sueddeutsche.de: Gilt also die Regel "Je mehr Anreize, desto besser?"

BJ Fogg

B.J. Fogg leitet das Persuasive Technology Lab an der Stanford University im kalifornischen Palo Alto. Zuvor war der 45-Jährige unter anderem in der Entwicklungsabteilung von Hewlett Packard und Sun Microsystems tätig. (© Foto: oH)

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Fogg: Nicht unbedingt. Sehen Sie sich an, was aus Ihrem E-Mail-Postfach geworden ist: Jede E-Mail markiert prinzipiell einen heißen Auslöser, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Aber mein Postfach ist so voll, dass dies überhaupt nicht mehr wirkt. Wenn ich morgens aufwache und 150 Mails empfange, dann ist die eine Hälfte davon Quatsch, die andere besteht wahrscheinlich aus Handlungsanweisungen wie "Antworte dem Absender" oder "Merke Dir diesen Termin". Bedeutet das, dass wir in einer Sintflut von Auslösern baden werden? Ja! Der Lärm wird zunehmen, wir werden technische und kognitive Filter entwickeln müssen und tun dies bereits.

sueddeutsche.de: Also könnte auch Facebook untergehen, weil dort einfach zu viel passiert?

Fogg: Die Möglichkeit besteht durchaus. Sehen Sie sich Twitter an: Wer mehr als 50 bis 100 Nutzern folgt, lässt viele Nachrichten irgendwann einfach durchrauschen und verliert das Interesse. Niemand liest nach, was vor zwei Stunden geschrieben wurde, als er gerade nicht vor dem Schirm saß.

sueddeutsche.de: Wird ein Leben ohne solche Reize einmal als Luxus gelten?

Fogg: In gewisser Weise schon, sehen sie sich die Blackberry-Kultur an, nicht umsonst bezeichnen viele Geschäftsleute das Gerät als "Crackberry". Dort nicht ständig seine E-Mails abrufen zu müssen, ist für sie tatsächlich ein Luxus. Aber gleichzeitig bieten Facebook oder die Kontrolle des E-Mail-Postfachs natürlich auch ein Belohnungssystem: Wenn ich dazu gebracht werde, einen guten Artikel zu lesen, mir ein guter Freund schreibt oder ich eine wichtige Information erhalte, freue ich mich. Es ist wie ein Glücksspiel: Die unvorhersehbare Belohnung sorgt dafür, dass wir es tun. Ab und zu macht es "Bing", wir knacken den Jackpot - und deshalb machen wir weiter.

sueddeutsche.de: Das hört sich wie ein Zwang an, als würden wir in der Interaktion mit der Technik langsam einen Teil unseres freien Willens verlieren.

Fogg: Nicht unbedingt, Technik kann auch dabei helfen, selbstgesteckte Ziele zu erreichen: Zum Beispiel iPhone-Apps, die mich zum Sport motivieren. Dann gibt es aber auch die Technik, die Amazon-Kunden dazu bringt, am Ende drei Bücher statt eines einzigen zu kaufen. Bedeutet das, dass uns Amazon den freien Willen raubt? Nein, diese Techniken überzeugen uns einfach manchmal, Dinge zu tun, die wir ursprünglich nicht vorhatten.

sueddeutsche.de: Sie haben bereits 2005 das Zeitalter des mobilen Internets vorausgesagt. Wird es dafür sorgen, dass wir noch mehr mit der Technik verschmelzen? Fogg: Davon bin ich überzeugt. Bislang waren die Überzeugungstechniken des Internets darauf beschränkt, uns zu erreichen, wenn wir vor dem Computer sitzen. Doch das Leben der meisten Menschen findet nicht vor dem Computerbildschirm statt, sie entscheiden ganz woanders, was sie heute einkaufen oder ob sie zum Sport gehen sollen. Über das Smartphone ist der Computerbildschirm nun bei uns, können die Auslöser nun überall auftauchen, zumal, wenn wir unseren Standort mitteilen. Diese Veränderung wird unglaubliche Folgen für unsere Entscheidungen im Alltag haben. In den nächsten Jahren wird das mobile Internet zur mächtigsten Überzeugungstechnik, die es je gab. Politiker werden sich mit dem mobilen Internet beschäftigen müssen, wenn sie Wahlen gewinnen wollen. Unternehmen müssen lernen, wie sie durch sie ihre Produkte verkaufen können. Das internetfähige Mobiltelefon wird einflussreicher als Radio, Fernsehen und das stationäre Web zusammen.

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(sueddeutsche.de/beu)