Wikinomics-Autor Don Tapscott Geschäftsgeheimnisse ins Netz

Der Internet-Berater Don Tapscott fordert Unternehmen auf, sich endlich auf das Mitmach-Netz einzulassen, um von der Transparenz zu profitieren.

Spätestens seit seinem Bestseller Wikinomics hat die Stimme von Don Tapscott Gewicht in der Internetgemeinde. Der Kanadier berät Firmen ebenso wie Regierungen weltweit. Unternehmen empfiehlt er, jetzt die Chancen von Internetseiten zu nutzen, deren Inhalte von Kunden und Mitarbeiter mitgestaltet werden. Die Rezession sei ideal, um Geschäftsmodelle ganzer Branchen zu überdenken. Mehr Offenheit im Internet würde der gesamten Welt nutzen, sagt er.

SZ: Herr Tapscott, sind Sie so etwas wie ein Web-Papst?

Don Tapscott: Um Himmels Willen, nein. Ich bin in erster Linie Forscher, Manager, Berater für Unternehmen und Regierungen in aller Welt - und manchmal etwas zu früh dran mit meinen Themen.

SZ: Warum?

Tapscott: Mein erstes Buch über das Internet erschien 1981. Das war nicht der richtige Zeitpunkt, zugegeben. Von der Auflage hat meine Mutter den größten Teil gekauft. Die Recherche für ein Buch über Web 2.0 habe ich vor zehn Jahren begonnen. Es erschien dann einen Monat vor dem Zusammenbruch der Börsen - nachdem die Internetblase geplatzt war. Der Veröffentlichungstermin war also auch nicht gerade ideal, dabei gab es wirklich viele positive Kritiken.

SZ: Web 2.0 - der Begriff ist mittlerweile ja schon ziemlich abgegriffen.

Tapscott: Finde ich nicht, er trifft die Sache noch immer im Kern. Es geht um die Weiterentwicklung des Netzes, das sich über die Jahre fundamental gewandelt hat. Früher bestand das Internet nur aus statischen Webseiten. Das alte Web war so etwas wie eine Übertragungsleitung für Präsentationen, für virtuelle Visitenkarten von Firmen beispielsweise. Das neue Internet ist eine Plattform, um weltweit zusammenzuarbeiten, die auf dynamischen Technologien fußt.

SZ: Und was bedeutet das?

Tapscott: Es geht nicht länger nur um Webseiten - das Internet ist ein gigantischer, programmierbarer Computer geworden. Und jeder, der ins Netz geht, verändert mit seinem Tun diesen Rechner, der die ganze Welt umspannt.

SZ: Ist diese Botschaft schon bei Unternehmen angekommen?

Tapscott: Einige meiner Ideen sind ja schon ein wenig älter. Trotzdem haben viele Unternehmenslenker bis jetzt auf die junge Generation gewartet, so genannte digitale Eingeborene, die mit dem Internet groß geworden sind. Nun ist die Rezession gekommen ...

SZ: ... und keiner hat mehr Geld.

Tapscott: Ganz im Gegenteil. Der globale Abschwung war doch so was wie ein perfekter Sturm. Vielen Unternehmern ist klar geworden: Wirtschaften wie bisher funktioniert nicht mehr. Manager der Finanzindustrie beispielsweise oder der Automobilbranche müssen radikal umdenken. Für solche Industrien ist die Zeit gekommen, um in der Computerterminologie zu bleiben, für ein neues Betriebssystem - mit Hilfe von Web 2.0.

SZ: Wie soll das funktionieren?

Tapscott: Nehmen Sie das Bankensystem als Beispiel: Da draußen gibt es noch jede Menge Institute, die toxische Papiere verbucht haben, richtige Zombie-Banken sind das. Niemand kann diese Kreditinstitute bewerten. Warum also nicht die Risiken öffentlich ins Internet stellen? Dann könnten sich Finanzanalysten, Geschäftsleute oder Behörden ein Bild von den Gefahren machen - und die Lage gemeinsam beurteilen. Es gibt keine Argumente für Risikomanagement im Verborgenen. Solche überkommenen Geheim-Modelle hätten fast das gesamte System gefährdet. Mehr Offenheit würde auch der Autobranche gut tun, so könnten die Hersteller alle Patente rund um Öko-Antriebe im Internet veröffentlichen.

SZ: Alle Geschäftsgeheimnisse ins Netz? Das wäre doch Selbstmord.

Tapscott: Natürlich muss man differenzieren: Einiges Wissen sollte geheim bleiben, einiges nur innerhalb des Unternehmens geteilt werden - und manches darf für jeden zugänglich sein. Überlegen Sie nur einmal, wenn vor 20 Jahren alle Autohersteller ihr Wissen über Wasserstofftechnologie frei verfügbar ins Internet gestellt hätten: Dank einer öffentlichen Diskussion wären wir heute längst in der Lage, nachhaltige Antriebe zu bauen - und auch eine zukunftsfähige Automobilindustrie. BMW und Toyota könnten sich in einer solchen Welt noch immer mit verschiedenen Zusatztechnologien differenzieren, das machen sie heute beim Verbrennungsmotor ja auch.

SZ: Ein solcher Ansatz bringt aber nur Konzerne voran, oder?

Tapscott: Ich ziehe in der Tat gerne große Unternehmen als Beispiel heran, aber Web 2.0-Techniken funktionieren bei Firmen in allen Branchen und jeder Größe. Wer solche Netzwerkmodelle einsetzt, kann sein Geschäft ausbauen.

SZ: Warum macht es dann nicht jeder?

Tapscott: Weil eingefahrene Gewohnheiten schwer zu ändern sind. Vor 30 Jahren sagten die Kritiker, Manager werden nie internetfähige Computer nutzen - weil sie nicht selbst tippen werden. Können Sie sich das vorstellen? Der gesamte Wechsel zur Internetgesellschaft wurde mit diesem einen Argument in Frage gestellt. Und genauso ist es heute. Eine Web 2.0-Kultur würde die Machtverhältnisse in Firmen von grundauf ändern. Daran haben viele Unternehmensführer überhaupt kein Interesse.

SZ: Trotzdem scheinen Amerikaner schneller als Europäer zu reagieren.

Tapscott: Der alte Kontinent ist langsamer bei der Adaption neuer Ideen. Das ist ein echtes Problem. Es gibt einige gute Anzeichen - aber Web 2.0 ist keine Frage der Technik, sondern der Einstellung.