Vkontakte-Gründer auf der Flucht Der Mann, der Putin die Stirn bietet

Pawel Durow, der Gründer des sozialen Netzwerks Vkontakte, im Oktober 2013.

(Foto: Dan Taylor/Flickr/dpa)

Ein schrankenloser Internet-Anarchist? Pawel Durow, der Gründer des russischen Facebook-Klons Vkontakte, sollte Daten von Maidan-Demonstranten rausrücken und weigerte sich. Dazu gehört eine Menge Chuzpe. Nun ist Durow untergetaucht.

Von Frank Nienhuysen

Er sucht jetzt ein neues Land, genauer: ein freies Land. Pawel Durow hat Russland verlassen, ist untergetaucht, irgendwo in Mitteleuropa hat er mit ein paar Mitarbeitern ein kleines Hauptquartier aufgeschlagen - vorübergehend, wie er sagt. 29 Jahre alt ist er, und schon ein Getriebener. Bis vor ein paar Tagen hat Durow den Facebook-Konkurrenten Vkontakte geleitet, der in Russland noch beliebter ist als das amerikanische Pendant. Dann sei er als Generaldirektor entlassen worden, sagt er. Zwei Vertraute von Präsident Wladimir Putin würden nun die Kontrolle über Vkontakte übernehmen, was übersetzt "in Kontakt" heißt.

Durow hatte das Unternehmen vor sieben Jahren gegründet und im osteuropäischen Raum 100 Millionen Nutzer gefunden. Was ist das für eine freche Ironie, dass er nun ausgerechnet auf Facebook von seinem Sieg über Facebook schreibt und um Vorschläge bittet für eine neue Heimat. Er will dort, er kann nicht anders, ein neues Sozialnetzwerk aufbauen. Alle möglichen Antworten kamen: die Schweiz, Singapur, Israel, ein User nannte die Ukraine, schrieb: "Du hast hier eine wahnwitzige Popularität." Doch genau das hat zu seinem schärfsten Problem geführt, zum Druck des russischen Geheimdienstes FSB.

Chuzpe, Selbstbewusstsein, Idealismus

Durow sollte ein paar Daten von ukrainischen Oppositionellen rausrücken, die in Kiew den Protest des Maidan organisierten. Er weigerte sich. Es gehört in Russland eine Menge Chuzpe dazu, Selbstbewusstsein sowieso und dazu in seinem Fall eine Extraportion Idealismus, den Sicherheitsbehörden derart die Stirn zu bieten. Man traut diesem smarten jungen Mann so viel Widerstand auf den ersten Blick kaum zu. Aber verwegen ist er irgendwie schon.

Ließ er doch glatt einmal 5000-Rubel-Scheine (125 Euro) als Papierflieger aus dem Fenster auf die Straße trudeln, weil er sich aus Geld so wenig macht wie aus Fleischmahlzeiten, Alkohol, Autos und teuren Klamotten. Knackte als Schüler Passwörter von Schulcomputern. Und widersetzte sich auch dem FSB schon mehrmals, beim Versuch etwa, den Korruptionsbekämpfer und Blogger Alexej Nawalny auszusperren. Nicht, dass Durow den Putin-Kritiker unterstützen würde, aber er tut eben auch nicht das Gegenteil. Ein schrankenloser Internet-Anarchist vom Schlage Mark Zuckerbergs also, mit dem der Russe immer wieder verglichen wird.

Pawel Durow stammt aus einer Philologenfamilie in St. Petersburg, ging aber für ein paar Jahre in Turin zur Schule, als sein Vater dort arbeitete. Zurück in Russland, studierte er in seiner Heimatstadt Philologie und gründete die ersten Sozialforen, zunächst als Netz für Studenten aller Regionen im größten Flächenland der Welt. Dann gründete er Vkontakte, machte es erfolgreich - und sich stolz. Denn das war sein Traum: zu zeigen, dass Produkte aus Russland in der ganzen Welt angenommen werden. Vor ein paar Tagen fiel seine Bilanz trüber aus: "Leider ist Russland derzeit mit dem Internet-Geschäft nicht kompatibel."