Das Wissen der Welt: In Frankfurt tagten die Macher der Online-Enzyklopädie.
So klingen also Welterklärer. Wer auf die Terrasse der internationalen Wikimedia-Konferenz tritt, hört ein dezentes Summen, Schwirren, Fiepen, begleitet vom Klappern der Laptop-Tastaturen.
(© Foto: dpa)
Anzeige
Im Frankfurter Haus der Jugend kann man zum ersten Mal diejenigen beobachten, die Teil der neuen Online-Bewegung sind: Wikipedia, der erfolgreichsten Internet-Enzyklopädie der Welt.
Millionen von Menschen vertrauen diesen Leuten, wenn sie wissen wollen, was ein Ritornell ist, wann George W. Bush geboren wurde oder wie die Gesetzgebungsverfahren in der Europäischen Union ablaufen. Dabei dürfte Wikipedia eigentlich gar nicht funktionieren.
Jeder Nutzer kann hier Lexikoneinträge verfassen, erweitern oder sogar Teile löschen, wenn sie ihm nicht neutral erscheinen. Allerdings muss jeder Autor damit rechnen, dass andere seine Änderungen erneut bearbeiten, rückgängig machen oder ergänzen.
Was klingt, als würde dem Chaos Tür und Tor geöffnet, funktioniert in der Praxis ganz gut. Wikipedia gehört nach eigenen Angaben zu den 50 weltweit am häufigsten besuchten Seiten, noch vor der Online-Ausgabe der New York Times.
Rund 260.000 Artikel lassen sich in deutscher Sprache abrufen. Weltweit enthält die Datenbank etwa 2,2 Millionen Artikel -- mehr als der Brockhaus und die Encyclopedia Britannica zusammen. Die Verleihung des renommierten Grimme-Medienpreises für den deutschsprachigen Ableger im Juni kam einem Ritterschlag gleich. Seitdem zitieren selbst Nachrichtenagenturen Wikipedia ohne Bedenken als Quelle.
Von der Euphorie eines Aufbruchs ist an den Frankfurter Jugendherbergs-Tischen nichts zu spüren. Hier wird keine Armee für die Info-Revolution aufgestellt. Die Terrasse erinnert eher an einen Bienenstock. Kaum zu glauben, dass die rund 300 Konferenzteilnehmer die gleichen Menschen sein sollen, die sich im Netz seitenlange Verbalschlachten liefern.
Die sich über die Schwerpunkte der Schweizer Sozialpolitik ebenso die Tastaturen heiß tippen wie über den "rhythmischen Aspekt" der Eurythmie.
Natürlich gibt es hier Freaks. Den Mann in fleischfarbenen Socken und Hotpants etwa, der bei einer Podiumsdiskussion das Stichwort "Gender Politics" in den Raum wirft.
Im Netz führt der Finne den Namen Cimon Avaro, seine Spezialgebiete: Alchemie und Logik. Er will sich für das "Board of Trustees" der Wikimedia Foundation zur Wahl stellen, einer Art Aufsichtsrat des Lexikon-Projekts.
Da sind aber auch Leute wie Hossein Derakhshan. Der Kanadier iranischer Herkunft führte während der Präsidentenwahl im Iran ein Internet-Tagebuch und verfasste im persischen Wikipedia Beiträge über Alkoholgenuss und das iranische Atomprogramm. "Bei meiner Ausreise fing mich der Geheimdienst ab und verhörte mich fünf Stunden lang. Sie verlangten, dass ich eine Entschuldigung veröffentlichte", sagt er.
Zurück in Kanada stellte Hossein Derakhshan lieber einen Bericht über das Verhör ins Netz. Seitdem lässt sich sein Tagebuch vom Iran aus nicht mehr abrufen.
Für die meisten "Wikipedians" ist die Arbeit an der Online-Enzyklopädie harte Arbeit. Den größten Korrekturbedarf gibt es bei Tippfehlern. Redakteure des Portals "bildungsclick.de" haben ausgerechnet, dass im deutschen Wikipedia eine Million Rechtschreibfehler verborgen liegen.
Doch selbst für das dröge Alltagsgeschäft haben sich in Deutschland rund 150 Administratoren gefunden, der jüngste gerade einmal 14 Jahre alt. Diese Wikimanie lässt sich nicht mehr mit der Technik-Begeisterung von Computer-Heinis erklären.
Dafür schreiben inzwischen zu viele Menschen an dem Nachschlagewerk mit. Der Frauenanteil liegt mit gut 20 Prozent vergleichsweise hoch.
Wer der Französin und stellvertretenden Wikimedia-Vorsitzenden Florence Devouard zuhört, ahnt, was die Online-Gemeinschaft antreibt: "Wir wollen jedem Menschen das Wissen der Welt in seiner Sprache verfügbar machen." Es ist der Glaube an den positiven Effekt vom freien Informationsfluss, kontrolliert allein von einer sich selbst regulierenden Öffentlichkeit.
Dass Kants Idee von der Selbstaufklärung eines Lesepublikums heute noch gilt, mag die überraschen, die den Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit üblicherweise betrauern.
Kontextabhängigkeit? Flüchtigkeit? Rhizomatische Struktur des Wissens im Internet? War da was? Die Wikipedia-Enthusiasten setzen den Heerscharen postmoderner Medientheoretiker die Klarheit des Inhaltsverzeichnisses einer guten Proseminar-Arbeit entgegen.
Freilich kommen sie damit um die Probleme des bürgerlichen Prinzips Öffentlichkeit nicht herum. Ist schon bei Kant die freie Rede allein auf das "Publikum der Leserwelt"beschränkt, so sind von Wikipedia alle die ausgeschlossen, die keinen Internetanschluss besitzen. "Das sind fast alle Afrikaner, aber auch viele Menschen in Osteuropa", sagt Ober-Wiki Devouard.
Schon das Enzyklopädie-Projekt der französischen Philosophen Diderot und d'Alembert verfolgte das Ziel, die Ideen der Aufklärung zu verbreiten. Ähnliche Entwicklungen will Devouard auch mit der Wikimedia Foundation anstoßen. So will die Stiftung in Zukunft vielleicht Alphabetisierungsprogramme in der Dritten Welt finanzieren.
Das Geld hierfür könnte aus dem Verkauf gedruckter Versionen des Wikipedia-Bestands stammen. Allerdings würde sich dabei eine Gefahr verschärfen, die gerade von der relativen Verlässlichkeit des Graswurzel-Lexikons herrührt.
Schon in der Online-Ausgabe prüfen gewöhnliche Leser selten den Wahrheitsgehalt der Einträge. In der gedruckten Version täte das wohl niemand mehr.
(SZ vom 8.8.2005)
Eurovision Song Contest