In großem Tempo virtualisiert sich die Musikbranche selbst. Für viele kleine Firmen ist das eine Chance, mit guten Software-Ideen auf den Markt zu kommen. Eines dieser Unternehmen ist Wallander Instruments.
Die Musikindustrie macht vor, wie schnell sich ein ganzer Industriezweig synthetisieren lässt. Alles wird in Softwarepakete verwandelt: Studiogeräte und Instrumente, vor wenigen Jahren nur für viele tausend Euro zu haben, kosten mittlerweile nur noch einen Bruchteil und passen in jeden Laptop. Kein Instrument, und sei es noch so exotisch, das nicht irgendwo als virtuelle Variante schon den Weg auf die Festplatten gefunden hat.
Die Benutzeroberfläche: Die Wallander-Instrumente lassen sich einfach aufrufen und intuitiv bedienen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sowohl die Raum- als auch die Instrumentenparameter zu variieren. (© Bild: Screenshot)
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Für viele kleine Unternehmen ist das eine Chance, mit guten Ideen auf den Markt zu kommen. Eine dieser Firmen ist Wallander Instruments. Gründer und Inhaber ist Arne Wallander. Seit 2005 arbeitet der gelernte Physiker an einer Software, die künftig einmal ein komplettes Orchester und Band-Instrumente im Rechner produzieren soll.
Ursprünglich wollte er die Instrumente nur für den Eigenbedarf haben. Schnell aber wurde deutlich, dass angesichts des enormen Zeitbedarfs für die Programmierung nur die Wahl zwischen ganz oder gar nicht bestand. Wallander entschied sich für ganz - und gründete seine Firma.
Heikle Blasinstrumente
Fertig sind mittlerweile die klassischen Blasinstrumente - vielleicht ist genau das der Grund, warum seine Software in Musikerkreisen bereits einige Aufmerksamkeit gefunden hat.
Denn gerade die Blasinstrumente sind angesichts der vielfältigen Spiel- und Ausdrucksvarianten in der virtuellen Umsetzung heikel. Zumindest, wenn der Nutzer später damit ein halbwegs ausdrucksvolles Spiel hinbekommen soll.
Wallander schafft mit seiner Software ein kleines Kunststück: Die Instrumente lassen sich sehr dynamisch spielen, brauchen kaum Arbeitsspeicher und belasten auch den Prozessor vergleichweise gering.
Das gelang, weil er auf ein traditionelles Mittel setzte, es aber von Grund auf neu konzipierte: Wallander entwickelte einen Software-Synthesizer.
Es gibt mehrere Verfahren, um Instrumente zu digitalisieren: Oft werden sie Ton für Ton in sogenannten Samples aufgenommen. Die Samples sind winzige Klangschnipsel, die später am Computer mit einer Keyboard-Tastatur aufgerufen und abgespielt werden.
Manche dieser so digitalisierten Instrumente sind hervorragend - aber auch teuer, aufwändig zu bedienen und viele Gigabyte groß.
Kein Physical Modelling
In den günstigeren Varianten stoßen solche Instrumente indes rasch an ihre Grenzen. Das Problem: Ein Instrument kann später nur das spielen, was auch aufgenommen wurde. Möchte jemand beispielsweise Staccato spielen, hat aber nur Legato-Samples zur Verfügung, kann er sich allenfalls noch mit technischen Effekten behelfen und der Klang wirkt dann seltsam leblos.
Alternativ wird das Physical Modelling eingesetzt - ein modernes Verfahren, das erst mit Entwicklung leistungsfähiger Computer praktikabel wurde: Die Töne werden aus den Einstellungen der einzelnen Instrumentenparameter errechnet. Auch das Physical Modelling kann gute Ergebisse bringen. Allerdings ist der Rechenaufwand groß - vor allem, wenn mehrere Instrumente dargestellt werden müssen, stößt ein Computer schnell an seine Grenzen.
Die Lösung von Wallander gleicht auf den ersten Blick einer Physical-Modelling-Lösung. Doch sie ist es nicht. Den Unterschied zwischen einem Synthesizer und Physical Modelling verdeutlicht Wallander mit einem Beispiel aus der Spieleindustrie: Ein Auto lässt sich in einem Videospiel auf zweierlei Art bewegen. Entweder, man nimmt es als eine Masse, auf die Kraft ausgeübt wird. Die Berechnungen für das Beschleunigen und Bremsen sind dann vergleichsweise einfach. Oder es wird die komplette Mechanik eines Motors simuliert, mit Zylindern, Kurbelwelle und einem Kraftstoffsystem. Das macht die Berechnungen weit komplexer und damit auch fehleranfälliger.
Wallander nutzt die einfachere Synthesizer-Lösung als Ausgangsbasis für seine Technologie: Zunächst hat er Aufnahmen der Originalinstrumente gemacht und diese in seinen Modellen nachgebaut. Darauf aufgesetzt wurde dann ein Rechenmodell, das das Klangverhalten eines Tones reproduziert.
Überdies hat Wallander seinen Synthesizer konsequent auf die Verwendung spezieller Midi-Geräte wie den Breath Controller ausgerichtet. Mit einem solchen Gerät - ersatzweise kann auch das Modulationsrad verwendet werden - wird bei Wallander die Dynamik eines Instruments gesteuert. Mit der Konsequenz, dass bei stärkerem Anblasen nicht nur mehr Obertöne zu hören sind, sondern auch die Artikulation verändert werden kann. Das gelingt bei anderen virtuellen Instrumenten oft weniger gut.
Intuitive Bedienung
Die Bedienung der Instrumente ist denkbar einfach: Die Software wird als Plug-in in einem Musikproduktionsprogramm geöffnet. Das Wallander-Programm erscheint dann als virtueller Konzertsaal, in dem sich die Instrumente per Knopfdruck beliebig auf der Bühne platzieren, verschieben und drehen lassen.
Auch der Zuhörer kann unterschiedliche Standorte einnehmen. Viele Klangparameter, aber auch die Raumgröße und das Hallverhalten lassen sich variieren.
Für die Blechblasinstrumente gibt es zudem verschiedene, gut klingende Dämpfervarianten, so dass sich die Instrumente nicht nur im klassischen Bereich einsetzen lassen, sondern auch in der Jazzmusik.
Die im Jazz gebräuchlichen Überblastechniken unterstützen Wallanders Instrumente allerdings nicht. "Wir haben es probiert", sagt Wallander. "Doch die Kontrolle der Instrumente wurde sehr schwierig und die Ergebnisse haben uns nicht zufriedengestellt".
Doch die vielen Variationsmöglichkeiten machen viele andere Klangexperimente möglich - auch in der Kombination etwa mit samplebasierten Anwendungen. Ein Nutzer präsentierte jüngst im Forum des Unternehmens gar eine Orgel, die er durch Kombination mehrerer Wallander-Instrumente konstruiert hatte.
Das Programm lief in unserem Test stabil, auch wenn in manchen Punkten - etwa der etwas zu kurz gekommenen Dokumentation der einzelnen Instrumente - noch deutlich wird, dass es sich um ein junges Produkt handelt.
Einige seiner Instrumente bietet Wallander auf seiner Homepage mit eingeschränktem Funktionsumfang als Demo an.
Bislang verkauft er seine Produkte nur via Download zu Preisen zwischen 79 und 179 Euro. Noch in diesem Jahr will die Firma aber eine erste Box-Version auf den Markt bringen.
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(sueddeutsche.de/hgn/mcs)