Warum ist diese "Untergang"-Parodie plötzlich verschwunden? Die Website YouTomb archiviert Videoclips, die bei YouTube gelöscht werden und wirft ein Licht auf Googles Geschäftspraxis.
Das Videoportal YouTube ist ein Archiv ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Man findet hier vieles Überraschende und überraschenderweise vieles nicht. So sahen viele im Netz zum ersten Mal die Szene, in der Rainald Goetz sich beim Lese-Wettbewerb in Klagenfurt die Stirn aufschnitt und das Blut aufs Manuskript strömte.
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"Hillary's Downfall": Diese "Untergang"-Parodie wurde von der Constantin gelöscht. Ein Kampf gegen Windmühlen, denn selbst bei YouTube existieren noch Duplikate des Clips. (© Screenshot: sueddeutsche.de)
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Doch jetzt ist dieses Dokument wieder verschwunden: Hat ein User den Clip "geflagt", ihn also bei YouTube angezeigt, weil er den Inhalt anstößig fand, oder hat der Rechtebesitzer sein Copyright geltend gemacht? Darüber weiß man so wenig wie über die prominente Platzierung von Videos auf der Homepage: YouTube ist eben keine gemeinnützige Stiftung für die Pflege des audiovisuellen Kulturerbes, sondern eine Abteilung des Google-Konzerns.
Nun versucht das studentische Forschungsprojekt YouTomb ("DuGrab") des Massachusetts Institute of Technology transparent zu machen, wie YouTube selektiert, und welche Firmen sich um Löschungen bemühen. Auf ihrer Website sammeln die Studenten Clips, die bei YouTube aufgrund angeblicher Copyright-Verletzungen, wegen Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen oder vom User selbst gelöscht werden.
Technischer Kern von YouTomb ist ein frei verfügbares Programm, das die populärsten YouTube-Videos überwacht und ihren Steckbrief speichert, sobald sie von der Seite genommen werden. Der Rechtebeansprucher wird von YouTomb ebenso registriert wie die Anzahl der Zuschauer. Oft gibt es auch Filmstills - die letzten Zeugen eines höchst flüchtigen Vergnügens.
Unter den Rechteinhabern finden sich die großen Namen wie Warner oder Viacom. Laut YouTomb ließ auch die deutsche Firma Constantin Film AG am gestrigen Mittwoch Szenen aus "Der Untergang" entfernen, darunter der populäre Clip "Hillary's Downfall", in dem der bramarbasierende Bruno Ganz mit Hillary-Clinton-Zeilen untertitelt wurde.
Genau diesen respektlos-kreativen Umgang mit Bildern will YouTomb schützen: Das Projekt steht auf der Seite des kreativen Fußvolks, das den Großteil der YouTube-Clips produziert und dafür oft auch kommerzielles Film- und Musikmaterial benutzt - ein Gebrauch, der in den USA durch die Doktrin des Fair use (Angemessene Verwendung) erlaubt ist. Dieses erweiterte Zitatrecht soll den kreativen Prozess in Kunst und Forschung sichern.
Doch YouTube entfernt Clips mit Hilfe von Algorithmen, die Material aufspüren, das von der Industrie mit einem "Wasserzeichen" gekennzeichnet wurde. Diese digitalen Detektive erkennen zwar Copyrights, aber keine Kunst. So ist YouTomb keinesfalls der Friedhof, den der Name verheißt, sondern ein Zwischenlager im Dienst der Lebenden. Um die Kreativität zu schützen, hilft oft nur die handfeste Methode: den Clip sofort wieder hochzuladen.
(SZ vom 5.6.2008/korc)
Bruce Springsteen in Frankfurt
Danke für den Tip mit "Hillary's Downfall", das ist echt ein Schenkelklopfer erster Güte.
Wie jeder weiss, handelt es sich bei der Masse des auf Youtube kursierenden Materials nicht um auf FAIR USE basierter Kunst, sondern um inhaberrechtsverletztende Kopien, an deren Popularität Google(TM) so lange wissentlich verdient, bis der Rechtebesitzer dies bemerkt und aktiv wird.
Darf ich übrigens diesen Artikel des Herrn Kortmann jetzt aus Kreativitätsgründen beliebig benutzen - mit Anzeigen geschmückt?
wie funktionieren denn die einnahmen von der ganz großen suchmaschine?
- durch die, die dafür bezahlen, dass sie dort als erstes gefunden werden?
- oder durch die, die noch mehr dafür bezahlen, dass sie dort bitte bitte gar nie nicht gefunden werden?