US-Soziologin Sherry Turkle über das digitale Zeitalter "Für diese Einsamkeit haben wir noch kein Wort gefunden"

sueddeutsche.de: Eine der Utopien des Internets war, dass Menschen die Freiheit hatten, im Netz zu sein, was auch immer sie wollten. Wo stehen wir heute mit Portalen wie Facebook, die ja die Realität sehr stark abbilden wollen?

Ich fotografiere, also bin ich

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Turkle: Die Identitätskonstruktion über Facebook ist paradox. In den Untersuchungen zu meinem Buch war ich nicht einmal so sehr über die Zeit erstaunt, die Nutzer auf Facebook verbringen, sondern über die ständige Beschäftigung mit dem eigenen Profil.

Erwachsene, die ich befragt habe, sehen das häufig mit einer großen Portion Zynismus - sie wissen, dass diese Falschheit dort draußen existiert. Teenager hingegen finden das sehr verwirrend und klagen über Performance-Müdigkeit, weil sie immer ihr bestes Selbst zeigen müssen.

sueddeutsche.de: Ein durch Kommunikation gestaltetes Selbstbild.

Turkle: Es ist ein bisschen "Ich poste, also bin ich." Hier hat sich etwas verändert: Früher hieß es "Ich habe ein Gefühl, also rufe ich jemanden an." Nun heißt es: "Ich möchte ein Gefühl auslösen, also poste ich oder schreibe eine SMS." Und all das passiert, während wir alleine mit einem beleuchteten Bildschirm interagieren. Für diese Einsamkeit, die damit verbunden ist, haben wir noch kein Wort gefunden.

sueddeutsche.de: Was Sie beschreiben, ist eine Art Kultur der Simulation. Gibt es einen Weg hin zu einer Alternative?

Turkle: Wir leben in einer Black-Box-Kultur, das muss sich ändern. Die Computerkultur baute darauf auf, in einem offenen System zu arbeiten, neue Dinge ausprobieren zu können - genau das wurde früher in den Schulen gelehrt. Mit dem Apple Macintosh ging das zu Ende - es ging plötzlich um die Oberfläche des Bildschirms.

Das hat dem Computer zum Durchbruch verholfen, der Preis war aber, dass die meisten Menschen zu passiven Nutzern wurden, weil sie das System nicht mehr verstehen mussten. Alles dreht sich jetzt um "was kann es für mich tun?", anstatt um die Frage "wie kann ich es verändern, nach meinen Wünschen gestalten?".

sueddeutsche.de: Ein solcher Kulturwandel ist ein langfristiges Projekt - was sollte kurzfristig geschehen?

Turkle: In meinen Befragungen haben viele Jugendliche und Erwachsene erzählt, dass sie ihr Leben in der digitalen Welt als Stress wahrnehmen. Das muss nicht heißen, dass sie plötzlich offline gehen - das fordere ich in meinem Buch auch nicht.

Vielleicht aber führt ein Bewusstsein für diese Entwicklungen zu Korrekturen im Verhalten, zu einer Debatte über Privatsphäre. Ich mag Facebook, es ist ein tolles Portal - man sehe sich nur an, welche Rolle es in Ägypten gespielt hat. Aber wenn mir E-Mails in der heutigen Form keine Privatsphäre garantieren, wenn Mark Zuckerberg sagt, dass Privatsphäre ein veraltetes Konzept ist, müssen wir als Bürger eine Antwort darauf geben.

sueddeutsche.de: Wie sehen Sie die Chancen, dass die Debatte wirklich offen geführt werden kann? Immerhin werden solche Fragen häufig zu einem Kampf zwischen Technoptimisten und Technikfeinden stilisiert.

Turkle: Es ist tatsächlich schwierig, weil Menschen wie ich natürlich derzeit in die Technikfeind-Schublade wandern. Ich bin müde, Artikel mit dem Tenor "Sie war einmal auf dem Titelblatt von Wired und jetzt mag sie Technologie nicht mehr. Wie kann sie es wagen?" zu lesen. Das ist für mich vollkommen uninteressant. Man kann sich für Technologie begeistern und gleichzeitig versuchen, die Entwicklung in eine richtige Bahn zu lenken.

Der inhärente technische Fortschritt ist nichts, was wir als gottgegeben respektieren müssen. Vielleicht macht der technische Fortschritt die Welt zu einem Spiel und der Industrie gefällt das, weil sie damit viel Geld verdient. Aber das würde nicht das private und politische Leben respektieren, das wir führen möchten.