Wikipedia "Wir arbeiten hier mit Netz und doppeltem Boden"

SZ: Führen nicht manche Wikipedia-Autoren selbst den Relevanzbegriff ad absurdum? Ein Beitrag über ein westfälisches Dorf ist beispielsweise genauso lang wie der Beitrag zum Thema Holocaust.

Janson: Ich sehe hier keinen Widerspruch. Ist ein Artikel erst einmal aufgenommen, darf er so viel Platz in Anspruch nehmen, wie für eine angemessene Darstellung notwendig. Hier können wir unseren Vorteil ausspielen, keiner physischen Platzbeschränkung zu unterliegen und immer wieder auch Textteile in speziellere Artikel auslagern zu können.

SZ: Wikipedia schneidet sehr gut bei naturwissenschaftlichem Wissen ab. Hunderte Biologie-Artikel wurden bereits mit dem Prädikat "exzellent" ausgezeichnet. Bei einem Wissensfeld wie Psychologie sind es bisher nur fünf. Ist geistes- und sozialwissenschaftliches Wissen nicht prämierungswürdig?

Janson: Würdig ganz sicher, aber leider noch nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Gerade in diesen Bereichen sind wir verstärkt auf der Suche nach neuen Autoren. Ihre Leuchtturmartikel ziehen aller Erfahrung nach dann weitere Experten an, so dass ein sich selbst verstärkender Kreislauf in Gang gesetzt wird. Der Biologie-Bereich hat dies exemplarisch vorgemacht.

SZ: Löschen Administratoren mehr geisteswissenschaftliches Wissen, weil es ihnen weniger gesichert erscheint?

Janson: Das glaube ich nicht. Aber natürlich ist es in den Geisteswissenschaften manchmal schwerer auszumachen, welches die vorherrschenden Paradigmen sind oder welches Wissen eines Orchideenfachs schon als etabliert bezeichnet werden darf.

SZ: Sie haben als Administrator pauschale Löschrechte. Innerhalb von zwei Minuten können Sie die monatelange Arbeit von Autoren vernichten. Ist Ihr Status ausreichend legitimiert?

Janson: Ein Administrator wird einen längeren Text niemals ohne vorhergehende Diskussion mit der übrigen Community entfernen. In den meisten Fällen wird die Wochenfrist, nachdem ein Artikel zur Löschung vorgeschlagen wurde, hierfür voll ausgeschöpft. Ist jemand mit dem Fazit, das ein Administrator aus der Diskussion gezogen hat, nicht einverstanden, kann dies auf einer weiteren Seite nochmals öffentlich zur Diskussion gebracht werden. Wir arbeiten hier mit Netz und doppeltem Boden, auch wenn Entscheidungen im Einzelfall sicher immer diskutabel sind.

SZ: Wikipedia gilt manch einem als Positivbeispiel für einen herrschaftsfreien Diskurs. Ist das nicht ein großer Selbstbetrug, wenn 180 Administratoren darüber befinden, was als enzyklopädisches Wissen überlebt und was nicht?

Janson: Die Administratoren sind in den meisten Fällen eher ausführendes Organ, das eine offene Diskussion der Community um die Löschung eines Artikels neutral auswertet. Grundsätzlich wird diese Entscheidung immer von einem Administrator getroffen, der an der vorausgehenden Debatte unbeteiligt war. So mutig, allen Teilnehmern das Recht zur Löschung von Artikeln zu geben, sind selbst wir noch nicht gewesen. Aber davon abgesehen: Sieht man sich die zigtausend Diskussionsbeiträge an, die jeden Tag zu den verschiedensten Themen in Wikipedia veröffentlicht werden, dann kann Wikipedia durchaus als Modell eines anderen, offeneren Wissensdiskurses gelten.