Wikileaks und die Folgen Geballte Wut im Netz

Im Wikileaks-Konflikt trifft die Zukunft auf die Vergangenheit: Eine wütende Jugend fühlt sich verraten und hat im Internet mächtige Hacker-Waffen zur Hand, um sich Gehör zu verschaffen.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Politische Wut gibt es bei Erwachsenen und bei Jugendlichen; Jugendliche neigen dazu, sie besonders impulsiv auszudrücken. Das war schon immer so: Da konnte man beispielsweise eine Mülltonne umstoßen und ihren Inhalt in Brand stecken.

Mit etwas Gespür für den richtigen Ort und die richtige Tageszeit kam man damit in die Zeitung, manchmal sogar ins Fernsehen. Wer es ernster meinte, der erreichte mit Blockaden aller Art viel Aufmerksamkeit, wenn nicht mehr.

Auch die Jugendlichen, die aus Wut über die Verhaftung des Wikileaks-Gründers Julian Assange Webseiten von Kreditinstituten, Internetkonzernen und Online-Händlern lahmlegen, reagieren aus einem solchen Impuls heraus. Mit dem Unterschied, dass ihre subversive Affekthandlung im Internet globale Bedeutung bekommen kann. Denn mit dem Fall Wikileaks hat die Subkultur der Hacker die Weltbühne betreten.

Diese Subkultur ist per se friedlich. Der Reiz, unerlaubt in fremde Computer einzudringen, wurzelt bei den meisten Hackern in einer Lust am Experiment. Nach dem ungeschriebenen Hacker-Kodex ist es verpönt, Schaden anzurichten, wenn man in fremde Netzwerke eindringt. Auch wenn die meisten versierten Hacker wohl über die Fertigkeiten dazu verfügen.

Aus dieser Subkultur ist nun ein beunruhigend wirksames Störwerkzeug in Umlauf gekommen - ein Programm mit dem Namen "Low Orbit Ion Cannon" (Ionenkanone in niedriger Erdumlaufbahn). Damit kann man auch ohne technische Computerkenntnisse einen "Distributed denial of service"-Angriff gegen eine Webseite starten. Der führt dazu, dass eine Webseite durch zu viele vermeintliche Anfragen außer Betrieb gesetzt wird.

Digitale Naturgesetze

Man ist nun erst einmal versucht, den Fall Wikileaks und seine Folgen verständlich einzuordnen. Doch weder ist Julian Assange ein romantischer Rebell noch ein anarchistischer Spion. Man kann die Internet-Aktionen des durch die neue Stör-Software rapide wachsenden Hackernetzwerkes auch weder mit dem zivilen Widerstand der Bürgerrechtsbewegung noch mit einem rasenden Mob vergleichen, an den jemand Handgranaten verteilt hat. Das Internet funktioniert nach seinen eigenen digitalen Naturgesetzen. Weil man die aber noch nicht versteht, gibt es für sie auch keine Regeln.

Wie schwierig es ist, Phänomenen im Netz Herr zu werden, zeigen die verzweifelten Versuche der amerikanischen Justiz, gegen Julian Assange vorzugehen. Bisher hat er gegen kein Gesetz verstoßen. Weil es kaum Gesetze gibt, die das Internet und die Freiräume, die es geschaffen hat, erfassen.