Eine Mainzer Tagung untersucht das Verhältnis von Wikipedia und den Geisteswissenschaften und fördert erstaunliche Einsichten zu Tage.
Wikipedia, die von einer Gemeinschaft aktiver Benutzer Stunde um Stunde fortgeschriebene, frei zugängliche Online-Enzyklopädie, hatte einen Vorläufer: Johann Heinrich Zedlers "Grosses vollständiges Universallexikon aller Wissenschaften und Künste", in 64 Bänden und 4 Ergänzungsbänden zwischen 1732 und 1754 erschienen, war ebenfalls das Werk anonymer Autoren.
(© Foto: dpa)
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In enger Anbindung an die Leser und Abonnenten, die zur Einsendung selbstverfasster Beiträge eingeladen waren, entstand auf 68 000 Seiten mit rund 300 000 Artikeln ein gigantisches Werk der Kompilations- und Plagiierungskunst. Ein bisschen Spaßguerilla war wohl auch damals schon mit dabei, wenn ausgerechnet ein Artikel, der sich mit dem Thema "Plagiat" befasste, aus einer ungenannten fremden Quelle abgekupfert worden war.
Gleichwohl blieb und bleibt der "Zedler" ein unverzichtbares Handwerksinstrument zur Erforschung der Aufklärungsepoche. Auch er steht längst im Netz (www.zedler-lexikon.de), wo er soeben um ausgetüftelte Suchfunktionen zur Erschließung nach Sachgebieten ergänzt wurde. Nur ändern darf der Benutzer dort - anders als bei Wikipedia - heute nichts mehr.
Dem Dialog zwischen Wikipedia und den Geisteswissenschaften war eine Tagung verpflichtet, zu der der Trägerverein "Wikimedia" gemeinsam mit der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur eingeladen hatte. Ulrich Johannes Schneider, Zedler-Experte und Direktor der Leipziger Universitätsbibliothek, lieferte hübsche Parallelen für das unvermeidliche Schicksal, das viele kollektiv verfassten und der Anonymität ihrer Teilnehmer verpflichteten alternativen Graswurzelprojekte teilen.
Wer hat das Sagen?
Als das Zedlersche Lexikon den Buchstaben "L" erreicht hatte, sorgte ein Redaktor namens Ludovici - einer der wenigen namentlich bekannten Macher - mit einem sich selbst gewidmeten biographischen Artikel dafür, dass fortan auch lebende Personen aufgenommen wurden. Erwartungsgemäß haftete an der Mainzer Diskussion über die Frage nach dem Wert von Wikipedia der akademische Hintergedanke, wie über die Mitwirkung an einem anonymen Projekt dennoch symbolisches Kapital in Gestalt persönlicher Meriten und wissenschaftlicher Reputation zu erlangen seien.
Der Göttinger Philologe Markus Mueller, einer der Macher des Unternehmens Wikipedia, gab interessante Einblicke in die innere Struktur eines basisdemokratischen Projekts, das sich über eine Vielfalt von Selektionsmechanismen, die die Qualität, Überprüfbarkeit und Zuverlässigkeit der Inhalte herstellen und verbessern sollen, de facto längst zur "Meritokratie" entwickelt hat.
Das eigentliche Sagen haben dort rund 200 von der Gemeinschaft der aktiven Benutzer gewählte "Administratoren", die allein über die entscheidenden technischen Funktionen dafür verfügen, Korrekturen und Ergänzungen zu genehmigen, sie zu sichern oder sie zurückzuweisen, Regelverletzer auszuschließen und besonders schutzwürdige Artikel durch Sperrung vor Übergriffen zu schützen.
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