Kampagne gegen US-Politikerin "Bizarres Doppelleben" einer Ork-Schurkin

Sie liebt es, zu vergiften und zu erstechen - als Schurkin im Online-Rollenspiel "World of Warcraft". Eine US-Demokratin sieht sich im Wahlkampf jetzt deswegen einer Kampagne des politischen Gegners ausgesetzt.

Von Matthias Huber

Mit dieser Postkarte möchte die republikanische Partei im US-Bundesstaat Maine über das Hobby der demokratischen Kandidation Colleen Lachowicz aufklären.

(Foto: Reuters)

Peer Steinbrück spielt gerne Schach. Ein angesehenes Hobby und dem politischen Gegner im Wahlkampf kaum nützlich. Das wäre wohl anders, wenn Steinbrück seine Freizeit mit dem Computerspiel "World of Warcraft" verbringen würde. So wie Colleen Lachowicz, die als Abgeordnete im Senat des US-Bundesstaats Maine kandidiert.

Die republikanische Partei hat deshalb die Internetseite colleensworld.com gestartet und Postkarten im Wahlkreis verschickt, auf denen sie das "Doppelleben" der 48-Jährigen aufdeckt - hauptsächlich anhand von Zitaten, in denen Lachowicz unbekümmert über ihr Hobby spricht. Und natürlich im ganz eigenen und für Außenstehende etwas seltsam anmutenden Jargon der Online-Rollenspieler.

"Ich liebe es, zu vergiften und zu erstechen", ("I love poisoning and stabbing") habe sie in einem Eintrag im "liberalen" Weblog Daily Kos geschrieben. "Wer hätte gedacht, dass das eine friedliebende Sozialarbeiterin und Demokratin so genießen würde?" Ihre Spielfigur in "World of Warcraft" ist ein Rogue, die Ork-Schurkin Santiaga, die bevorzugt mit vergifteten Dolchen im Nahkampf agiert. Lachowicz macht ihre Spielfigur augenscheinlich viel Spaß.

Dass sie in einem Online-Rollenspiel eine Figur spielt, deren Kampftaktik auf Hinterlist und Heimtücke beruht, lässt nach Ansicht der republikanischen Partei also Rückschlüsse auf ihren Charakter zu. Und dass ihr im Gespräch mit ihren Warcraft-Mitspielern sogar bisweilen das verpönte F-Wort rausrutscht, unterstreicht diese gewagte These noch. Von einem "verstörenden Alter Ego" und einem "bizarren Doppelleben" ist die Rede.

"Maine braucht einen Senatsabgeordneten, der in der realen Welt lebt, und nicht in Colleens Phantasiewelt", heißt es auf der Webseite. Doch wenn die Welt von Warcraft wirklich so "make-believe" ist, wie es dort steht, dann dürfte es dort ja ziemlich egal sein, ob sie einen hinterlistigen Schurken oder einen ehrbaren Ritter verkörpert.

Die Ork-Schurkin Santiaga - Colleen Lachowicz' "verstörendes Alter Ego" im Online-Rollenspiel "World of Warcraft".

(Foto: Screenshot: battle.net)

Gutes Training für Teamarbeit und Führungsqualitäten

Der Vorwurf ist nicht ganz klar: Stört sich der politische Gegner an der Sprache? An der Moral? Oder hält er ein Hobby wie Online-Rollenspiele schon aus zeitlichen Gründen für unvereinbar mit politischer Arbeit? Colleen Lachowicz führe ein "zeitaufwändigs Doppelleben als Mitglied der World-of-Warcraft-Community", erklärt Parteisprecher David Sorensen. Eine weitere diffus formulierte Tatsache, die offenbar für sich selbst sprechen soll. All das bedient vor allem das Klischee vom erfolglosen Online-Abhängigen, dessen Warcraft-Spielsucht ihn Job und Sozialleben gekostet hat und der kurz vor einem gewaltsamen Ausbruch steht. Auch ohne, dass dieses Klischee jemals explizit bemüht werden müsste.

Doch ist dieses Hobby wirklich ein Grund, weshalb die Demokratin für ein politisches Amt nicht geeignet ist? Im Gegenteil, sagt Savvas Papagiannidis in einem Beitrag für die britische Huffington Post. Er verweist auf eine von ihm durchgeführte Studie, nach der Online-Rollenspiele ein gutes Training für Teamarbeit und Führungsqualitäten sind. Die dort erlernten Fähigkeiten könnten Spieler auch im Berufsleben erfolgreich einsetzen, so sein Fazit..

Was nicht im Umkehrschluss bedeutet, dass alle Spieler von diesem Effekt profitieren. Und erst recht nicht, dass Lachowicz deshalb für ein politisches Amt besonders geeignet wäre. Doch das Klischee, dessen sich die republikanische Partei für ihren Wahlkampf bedient, ist durchsichtig - und stigmatisiert nebenbei viele Millionen Menschen wegen ihres Hobbies.

Dabei wäre es doch so einfach, Fehler im "Doppelleben" von Colleen Lachowicz zu finden: Warum spielt sie ausgerechnet einen Ork? Trolle oder Blutelfen geben doch die viel besseren Schurken ab.