Mit Muellers Worten ist bei Wikipedia letztlich "alles ein Koordinationsproblem", und wie in jedem Alternativprojekt gilt als Leitlinie: "Alles wird ausdiskutiert." Kein Wunder also, wenn das meiste Sagen am Ende diejenigen haben, die nicht nur über die größere Kompetenz und den besseren Überblick, sondern auch über die kräftigeren Ellenbogen, den beharrlicheren Fleiß und die größere Durchsetzungsfähigkeit verfügen.

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So grundlegend anders als in den netzweiten Workshops und Debattierclubs geht es aber in den Geisteswissenschaften auch nicht zu, weshalb man sich - wie der Mainzer Buchwissenschaftler Ernst Fischer in der abschließenden öffentlichen Podiumsdiskussion sagte - veränderten medialen Bedingungen der Wissenssicherung und Kanonbildung gegenüber öffnen sollte: Anders als in den Naturwissenschaften gebe es in den Geisteswissenschaften kein dauerhaft gesichertes Wissen, und als "Diskussionswissenschaften" wiesen sie durchaus Analogien mit den Organisationsformen der Wikipedia auf.

Was treibt die Leute an?

Nur der Wikipedianer als solcher bleibt weiterhin ein Rätsel, auch für die Wissenschaft: "Wir wissen es schlichtweg nicht, was die Leute antreibt", bekannte der Göttinger Jurist Gerald Spindler, und beinahe Einmütigkeit herrschte auf dem Podium und unter den übrigen Diskutanten darüber, dass man die institutionalisierten Standards der Wissenschaft nicht auf ein Graswurzelgewächs wie Wikipedia anwenden solle.

In der Hoffnung auf künftig "osmotische Beziehungen", so warf das Akademiemitglied Helwig Schmidt-Glinzer von der Wolfenbütteler Herzog August Bibliothek in die Diskussion ein, möge man "Wildwuchs", statt ihn umzupflügen, doch besser als ein Korrektiv zu festgefahrenen Strukturen hegen und pflegen.

Unter dem Hinweis des Moderators Volker Panzer auf die Kürze des Lebens im Vergleich zur Länge des Netzes, was zum diätetischen Umgang mit neuen Medien der Organisation und Distribution von Wissen mahnte, strebten die beiden Welten am Ende wieder auseinander, um sich künftig wohl noch genauer gegenseitig zu beäugen.

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(SZ vom 28.08.2007)