt, da die Zensur im Netz ein Thema ist.
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Screenshot aus dem Video "Born Free": (© Screenshot: Vimeo.com)
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Erst letzte Woche hat sich Apple-Chef Steve Jobs dazu bekannt, dass im Kosmos seiner Vertriebsportale politische Satire und anrüchige Erotik keinen Platz haben. Unterdessen stilisiert sich der Mutterkonzern von YouTube, Google, auf dem chinesischen Markt zum Vorkämpfer für Meinungsfreiheit.
Wenn YouTube also ein politisches Video sperrt, das gleichzeitig einen ästhetischen Aufbruch markiert, dann ist das nicht nur ein PR-Coup. Es ist die Botschaft, dass die Freiheit im Netz vorbei ist.
Nun passiert es nicht mehr oft, dass ein Video so beklemmend wirkt, wie die neun Minuten lange Gewaltorgie, die Romain Gavras rund um die neue Single "Born Free" der tamilisch-britischen Sängerin Mathangi Arulpragasam inszenierte, die unter dem Kürzel M.I.A. bekannt ist.
Berechnende Provokation
Das Einsatzteam einer paramilitärischen amerikanischen Einheit in den Scherbenvierteln von Los Angeles treibt darin rothaarige Kinder und Jugendliche zusammen, fährt sie in die Wüste, misshandelt sie, exekutiert eines der Kinder und treibt die anderen in ein Minenfeld. Das ist so schonungslos gedreht, dass es auch langjährige Kinogänger mit Genre-Erfahrung nicht kalt lässt.
Sicher ist die Provokation schamlos berechnend. YouTube blieb gar nichts anderes übrig, als das Video zu sperren. Wenn die paramilitärischen Häscher eine Tür eintreten und ein aufgedunsenes Säuferpaar aus dem Geschlechtsakt reißen, dann ist das Pornographie. Und wenn der Offizier gegen Ende einen vielleicht zehnjährigen Knaben mit Kopfschuss exekutiert, dann ist die Grenze des Erträglichen überschritten. Beides verstößt eindeutig gegen die Richtlinien des Portals.
Die Rechnung ging auch sofort auf. Am vergangenen Montag stellte die Plattenfirma den Kurzfilm ins Netz. Am Dienstag wurde er von YouTube gesperrt. Nun kann man ihn zwar immer noch auf anderen Portalen und Seiten ansehen. Doch das sind nur marginale Mitbewerber in der Aufmerksamkeitsökonomie, in der sich YouTube längst als Monopolist etabliert hat.
Plumpe Symbolkraft der Zensur
Deswegen ist die Symbolkraft dieses Zensurakts zwar ähnlich plump, aber eben auch so effektiv, wie die Botschaft vom Rassismus und der Willkür des amerikanischen Staates im Video.
Romain Gavras ist nicht nämlich irgendein Videoclip-Regisseur. Er ist der Sohn von Constantin Costa-Gavras, der sich im Paris der späten sechziger und frühen siebziger Jahre mit Filmen wie "Z" und "Der unsichtbare Aufstand" einen Namen als politisch engagierter Thriller-Regisseur gemacht hat.
Wenn nun ein amerikanischer Monopolist den politischen Kunstfilm des Sohnes eines Regisseurs zensiert, der gerade in Hollywood als einer der profiliertesten Köpfe gilt, dann ist dieser Akt der Zensur mit Pop-Referenzen befrachtet, die auch diejenigen verstehen, die dem Pop seine politische Kraft längst abgesprochen haben.
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Wir haben schon, unabhängig voneinander, mit Gavras und Maya gedreht. Also Berührungspunkte gibt es auf jeden Fall:
http://www.vbs.tv/de/watch/createurs-du-futur--2/romain-gavras
http://www.vbs.tv/de/watch/spike-spends-saturday-with/m-i-a
Ich versteh gar nicht wo hier das Problem sein soll, das Video wurde ja nicht wegen seiner politischen Aussage gelöscht/gesperrt sondern wegen seiner Verstöße gegen die Community-Richtlinien von Youtube. Zitat: "Das Zeigen drastischer oder grundloser Gewalt ist nicht gestattet." und "YouTube ist keine Website, die schockieren soll." http://bit.ly/14Mh5
Wenn ein Video gegen diese Regeln verstößt uns sich genug Leute deshalb aufregen wird es gelöscht, so einfach ist das und mit Zensur hat das gar nichts zu tun!
Youtube ist eine private Plattform und somit hat man wie überall (auch im Internet) eine gewisse Hausordnung zu respektieren. Wenn man sich nicht daran hält muss man wie im richtigen Leben auch im Internet mit Konsequenzen rechnen.
Klar Youtube ist ziemlich dominant in seinem Geschäftszweig, trotzdem muss Youtube selbst die Spielregeln für sein Angebot bestimmen dürfen. (Immerhin muss Google ja auch was dabei verdienen können) Mit einer Einschränkung: IMHO wäre es sehr wichtig wenn die Entscheidungen über Sperrung/Löschung transparent gemacht werden würden.
Lieber Herr Kreye,
Wenn für Sie eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Staatsgewalt, die meiner Meinung nach noch vergleichsweise harmlos daherkommt bereits so gewertet wird, das "Youtube ja garnichts anderes übrig bleibt als zu zensieren" (sinngemäß), dann sollten Sie mal in sich gehen und überlegen ob sie den richtigen Beruf gewählt haben.
In Ihre Hände möchte ich die Verteidigung der Presse- und Kunstfreiheit nicht legen.
Vielleicht betreiben Sie seit einigen Jahren ja Medienabstinenz. Ich kann täglich in den 20 Uhr Nachrichten krassere Bilder sehen, als die in dem Videoclip gezeigten. Das ist doch das Unterträgliche. Und nicht ein Clip, der sich auf nicht weichgespülte Weise mit mit den Thema "Verfolgung ethnischer Minderheiten" auseinandersetzt.
schon ihr künstlername M.I.A. steht für "missing in action", sie ist tochter eines mitglieds der tamilischen befreiungstiger und - das nehme ich mal ganz stark an - hat mehr erfahrung mit und ahnung von repression als der mitteleuropäische/us-amerikanische durchschnittsbürger.
sie hat in london kunst studiert, schwerpunkt film, und selber welche gedreht. sie weiss also, wie das medium funktioniert, und in dem video steckt mehr als billige provokation. es fügt sich meines erachtens perfekt in ihr oeuvre ein, und ärger mit den medienwächtern hatte sie bereits in der vergangenheit. von wegen die provokation hat sich überlebt... wer andere politische ansichten hat als der mainstream, in diesem fall eine explizite "dritte-welt"-perspektive, eckt immer noch sehr schnell/leicht an.
schön, dass man das video auf der sz-seite ansehen kann, aber schade, dass der artikel so bildungsbürgerlich-süffisant im ton ist...
costa-gavras (dem vater) die bedienung links-liberaler verschwörungstheorien zu unterstellen, wird seinem filmischen schaffen so was von nicht gerecht.
und wie man die ca. 5 sekunden, in denen das paar beim gv zu sehen ist, als pornographie(!) bezeichnen kann, ist mir komplett schleierhaft...
... sind kein Selbstzweck, sondern Stilmittel. Somit geht der Film völlig in Ordnung.
Es erstaunt mich, dass im Beitrag die offensichtlichen Parallelen zu "Punishment Park" nicht zur Sprache kommen.
Paging