Verschlüsselungs-Experte Bruce Schneier "Dein Handy weiß alles über dich"

Bruce Schneier 2010 auf einer Konferenz in Budapest.

(Foto: AFP)

Sind Privatsphäre und Sicherheit wirklich ein Gegensatz? Bruce Schneier ist einer der bekanntesten Experten für Verschlüsselung. Er fordert, der Geheimdienst NSA solle zerschlagen werden.

Von Hakan Tanriverdi

Damit Bruce Schneier für einen kurzen Augenblick seine ruhige Art vergisst, reicht es aus, wie der Chef der zum Inlandsgeheimdienst gewandelten US-Bundespolizei FBI zu argumentieren. Etwa so: Haben Strafverfolgungsbehörden recht, wenn sie davor warnen, bald im Dunkeln zu tappen, weil sich Verbrecher immer stärker in den digitalen Raum verziehen? "Bullshit", platzt Schneier in die Frage. "Das stimmt einfach nicht. Wenn man das FBI nach Beispielen fragt, werden sie plötzlich seltsam still. Wo sind denn all diese unaufgeklärten Verbrechen?" Noch nie sei es so einfach gewesen, Menschen auszuspionieren, sagt Schneier am Telefon: "Wir leben im Goldenen Zeitalter der Überwachung".

Schneier ist 52 Jahre alt und zählt zu den bekanntesten Kryptografie-Experten. Als Edward Snowden NSA-Dokumente an Journalisten weitergab, wandten sich diese unter anderem an Schneier, um die Powerpoint-Präsentationen zu verstehen. Anfang März hat er sein neues Buch veröffentlicht, der Titel lautet: "Data and Goliath", Daten und Goliath also. Kaum auf dem Markt, landet es schon auf der Bestseller-Liste der New York Times.

Schneier schreibt seit Jahrzehnten über Verschlüsselung, Daten und Privatsphäre. Doch seit knapp zwei Jahren, in denen intensiv über Geheimdienste und deren Abhörwut diskutiert wird, hat sich seine Rolle verändert. Mittlerweile wollen viele Journalisten mit ihm reden, Mitglieder des US-Kongresses haben ihn zu Erklärstunden eingeladen.

"Das Beste, was wir tun können, ist darüber zu reden und uns zu empören"

In kurzer Zeit hat sich die Welt grundlegend verändert. Es legt sich eine neue Schicht über die Realität - die der Daten: War es noch vor zehn Jahren undenkbar, aus Massen Datensätzen auf einzelne Individuen zu schließen, gilt heute das Gegenteil. Die Analystengruppe IDC schätzt, dass ein US-Bürger pro Jahr fast zwei Terabyte Daten produziert, knapp fünf Gigabyte jeden Tag. Das Buch von Schneier kommt zu einer Zeit, in der das Internet dabei ist, die Welt auf eine neue Art zu umspannen. In Zukunft werden auch jene Gegenstände an das Netz angeschlossen sein, mit denen Menschen nur oberflächlich in Berührung kommen, wie etwa Heizungen.

Schneiers Buch könnte die neue Blaupause für Überwachungsgegner werden. Detailliert schildert er, wie Geheimdienste und Unternehmen an die Daten kommen und was sie damit anstellen. Die Akribie, die Schneier dabei an den Tag legt, vermittelt den Eindruck, dass es ihm gelungen ist, Material, das für eine Enzyklopädie ausreichen würde, auf 320 Seiten zu schrumpfen.