Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales Nicht immer neutral

Wikipedia-Veteran Jimmy Wales über die Kritik an der Online-Enzyklopädie und die Schwierigkeit, im Internet objektive Wahrheiten zu finden.

Interview: Johannes Kuhn

Auf Einladung des Verlegers Hubert Burda trafen sich in den vergangenen Tagen Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler und Internetpioniere zur Konferenz DLD (Digital, Life, Design) in München, um über die großen Zukunftsthemen zu debattieren. Zu den Rednern gehörte auch Jimmy Wales, der eine der größten Erfolgsgeschichten des Internets auf den Weg brachte: Er ist Mitbegründer von Wikipedia.

SZ: Jaron Lanier kritisierte jüngst, dass Wikipedia nur Durchschnittswissen schaffe, viele Einträge von einer "Mob-Ideologie" geprägt seien.

Jimmy Wales: Ich kann ihm zum Teil sogar zustimmen - Sie werden in der Wikipedia keine Perspektive finden, die gleichermaßen brillant wie schrullig ist. Würden Sie versuchen, ein großartiges Drehbuch oder einen Roman nach den Wiki-Kriterien der Neutralität und der Quellenangabe zu produzieren, würde das furchtbar in die Hose gehen. Aber darum sollte es bei Enzyklopädien auch nicht gehen: Wir wollen die verschiedenen Blickwinkel ausbalancieren.

SZ: Aber gerade im Netz gibt es für jede Ideologie einen Ort, an dem diese als objektiv oder neutral verkauft wird.

Wales: Gruppen, deren Mitglieder kulturell und ideologisch ähnlich ticken, werden häufiger Fehler machen. Sie haben einen blinden Fleck. 1920 kämpften Polen und Litauen an der Memel gegeneinander. Die Wikipedia-Einträge in den beiden Sprachen zeigten für dieses Ereignis komplett entgegengesetzte Perspektiven. Das Faszinierende: Durch den englischsprachigen Artikel, der beide Sichtweisen diskutiert, wurden auch die Einträge in der polnischen und litauischen Wikipedia besser, weil die Autoren den jeweils anderen Standpunkt kennenlernten. Die Verfasser der ursprünglichen Artikel wollten keine Geschichtsklitterung betreiben - sie hatten ihr Wissen einfach in der Schule gelernt.

SZ: Wie nahe ist Wikipedia der absoluten Neutralität?

Wales: Es ist ein Ideal, deshalb erreichen wir es nicht immer. Es gibt viele Gefahren: Wir wollen keine kleine Gruppe aktiver Schreiber, die auf einer Seite des politischen Spektrums stehen und das Gefühl haben, ihnen gehöre ein Artikel. In anderen Fällen müssen wir aufpassen, dass wir uns beim Einbeziehen aller Standpunkte nicht so verbiegen, dass am Ende die Artikel seltsam werden. Nehmen Sie die Evolution. Wir lassen in vielen Artikeln die Perspektive der Kreationisten außen vor. Es gibt zum Beispiel in der Enzyklopädie Conservapedia einen Artikel darüber, wie die Kängurus von der Arche Noah nach Australien kamen. Ich denke, das hat im Wikipedia-Artikel über Kängurus nichts zu suchen. Aber eine solche Entscheidung ist schwierig: Wann ist es für die Community angebracht, so etwas rauszuwerfen? Natürlich soll es möglich sein, über die Konzepte der Kreationisten nachzulesen, aber eben nicht im Känguru-Artikel.

SZ: Sollten die Artikel der Wikipedia noch mehr vom Weltwissen einschließen oder lieber reduziert und besser werden?

Wales: Es gibt meiner Meinung nach einige Dinge, die man getrost rausschmeißen könnte. Zum Beispiel Biographien unbekannter Menschen, da sie Vandalismus anziehen, schwierig zu pflegen sind, Quellen fehlen. Darüber diskutieren wir gerade in der englischsprachigen Wikipedia. Ich tendiere dazu, in den großen Wikipedias wie der englischen und deutschen eher auf Qualität zu setzen. Wir brauchen nicht für jeden Menschen der Welt einen Wiki-Eintrag.

SZ: Werden wir einmal eine dezentrale, individualisierte Wikipedia sehen, in der jeder Nutzer die Fakten selbst gewichtet?

Wales: Das ist eine interessante Idee, allerdings bin ich skeptisch. Eines der spannendsten Dinge an Wikipedia ist, dass es ein Treffpunkt ist: Kleine Gruppen debattieren ein Thema mit dem Ziel, sich darüber zu einigen, was Neutralität ist. Deshalb sind manchmal die Diskussionen zu Artikeln interessanter als der Eintrag selbst.

SZ: Wird das Wiki-Prinzip der Kollaboration den Kapitalismus verändern?

Wales: Ich sehe keinen Konflikt zwischen Kapitalismus und Kollaboration. Einige Branchen tun sich schwer mit Interaktivität, andere brauchen sie überhaupt nicht: Wenn Sie ein Auto bauen, wird vielleicht die Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Kunden stärker werden, wird der Designprozess interaktiver - aber niemand wird wollen, dass die Kunden in der Fabrik umherschleichen und das Auto zusammenbauen.