YouTube sperrt M.I.A.-Video Auf Provokation folgt Zensur

Google gibt sich derzeit als Kämpfer für die Meinungsfreiheit. Doch nun sperrt die Tochter-Plattform YouTube ein provozierendes Musikvideo der Sängerin M.I.A.

Von Andrian Kreye

Es ist ein geschickter Schachzug, einen Medienmonopolisten wie das Videoportal YouTube zu einem symbolträchtigen Akt der Zensur zu zwingen. Gerade jetzt, da die Zensur im Netz ein Thema ist.

Screenshot aus dem Video "Born Free":

(Foto: Screenshot: Vimeo.com)

Erst letzte Woche hat sich Apple-Chef Steve Jobs dazu bekannt, dass im Kosmos seiner Vertriebsportale politische Satire und anrüchige Erotik keinen Platz haben. Unterdessen stilisiert sich der Mutterkonzern von YouTube, Google, auf dem chinesischen Markt zum Vorkämpfer für Meinungsfreiheit.

Wenn YouTube also ein politisches Video sperrt, das gleichzeitig einen ästhetischen Aufbruch markiert, dann ist das nicht nur ein PR-Coup. Es ist die Botschaft, dass die Freiheit im Netz vorbei ist.

Nun passiert es nicht mehr oft, dass ein Video so beklemmend wirkt, wie die neun Minuten lange Gewaltorgie, die Romain Gavras rund um die neue Single "Born Free" der tamilisch-britischen Sängerin Mathangi Arulpragasam inszenierte, die unter dem Kürzel M.I.A. bekannt ist.

Berechnende Provokation

Das Einsatzteam einer paramilitärischen amerikanischen Einheit in den Scherbenvierteln von Los Angeles treibt darin rothaarige Kinder und Jugendliche zusammen, fährt sie in die Wüste, misshandelt sie, exekutiert eines der Kinder und treibt die anderen in ein Minenfeld. Das ist so schonungslos gedreht, dass es auch langjährige Kinogänger mit Genre-Erfahrung nicht kalt lässt.

Sicher ist die Provokation schamlos berechnend. YouTube blieb gar nichts anderes übrig, als das Video zu sperren. Wenn die paramilitärischen Häscher eine Tür eintreten und ein aufgedunsenes Säuferpaar aus dem Geschlechtsakt reißen, dann ist das Pornographie. Und wenn der Offizier gegen Ende einen vielleicht zehnjährigen Knaben mit Kopfschuss exekutiert, dann ist die Grenze des Erträglichen überschritten. Beides verstößt eindeutig gegen die Richtlinien des Portals.

Die Rechnung ging auch sofort auf. Am vergangenen Montag stellte die Plattenfirma den Kurzfilm ins Netz. Am Dienstag wurde er von YouTube gesperrt. Nun kann man ihn zwar immer noch auf anderen Portalen und Seiten ansehen. Doch das sind nur marginale Mitbewerber in der Aufmerksamkeitsökonomie, in der sich YouTube längst als Monopolist etabliert hat.

Plumpe Symbolkraft der Zensur

Deswegen ist die Symbolkraft dieses Zensurakts zwar ähnlich plump, aber eben auch so effektiv, wie die Botschaft vom Rassismus und der Willkür des amerikanischen Staates im Video.

Romain Gavras ist nicht nämlich irgendein Videoclip-Regisseur. Er ist der Sohn von Constantin Costa-Gavras, der sich im Paris der späten sechziger und frühen siebziger Jahre mit Filmen wie "Z" und "Der unsichtbare Aufstand" einen Namen als politisch engagierter Thriller-Regisseur gemacht hat.

Wenn nun ein amerikanischer Monopolist den politischen Kunstfilm des Sohnes eines Regisseurs zensiert, der gerade in Hollywood als einer der profiliertesten Köpfe gilt, dann ist dieser Akt der Zensur mit Pop-Referenzen befrachtet, die auch diejenigen verstehen, die dem Pop seine politische Kraft längst abgesprochen haben.