Experten verfügen über einen außergewöhnlichen Umfang an Wissen auf bestimmten Gebieten. Dank dieses Wissens können sie oft wesentlich effektiver als Nicht-Spezialisten zusammenfassen, was zu einem Thema bekannt ist. Häufig wissen sie auch Dinge, die unter Nicht-Spezialisten praktisch unbekannt sind. Und sie haben Zugang zu Ressourcen, durch die sie ihr Wissensspektrum noch erweitern können.

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Aus diesen Gründen halte ich es für sinnvoll, die Hauptverantwortung dafür, was in enzyklopädischen Projekten über unser "Wissen" ausgesagt wird, in erster Linie Experten zu überlassen; doch sollten sie diese Verantwortung mit den allgemein Interessierten teilen.

Die Verteidiger von Wikipedia können zahlreiche Argumente dafür ins Feld führen, weshalb die Einbeziehung von Fachleuten überflüssig ist. Sie haben sich ganz dem Dilettantismus verschrieben; damit meine ich ihre Ansicht, niemandem sollte allein auf Grund seines Fachwissens eine Sonderrolle oder besondere Zuständigkeit in einem Content-Creation-System zugestanden werden.

Die Wikipedianer verteidigen ihre Einstellung unter anderem damit, die "Weisheit der Massen" mache den Kniefall vor Experten überflüssig. Die Gerechtigkeit erfordere nun einmal, Menschen nur nach dem zu beurteilen, was sie tun. Doch diese Argumente sind nicht stichhaltig. Es macht einen Unterschied, ob ich sage, Wikipedia ist ein verblüffendes und nützliches System, oder ob ich bestreite, die Online-Enzyklopädie könnte durch die Einbindung von Experten noch besser sein.

Masse und Weisheit

An dieser Stelle könnte mein Kontrahent "The Wisdom of Crowds", ein sehr interessantes und beliebtes Buch von James Surowiecki, aus der Tasche ziehen, um damit zu belegen, dass Wikipedia keine Überprüfung seiner Inhalte durch Experten nötig habe. Aber selbst nach Surowieckis Kriterien besteht kein Grund zu der Annahme, Wikipedia sei ein Schaufenster für die "Weisheit der Massen".

In der Einführung des Buches beschreibt Surowiecki eine Agrarausstellung 1906 in England, bei der alle möglichen Leute versuchten, das Gewicht eines Ochsen zu erraten. Es waren viele Nichtsachverständige in der Menge, weshalb man eigentlich meinen könnte, das durchschnittliche Rateergebnis sei ziemlich falsch gewesen.

Doch tatsächlich lag das geschätzte Gewicht nur geringfügig unter dem wirklichen. Dies veranschaulicht laut Surowiecki ein häufig wiederkehrendes Phänomen: Gewöhnliche Menschen in großer Zahl, die unabhängig voneinander handeln, können in der Summe ein Verhalten an den Tag legen, das "weiser" oder präziser ist als das des größten Experten unter ihnen.

Natürlich ist Surowiecki kein Narr. Er behauptet nicht, dass Daten, die von "Menschenmengen" produziert werden, unabhängig von den Umständen alle zuverlässig und richtig sind. Vorausgesetzt wird unter anderem, dass jeder in der Menge seine Entscheidungen unabhängig trifft. Gerade das ist aber die Art, wie Wikipedia nicht funktioniert.

Surowiecki schreibt: "Eine intelligente Gruppe, speziell, wenn sie mit kognitiven Schwierigkeiten konfrontiert ist, fordert ihre Mitglieder nicht dazu auf, ihre Position zu ändern, damit die Gruppe zu einer Entscheidung gelangen kann, mit der jeder von ihnen zufrieden ist."

Genau das aber geschieht bei Wikipedia. Um überhaupt zusammenarbeiten zu können, sind hier Konsens und Kompromisse unabdingbar. Die bekannten Beispiele, mit denen die Stärken gemeinsamen Gruppenratens demonstriert werden sollen - sagen wir, eine Schulklasse liegt insgesamt mit ihrer durchschnittlichen Schätzung der Zahl von Gummibärchen in einem Krug näher an der wirklichen Zahl als jeder Einzelne von ihnen - sind übrigens völlig unbrauchbar für die Untermauerung der Meinung, Experten und fachkundige Bearbeiter seien überflüssig bei der Veröffentlichung von Texten oder bei der Schaffung von Inhalten.

Zahl der Gummibärchen

Was die Zahl der Gummibärchen angeht, gibt es objektive Tatsachen, und die Experten liegen mit ihrer Aussage entweder richtig oder falsch. Doch welche Fakten versuchen Wikipedianer zu beschreiben? Die Fakten, die sie zusammentragen wollen, sind in den Büchern und Artikeln enthalten, die sie so eifrig zitieren. Und wer schreibt diese Bücher und Artikel? Eben größtenteils Experten.

Wikipedianer haben in gewisser Weise die Moral auf ihrer Seite, wenn sie ihre Vorliebe für den Dilettantismus begründen: Es sei nur fair, erklären sie manchmal, Menschen nach ihren tatsächlichen Verdiensten zu beurteilen und nicht nach dem, wer sie sind.

Persönliche Verdienste seien das einzige gerechte Kriterium, unterschiedliche Ebenen von Bearbeitungsbefugnis bei offenen Projekten zu rechtfertigen. Ein System, das sich allein an persönlichen Verdiensten orientiert - eine echte Meritokratie also - wird jemandes Autorität stets nur auf Grund dessen anerkennen, was er nachweislich für das Projekt zu leisten vermag.

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