Von Jaenne Rubner

Frankreichs Wahlkämpfer spielen Internauten und haben erkannt, dass es ohne Blog und Webseite nicht geht

Ihre Internetlektion haben Frankreichs Politiker gelernt, vor zwei Jahren, auf die schmerzhafte Art. Während das Establishment in den klassischen Medien größtenteils für ein Ja zur EU-Verfassung eintrat, agitierten die Gegner im Web. Gegen die polemischen Blogs, über die abstruse Verschwörungstheorien verbreitet wurden, hatten die brav-informativen Webseiten der Parteien kaum eine Chance. Unterschätzt hatten die Politiker ebenfalls die Macht des menschlichen Mitteilungsbedürfnisses. Wie eine Epidemie breitete sich die Negativstimmung aus.

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Das Trauma des 29. Mai 2005, an dem Frankreich seine Politiker abwatschte, indem es gegen die EU-Verfassung stimmte, hat dazu geführt, dass die Präsidentschaftskandidaten sich seit Monaten mächtig elektronisch in Szene setzen. Dass sie ihre Webauftritte als Mittel sehen, dem Volk ständig die vox populi zu geben.

Das ist personifizierte Politik

Wer einmal die Seite von Nicolas Sarkozy, Ségolène Royal oder selbst die des biederen François Bayrou angeklickt hat, dem wird www.bundeskanzlerin.de wie ein Schulbuch aus den fünfziger Jahren vorkommen, das aus Versehen in einen Stapel Comics geraten ist.

Französische Webauftritte sind bunt, blinkend und bewegt. Sie bestehen aus zahllosen Videos, Links und Blogs, sie verführen zum Hinschauen und Mitmachen - sie sind personifizierte Politik. Manches mutet noch amateurhaft im Vergleich zu den Webseiten von US-Politikern an - wenn Ségolène Royal ihre Neujahrswünsche in einem verwackelten Videoclip ausspricht, dann hat das etwas anrührendes im Vergleich zu der professionell gefilmten Hillary Clinton, die nur scheinbar locker auf ihrem Wohnzimmersofa plaudert.

Doch Frankreichs Politiker haben verstanden: "Ohne Blog kann heute niemand mehr eine Wahl gewinnen", mutmaßte ein Kandidat, der inzwischen ausgestiegen ist (was allerdings nicht an seinem Blog lag).

Auch die politischen Organisationen haben das Web für sich entdeckt. Die Regierungspartei UMP gibt die Hälfte ihres Werbe-Etats für das Internet aus. Bei ihrer deutschen Schwesterpartei CDU ist es gerade einmal ein Prozent. Ortsvereine laden Plakate und Traktate aus dem Netz, Spindoktoren werten Blogs aus.

Nun stoßen Frankreichs Parteien und Politiker, und das ist ein zweiter Grund für die Webmanie dieser Kampagne, auf ein dankbares Publikum. Überraschend ist das nicht. Schließlich kauften die Franzosen sich schon Konzerttickets über den Heimcomputer "Minitel" und suchten darin Telefonnummern und Bahnverbindungen, als die meisten Deutschen noch nicht wussten, was ein PC ist. Die Verbreitung dieses praktischen Minitel bremste zwar zunächst das Internet, doch inzwischen hat es das Land erobert.

Schreibt mein Wahlprogramm!

Die Franzosen, die ohnehin gerne debattieren, sind heute Europas eifrigste Surfer, jede Woche verbringen sie im Schnitt dreizehn Stunden im Netz, und mit fast drei Millionen Webtagbüchern zählen sie zu den weltweit aktivsten Bloggern.

Vor allem sind die Internetzugänge hochgerüstet: Schnelle Anschlüsse, die Megabytes an Daten im Sekundentakt auf den Bildschirm schaufeln, sind billig und verbreitet. Und wer sich Computer und Breitbandkabel nicht leisten kann, für den gibt es staatliche Unterstützung.

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