Interessant ist aber, dass Wikipedianer sich dieses Argument in Wirklichkeit nicht zu Nutze machen können. So lange sie sich dem Dilettantismus verpflichtet fühlen, können sie überhaupt keine unterschiedlichen Ebenen der Bearbeitungskompetenz akzeptieren, egal, mit welcher Begründung.
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Beim Dilettantismus gilt ja, wie ich schon sagte, die Auffassung, niemand dürfe allein aufgrund seines Fachwissens eine bevorzugte Rolle in einem Content-Creation-System spielen. Doch wenn jemand nachweislich exzellente Arbeit leistet, lässt sich im Zusammenhang damit meist sehr schnell eine gewisse Spezialisierung ausmachen. Dilettantismus in der von mir definierten Form ist also inkompatibel mit einem System der Meritokratie. Meritokraten sind aus Notwendigkeit meist Anhänger der Spezialisierung.
Masse im Dilemma
Hier haben wir ein kleines Dilemma. Wikipedia verschmäht es nämlich, die Beratung durch Experten als notwendig anzuerkennen. Wie will es trotzdem die Zuverlässigkeit seiner Inhalte gewährleisten? Entweder kann dies durch Hinweis auf äußere oder auf innere Instanzen der Verifizierung erreicht werden.
Wählt Wikipedia eine äußere Instanz, so macht es Zugeständnisse an die Autorität von Experten. Beabsichtigt Wikipedia dagegen, sich ganz auf sich selbst, das heißt auf seine innere Kompetenz, zu verlassen, zum Beispiel durch Umfragen unter seinen Autoren oder durch die bloße Zahl der Bearbeitungen, so begibt es sich in eine unhaltbare Situation.
Wikipedianer versuchen, mein Dilemma bei den Hörnern zu packen, indem sie die Glaubwürdigkeit von Wikipedias Inhalten durch eine Kombination aus externen und internen Mitteln zu belegen suchen. Sie betonen, dass Fußnoten ausreichen, um den Inhalt eines Artikels zu bestätigen.
Wird eine Tatsache durch eine Fußnote belegt, so ist sie allem Anschein nach glaubwürdig. Dies darf wohl als externe Methode der Faktenprüfung gelten; da aber das Hinzufügen und die Bearbeitung von Fußnoten von gewöhnlichen Wikipedianern vorgenommen wird und nicht von irgendwelchen ("abgehobenen") Spezialisten, wird dies als interne Methode der Überprüfung angesehen. Wo bleibt da das Dilemma?
Wenn Wikipedianer tatsächlich davon ausgehen, die Glaubwürdigkeit von Artikeln werde durch das Zitieren von Texten verbessert, die Experten geschrieben haben, würden die Artikel dann nicht noch mehr an Qualität gewinnen, wenn Leuten wie den zitierten Experten ein bescheidenes Maß an Mitarbeit an dem Projekt eingeräumt würde?
Andererseits: Wenn die Tatsache, dass die zitierten Referenzen von Experten geschrieben wurden, relativ belanglos ist, darf man sich fragen, welchen Sinn diese Referenzen dann überhaupt haben. Anscheinend spielen sie eine ziemlich mysteriöse Rolle, ähnlich einem Talisman.
Das Dilemma, in dem sich Wikipedia befindet, ist also folgendes: Wenn es seine Glaubwürdigkeit durch Hinweise auf fachkundige Meinung festigen will, dann gibt es keinen Grund, der dagegen spricht, Experten in irgendeiner beratenden Funktion zur Mitarbeit einzuladen. Für Wikipedianer ist das allerdings inakzeptabel. Und wieso?
Masse und Wahrheit
Wikipedia ist zutiefst egalitär. Eines seiner Leitmaximen ist der epistemologische (auf das Wissen bezogene) Egalitarismus. Der philosophische Hauptgrund für diese Art des Egalitarismus ist zweifelsohne der gleiche wie für den Egalitarismus im allgemeinen, nämlich das heute weit verbreitete und alles überspannende Bedürfnis nach Gerechtigkeit.
Doch in unserer modernen spezialistenfreundlichen Gesellschaft kann Fachwissen viel Autorität verleihen, die Nicht-Fachleuten vorenthalten bleibt. Die vielleicht wichtigste und grundlegendste Macht von Experten liegt darin zu erklären, was bekannt ist. Nach dem Verständnis eines fundamentalen Egalitarismus sollte diese Macht allen gleichermaßen zuteil werden.
Ich bin ein Befürworter der Meritokratie: Experten verdienen es, wie ich meine, eine herausgehobene Rolle zu spielen bei der Erklärung dessen, was bekannt ist, denn sie haben ihr Leben dem Wissen gewidmet. Experten haben ausgesprochen gründliche Kenntnisse in ihren Fachgebieten.
Indem wir Experten mehr Aufmerksamkeit schenken, gelingt es uns eher, die Wahrheit zu erfahren. Ignorieren wir sie, verspielen wir diese Chance. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass der Egalitarismus des Wissens - besonders so, wie er von Wikipedia dargestellt wird - die Wahrheit der Gleichheit unterordnet.
Das Fazit der Debatte ist: Die starke Hinwendung zur Spezialisierung in der heutigen Zeit liegt ständig im Clinch mit unserer heutigen Verpflichtung zur absoluten Gleichbehandlung der Menschen. Doch so viel mir die Gleichheit bedeutet, wenn ich mich zwischen ihr und der Wahrheit entscheiden muss, stehe ich auf der Seite der Wahrheit.
Larry Sanger ist einer der Gründer der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Seinen Essay schrieb er für das Online-Forum "Edge", um damit seinen Schritt zu untermauern, die konkurrierende Online-Enzyklopädie "Citizendium" und das "Citizens' Compendium" zu gründen.
(SZ vom 21.7.2007)
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(Deutsch von Christoph Kappes)
Union debattiert über Familienpolitik
Warum aktualisiert die Online-Redaktion der SZ einen Artikel vom 23.07.07? Unsinn diese Frage, da sie mir ja sowieso niemand beantworten kann, außer die Redaktion selbst, die sich wohl nicht zu diesem Thema äußern wird.
Mein eigentlicher Kommentar zu diesem Artikel:
Da haben wohl einige Leute aus der Redaktion Angst, Ihre Verdienstmöglichkeiten als Journalisten zu verlieren. Deshalb finde ich es unverschämt, die guten Motive der Wikipedianer und die guten Konsequenzen der FREIEN Enzyklopädie für die eigenen Interessen ins Dreck zu ziehen, die Leute zu irritieren und vor den Kopf zu stoßen. Sagen Sie doch einfach, Herr Sanger, dass Sie nicht wissen, welche Funktion Sie übernehmen sollen, wenn sich Wikipedia mal durchsetzt. Dann wird Ihnen geholfen
Warum nur müssen Debatten über Wert und Unwert einer ins Riesenhafte gewachsenen Möchtegern-Enzyklopädie wie der Wiki immer wieder in die Nähe von Glaubenskämpfen abrutschen?! Vielleicht, weil es hierbei zu viele Glaubenskämpfer gibt?! In puncto Qualität von Wiki-Artikeln gilt doch die schöne Devise des Berliner Eiermarktes: Könnse ma sehn, wat wer nich alles ham - solche, sonne und gesprenkelte! Tja, nun prüfe der Kunde also selbst, welche Gelege ihm gefallen und sei im übrigen rechtschaffen misstrauisch, vor allem bei Herkunft, Frische und Haltbarkeitsdatum der guten Rundstücke! Denn auch die ach so egalitäre Wikiprawda unterscheidet sich hierin keineswegs von etablierten Lexika wie dem Brockhaus (streckenweise recht fehlerhaft) oder der vergötterten EB (z.T. arg skurril) und erst recht nicht von würdevoll gealterten Fachkompendien: Sie täuscht ersehnte Objektivität vor. Gerade eifrige Laien-Autoren stellen ihre (oft genug angematschten) Lesefrüchte ins Netz je schwieriger oder entlegener das Sujet, desto häufiger dann die resignierte Erkenntnis des Kundigen: Hast Du auch verstanden, lieber Liebender (also Dilettant!), was Du da liesest? Nur zu punktuellen Tagesaktualitäten nehme ich die Wiki ausdrücklich in Schutz: Bsp. Artikel Rasmussen, Michael, dänischer Radprofi (wer sagt da Dänen lügen nicht). Da hat der Verfasser blitzschnell die SZ und deren Doping-Glossen des Herrn Burkert adaptiert sollte der anonyme Experte wohl Andreas B. selbst gewesen sein?
... zu Wort kommt ist das meist ziemlich einseitig. Die Wikipedia hat den Vorteil dass man durch die Diskussionsseiten und die Historiefunktion auch die Entstehung des Artikels nachvollziehen kann und damit in den meisten Fällen gerade bei solchen Thema viel informativer ist weil nicht "NUR" eine Meinung zur Sprache kommt.
der artikel ist käse - davon kann sich jeder leicht überzeugen, indem er sich einfach mal die enstehungsgeschichte und diskussion eines artikels anschaut.
schon die grundlegenden gedanken zum verhältnis laie - experte sind falsch und die konsequenzen, die sich daraus ergeben sollen sowieso.
die angebliche fehlerhaftigkeit von wikipedia artikeln im vergleich zu den etablierten enzyklopädien war in letzter zeit schon häufiger gegenstand wissenschaftlicher untersuchungen und wurde für gering bis unerheblich befunden (z.b. durch das magazin nature - wobei es hier einige formale unstimmgkeiten gibt http://www.golem.de/0512/42221.html )
@301273: vielleicht könnten sie einmal einige wenige beispiele der vielen edit-wars, die sie mitverfolgt haben und die mit der resigantion eines "experten" einhergingen, hier verlinken. würde mich sehr interessieren, was daraus geworden ist.
im übrigen werden solche ausufernden streitigkeiten normalerweise moderiert. von daher finde ich ihre ausführungen ein wenig befremdlich (insbesondere, dass sich argumentationen auf der grundlage von ""Das will ich nicht wahr haben"" durchgesetzt haben sollen ist äußerst unglaubwürdig! bitte link)
Mit dieser besagten Neutralität, mit diesem Fehlen der Machtkonzentration, wie du es abfällig nennst, nimmt man natürlich leider auch Dilettantismus in Kauf. Und die Tatsache, dass viele Artikel einfach fehlerhaft sind, weil sie eben nicht von Experten verfasst wurden.
Du sagst: "Wer etwas zu einem Thema weiß, ist in der Regel ein Experte. Welcher nicht-Experte sollte schon einen Artikel schreiben?" Schau dir doch mal einige der Wiki-Artikel an, viewiel Humbug da drin steht. Und dann kommen die selbsternannten Experten und verschlimmbessern das Ganze. Du sagst "Langfristig wird sich die Qualität durchsetzen". Das stimmt zum Teil und ist sehr optimistisch. Ich hab schon viele Edit-Wars mitbekommen, wo echte Experten vor den schreib- und löschfreudigen Dilettanten die Segel gestrichen haben, weil man es einfach satt hat, Argumente zu liefern, die abgelehnt werden mit dem Kommtentar "Das will ich nicht wahr haben". Das nervt. Aber Wikipedia ist sowieso eine Glaubensfrage.
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