US-Cyber-Koordinator "Ein Notfall-Telefon zwischen China und USA wäre denkbar"

Es gibt viele digitale Angriffe, aber keinen Cyberkrieg, sagt Christopher Painter, Cyber-Koordinator der USA. Trotzdem brauche die internationale Gemeinschaft gemeinsame Regeln, um Attacken im Internet zu verhindern.

Von Hakan Tanriverdi, Den Haag

Christopher Painter ist Cyber-Koordinator des US-Außenministeriums. Er kümmert sich darum, dass die USA in allen Bereichen, die das Internet betreffen, eine einheitliche Linie vertreten. Das Amt gibt es seit vier Jahren. Hochrangige Offiziere und Firmenchefs zucken nicht länger mit den Schultern, wenn sie das Wort "Cyber" hören - das Internet ist zur Chefsache geworden.

Süddeutsche.de: Der Ex-Verteidigungsminister Leon Panetta warnte 2012 in Anspielung auf den Angriff der Japaner auf Hawaii 1941 vor einem "Cyber Pearl Harbor". Wie realistisch ist eine Attacke dieser Größenordnung?

Painter: Vorneweg: Ich glaube nicht, dass wir uns in einem Cyberkrieg befinden. Aber wir machen uns auf jeden Fall Sorgen, dass es zu einem Angriff kommt, bei dem kritische Infrastruktur wie zum Beispiel das Stromnetz ins Visier genommen wird. Also ein Angriff, der nicht nur im digitalen Raum Schaden anrichtet, sondern auch in der analogen Welt schwerwiegende Folgen für unsere Bürger hat. Solche Angriffe haben wir bis jetzt aber noch nicht bemerkt.

Was für Angriffe gibt es dann?

Vor allem massiven Diebstahl und gegen Banken gerichtete DDoS-Attacken (Distributed-Denial-of-Service Attacken: Webseiten werden mit Anfragen überhäuft und brechen unter der Last zusammen; Anm. d. Red.). Wir sehen unterschiedlichste Vorfälle, nicht nur in den USA, sondern weltweit. Dazu gehört auch der Hackerangriff auf Sony Ende 2014. Das war ein Angriff, der in dieser Form selten vorkommt, aber enorme Auswirkungen hat. Da wurde die Souveränität der USA missachtet. Gleichzeitig wurde versucht, das Recht auf Meinungsfreiheit zu verletzen.

Präsident Obama hat Nordkorea für die Attacke auf Sony verantwortlich gemacht. Dabei ist es äußerst schwer, solche Angriffe zuzuordnen.

Richtig. Im Gegensatz zum klassischen Krieg gibt es zum Beispiel keine Raketen, die abgefeuert werden ...

... und Angreifer verwischen ihre Spuren oder legen bewusst falsche Fährten. Woher also die Gewissheit?

Das werde ich nicht kommentieren. Generell ist es eine Herausforderung, bei solchen Angriffen den Täter zu finden. Aber es ist kein unüberwindbares Hindernis. Es ist nicht wie in Hollywood-Filmen, in denen eine einzige Zeile Code ganze Systeme ausschalten kann. Die Aktivität muss eine gewisse Zeit andauern - und somit ist es einfacher zu sehen, woher sie kommt. Außerdem werden Menschen nachlässig, sie machen Fehler. Und nur, weil der Angriff im Cyberraum stattfindet, heißt es nicht, dass man nur diesen digitalen Fußspuren folgen kann.

Sondern?

Ich habe früher als Strafverfolger auch Fälle gehabt, die im Cyberspace stattgefunden haben. Wir haben geschaut, wohin das Geld fließt und mögliche Motive der Täter in Betracht gezogen.

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