Versuchte Facebook-Twitter-Analysen Was uns die Schnüffel-Schufa lehrt

Deutschlands größte Auskunftei will in einem Forschungsprojekt Facebook- und andere Netzprofile von Nutzern ausspähen, um deren Kreditwürdigkeit zu messen. Die Aufregung über die Schufa ist groß - tatsächlich handelt sie aus ihrer Sicht nur logisch. Was Nutzer, Politiker und Datenschützer aus dem Fall lernen sollten.

Drei Thesen von Stefan Plöchinger

Datenschutz ist eine Art deutscher Fetisch. Um das zu verstehen, muss man nicht zur Volkszählung in den achtziger Jahren zurückgehen. Immer wenn globale Netzkonzerne wie Google und Facebook an ihrer Datenmechanik drehen, sind deutsche Bedenkenträger unter den ersten Kritikern. Es hat gute Gründe, warum ausgerechnet das Münchner Google-Büro ein Kompetenzzentrum für Datenschutz ist. Wie viel Macht bekommen unkontrollierbare Konzerne über uns, wenn sie zu viel von uns wissen? Diese Frage treibt hierzulande wohl mehr Menschen um als anderswo.

Dass wir unsere Daten besonders schützen wollen, bedeutet allerdings nicht, dass wir besonders viel davon verstehen. Wie jetzt der Fall Schufa zeigt. Drei Thesen.

1. Die Schufa handelt unter Druck - und aus ihrer Sicht nur logisch.

Die Schufa ist eine traditionsreiche Datensammelmaschine, die größte Auskunftei der Bundesrepublik. Sie beurteilt seit Jahrzehnten, wie solvent und kreditwürdig Menschen in Deutschland sind, und hortet dafür im Dienste der Finanzindustrie Informationen über Kredite, Konten und mehr - was genau, steht hier und hier. Daraus errechnet sie einen persönlichen sogenannten Schufa-Score, den jeder erfahren kann (und sonst sehr wenig aus der Datenbank). Ständig erschließt das Unternehmen neue Quellen, um seine Prognosen über unsere ganz persönliche Wirtschaftslage zu verbessern. Es ist also wenig erstaunlich, dass die Schufa jetzt am Potsdamer Hasso-Plattner-Institut ein Forschungsprojekt gestartet hat, um Facebook-, Twitter- und andere Daten aus dem Netz zu nutzen (Details...).

Grundlagenforschung soll das sein, mit dem Ziel, ein aktuelles Profil zu einer Person zu erstellen - um finanzielle Risiken für Geldgeber zu minimieren. Mögliche Methoden sollen die Analyse von Texten in sozialen Netzwerken oder von zwischenmenschlichen Beziehungen sein, auch das Anlegen verdeckter Rechercheprofile. Weitere Quellen, deren Nützlichkeit geprüft werden soll: Personensuchmaschinen wie Yasni, Geodatendienste wie Googles Street View oder Mitarbeiterverzeichnisse von Unternehmen. Die Schufa will sich so "langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern". Die Aufregung ist nun groß. Minister und Datenschützer protestieren, wollen das Projekt stoppen.

Datensammler aus der analogen Welt grasen digitale Datenschätze ab - das berührt die Ur-Angst vor Konzernen, die zu viel wissen. Die Schufa müht sich nach dem NDR-Bericht, der das Projekt enthüllte, nun eher vergeblich um Beruhigung. Was soll sie auch Beruhigendes sagen? Sie handelt aus ihrer Sicht ja logisch: Wenn es ihr um Marktführerschaft bei Menschendaten geht, muss sie lernen, das Netz zu nutzen. Sie hat Nachholbedarf.

Wenn Google oder Facebook heute beschließen würden, selbst Auskünfte über die Finanzkraft ihrer Nutzer zu verkaufen, könnten sie angesichts ihrer gehorteten Daten rasch der Schufa Konkurrenz machen. Natürlich tun sie das nicht, Massenproteste wären absehbar. Aber sie tun anderes. Sie verkaufen zum Beispiel Anzeigenplätze in maßgeschneiderten Zielgruppen, die aus Such- oder Like-Profilen errechnet werden. Sie optimieren Werbeumfelder, indem sie ihre Seiten auf persönliche Vorlieben jedes Nutzers anpassen. Sie filtern und sortieren das Netz für jede Person und jeden Werbekunden zurecht. Wer wissen will, wie weit sie dabei gehen, sollte das Buch "Filter Bubble" von Eli Pariser lesen. Google und Facebook wissen mehr über uns als die Schufa; das macht sie ja so interessant für die Schufa.

2. Wir Nutzer sind auch selbst schuld.

Wie Netzkonzerne mit Informationen über uns umgehen, ist in den vergangenen Jahren ständig kontrovers diskutiert worden: von Street View (das kaum noch kritisiert wird) bis zur Pseudo-Abstimmung auf Facebook über Nutzungsbedingungen (die eine Frechheit ist). Das Thema war auch deshalb für Politiker wie Datenschützer so sexy, weil die meisten Menschen Angst davor haben, was im Internet genau passiert - und schludriger Datenschutz gerade in Deutschland diese Angst bedient.

Ich darf einen Dienst kostenlos nutzen, wenn ich dafür Informationen über mich preisgebe: Das ist eine zunächst unheimliche Vorstellung. Manche akzeptieren diesen Deal gern; andere wissen nicht, dass sie ihn eingehen; viele denken schicksalsergeben nicht länger darüber nach; nur wenige bleiben Google oder Facebook lieber fern.

Wer aus der Aufregung über die Schufa etwas lernen will, sollte etwas Grundlegendes über das Internet lernen: Viele Spuren, die man hier hinterlässt, dienen dazu, ein Profil des Nutzers zu erstellen. Auch auf dieser Seite sind zum Beispiel Google-Anzeigen integriert, die auf Ihre Interessen zugeschnitten sind. Das Werbegeschäft funktioniert heute so. Wer im Netz Geld verdienen will oder muss, kann sich dem sogenannten Tracking kaum entziehen. Nur der Nutzer kann es - indem er aufpasst, was er auf Facebook preisgibt, oder indem er sogenannte Opt-out-Cookies installiert, bei Google etwa hier.

3. Die Kritik an analogen Datensammlern wie der Schufa ist überfällig.

Im Netz kann jeder Nutzer immerhin etwas dagegen tun, dass Daten gesammelt werden. In der analogen Welt willigt er meistens unbemerkt zum Beispiel bei Bankverträgen in die sogenannte Schufa-Klausel ein, die das Datensammeln erlaubt - und was dann passiert, ist bei allen Transparenzversprechen letztlich intransparent. Dabei ist die Schufa nicht mal der kritikwürdigste Datensammler.

Creditreform, SAF oder Infoscore heißen ihre Konkurrenten, und die Methoden dieser Unternehmen sind in den vergangenen Jahren immer wieder beschrieben worden - aufschlussreich zum Beispiel in diesem lesenswerten Text. Da bekommen Menschen, die angeblich in der falschen Nachbarschaft wohnen, plötzlich nur noch schwerlich Kredite. Was sollen sie dagegen tun? Umziehen? Ihre Adresse fälschen?

Wie soll man sich schon wehren, wenn ein Kreditantrag wegen einer diffusen Einschätzung eines solchen Instituts scheitert? Diese Methoden gehören genauso kritisch debattiert wie jene von Google und Facebook, gerade weil die Folgen des sogenannten Scorings schnell weiter reichen können als mangelhafter Datenschutz im Netz. Was die Schufa jetzt plant, nämlich noch mehr Daten anzuhäufen, noch umfassender Informationsquellen abzugrasen, ohne dass Grenzen zu erkennen sind: Das ist ein Problem, das reguliert gehört. Aber es ist kein wirklich neues Problem, wenn man sich die jüngere Geschichte dieser Branche ansieht. Politiker und Datenschützer, die sich jetzt über die Internet-Pläne der Schufa beschweren, haben die Informationssammler jahrelang vernachlässigt - vielleicht, weil fixe Aufregung über Digitalkonzerne eingängiger zu vermitteln ist. Dabei müssten die Praktiken dieser Branche längst schärfer überprüft werden.

Daten preiszugeben, um etwas geschenkt zu bekommen: Diese Idee, die Google und Facebook digital raffinieren, wurde eben gerade nicht im Netz geboren. Payback funktioniert nach genau dem gleichen Prinzip, ganz real. Für ein paar Euro Preisnachlass willigen Kunden gerne darin ein, ein elaboriertes Kundenprofil von sich erstellen zu lassen, auf dessen Nutzung sie dann kaum Einfluss haben. Viele sind hier genauso nachlässig wie im Netz - und reagieren allzu häufig überrascht, wenn sie erfahren, wie das Rabattsystem wirklich funktioniert. Ein Beleg dafür, wie holzschnittartig die Haltung zum Datenschutz hierzulande ist.

Wie gläsern wollen wir sein, als Bürger, Käufer, Nutzer? Die Frage ist mindestens so alt, wie Computer große Datenmengen speichern können. Der Fall Schufa belegt, dass sie an Brisanz gewinnt - und in der analogen Welt viel realer ist, als diffuse Ängste vor der digitalen Welt vermuten lassen.

Lesetipp zum Thema: Was Facebook über Sie verrät auf Spiegel Online

Der Autor diskutiert unter @ploechinger auf Twitter und hier auf Google Plus.