Videos im Internet Facebook will Alleinherrscher werden

Eine neue Funktion macht aus Facebook eine Video-Plattform.

(Foto: dpa)

Eine neue Funktion macht aus Facebook eine Video-Plattform. Das ist ein Angriff auf Youtube - und der Versuch, das ganze Web für sich zu vereinnahmen.

Von Johannes Boie

So, wie ein Autohersteller anfängt, neben Limousinen auch noch Kombis zu bauen und Geländewagen und vielleicht sogar Sportwagen, so versucht auch Facebook, die Anwendungsmöglichkeiten seiner Produkte ständig zu erweitern. Bislang gehen Menschen, die sich an den Computer setzen, um kurze, kostenlose Videos zu gucken, zu Youtube. Auf Facebook begegnen den Nutzern ebenfalls Videos, zum Beispiel solche, die ihre Freunde gepostet haben oder Nachrichtenseiten, denen sie auf Facebook folgen. Es gibt also Milliarden Videos auf den Servern von Facebook, aber es gibt keine Funktion, alle diese Videos gebündelt anzuzeigen.

Exakt daran arbeitet Facebook gerade, erste Nutzer können die Funktion bereits ausprobieren. Es wird eine ganz neue "Video Section" geben, ein Ort auf Facebook, der nur zum Videogucken gedacht ist. Außerdem testet Facebook Funktionen, die es erlauben, sich Videos für einen späteren Zeitpunkt zu merken und Nutzern Videos zum Angucken vorzuschlagen.

Frontalangriff auf Youtube

Das ist einerseits eine extrem lukrative Strategie, denn mit Werbung in Videos lässt sich im Netz sehr gut Geld verdienen. Es ist außerdem ein Frontalangriff auf Youtube und damit auch auf den Mutterkonzern Google. Bei Youtube arbeitet man gerade daran, Videos gegen Geld anzuzeigen, der Abschied von der Gratis-Plattform. Da kommt es äußert ungelegen, dass Facebook jetzt groß ins Videogeschäft mit Gratisinhalten einsteigt.

Vor allem aber ist es ein weiterer Schritt in Facebooks langer Strategie, das gesamte Netz zu beherrschen und zu vereinnahmen. Ökonomisch ist dieses Ziel nicht zu kritisieren. Ein Unternehmen, das nicht wächst, wird über kurz oder lang eingehen oder gekauft werden, selbst, wenn es so groß ist wie Facebook. Es gibt aber in der Geschichte der Menschheit kaum eine Situation, die mit Facebooks Wachstum vergleichbar wäre. Die Entwicklung des Internets geht schneller voran, als sich das Bewusstsein der Menschheit, in einem digitalen Zeitalter zu leben, herausbildet.

Wer das Internet kontrolliert, kontrolliert das Wissen der Menschheit

Sicher ist, dass sich die Kommunikation und das Wissen der Menschheit auf die Server des Internets konzentrieren werden. Wer diese digitale Welt kontrolliert, kontrolliert, was die Menschheit weiß und wer mit wem kommuniziert. Bislang war dieses System relativ anarchisch. Auch wenn technische Infrastruktur wie Kabel und Netzknoten grundlegend für die Funktion des Netzes sind, sind doch die Inhalte des Netzes von Milliarden von Menschen geschaffen, die mit unterschiedlicher Hard- und Software ein einzigartiges System aus Wissen und Kommunikation geschaffen haben, das zumindest das Potenzial hat, relativ unabhängig, unkontrolliert und unzensiert zu zirkulieren.

Facebooks Vormarsch zielt darauf, sich von dieser ersten ungeordneten Phase der zahlreichen nebeneinanderstehenden, mit Hyperlinks verbundenen Webseiten zu entfernen. Einige wenige Superplayer kristallisieren sich heraus, der größte davon ist Facebook. Und Facebook tut schon im Eigeninteresse alles dafür, die Menschen auf diesen Wandel vorzubereiten, am aggressivsten mit ihrer Initiative Internet.org, die gerade in armen Ländern darauf abzielt, dass noch mehr Menschen die blaue Seite mit dem hochgereckten Daumen für "das Internet" halten.

Dazu gehören auch die Like-Buttons, mit denen Facebook versucht, auch die wenigen Seiten, die außerhalb des eigenen Monopols existieren, in das Firmen-Universum einzubeziehen. Und natürlich die Instant-Artikel, mit denen Facebook die Nachrichten dieser Welt direkt auf die eigene Plattform hebt. Die Marktmacht ist so gewaltig und die Funktionen sind so durchdacht, dass jeder einzelne Plan der Kalifornier aufgeht. Die Frage ist deshalb, ob Freiheit in dieser Situation nur ökonomische Freiheit sein darf. Gewährt man Facebook diese restlos, wird die Freiheit des individuellen Nutzers immer kleiner.

Von Youtube zu Facebook - vom Regen in die Traufe

Denn wo Google noch versucht hat, Inhalte im Netz durchsuchbar zu machen, indem ein kleiner Google-Roboter, der sogenannte Spider alle verfügbaren Seiten durchsucht, versucht Facebook einfach alle Inhalte des Netzes unter die eigene Fittiche zu bekommen, jetzt eben auch Videos. Wobei man fairerweise anmerken muss, dass der Wechsel von Youtube zu Facebook für die Rechte des Nutzers nur ein Schritt vom Regen in die Traufe ist. Auch Google ist schließlich nach wie vor ein Gigant in der Netzökonomie. Das Ende der kleinen, individuellen Webseiten ist dagegen in manchen Altersgruppen durchaus schon abzusehen.

Für den durchschnittlichen Nutzer bedeutet das, dass andere Seiten als Facebook noch unwichtiger werden als sie es ohnehin schon sind. Er bewegt sich noch mehr in einer Welt, in der Facebook die Nachrichten sortiert, die Freunde kennt und die Werte des Unternehmens verbreitet. Natürlich kann man sich freuen, dass es sich weitgehend um amerikanische Werte handelt - und nicht zum Beispiel um saudi-arabische. Aber sollte nicht jeder Mensch die Möglichkeit haben, selbst auszuwählen, welchem Einfluss er unterworfen sein möchte? Diese Möglichkeit schwindet immer mehr.