Dass dem Google-Vorstand die Entscheidung wehtat, räumte er selbst ein, der Börsenkurs sackte am Mittwoch deutlich ab. 340 Millionen Internetnutzer hat China inzwischen. Google hatte nicht nur die Verhaftung Shi Taos, sondern auch die weiteren Verschärfungen der Repression in China genau verfolgt. Die Firma zitierte gestern ausdrücklich die Versuche Pekings, "die freie Rede im Internet im vergangenen Jahr weiter zu begrenzen".

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Kürzlich war der Pekinger Literaturprofessor Liu Xiaobo zu elf Jahren Haft verurteilt worden. Zuvor hatte er das Internet als "Gottes Geschenk" für seine Gleichgesinnten bezeichnet.

Der Suchmaschinen- und E-Mail-Riese hat in China eine Gratwanderung versucht. Während Google bei "google.cn" einer beschränkten Zensur von Suchergebnissen zustimmte, weigerte es sich gegen die Verlagerung seiner E-mail-Server (Gmail) nach China.

30 Millionen chinesische Kunden haben ein Gmail-Konto. "Zwischen den Zeilen lese ich in der gestrigen Google-Erklärung, dass die Firma nun schon ihre Firmenbüros in Peking als Risiko für ihre Gmail-Kunden einschätzt", sagt Rebecca MacKinnon.

"Die gesamte Mittelklasse nutzt Gmail"

Wie Chinas Regierung reagieren wird, war am Mittwoch noch unklar. "Es gibt Befürchtungen, dass unsere Regierung aus Rache Gmail blockieren oder sogar den Zugang zu der amerikanischen Webseite google.com blockieren könnte", sagte der Blogger Anti. Dann würden viele seiner Freunde an Auswandern denken, sagte er.

Allerdings gebe es wohl auch "aufgeklärte Kräfte in der Regierung", die um den wirtschaftlichen Schaden einer solchen Reaktion wüssten. "Die gesamte Mittelklasse Chinas, so gut wie alle gut ausgebildeten Angestellten ausländischer Firmen haben ein Gmail-Konto", sagte der Blogger.

Die Führung in Peking, hin- und hergerissen zwischen zur Marktöffnung und politischer Kontrollwut, hat ausländischen Internetfirmen in China stets das Leben schwer gemacht. Google, weltweit die führende Internet-Suchmaschine, konnte aufgrund Schikanen in China nur einen Marktanteil von 31,3 Prozent erobern.

Die Zeit der Leisetreterei ist vorbei

Die chinesische Kopie "Baidu" hat sich 63,9 Prozent gesichert. Doch auch Chinas Regierung hat in dem Streit einiges zu verlieren. Vor allem internationales Ansehen. Der "neue Ansatz in Sachen China", von dem Google schreibt, könnte zudem auch in internationalen Wirtschaftskreisen Schulen machen.

Hatten die Hoffnungen auf den chinesischen Markt lange zu einer Leisetreterei in den Vorstandsetagen geführt, die auch auf westliche Politiker abfärbte, gab es zuletzt andere Töne zu hören. So war nach Pekings Auftritt beim Klimagipfel in Kopenhagen ähnlich scharfe Kritik an den Chinesen zuhören, wie sie nun von Google an der Repression geäußert wird.

"Was Google getan hat, war nicht nur ein mutiger Schritt, sondern es hebt auch deutlich die Messlatte für ethisches Verhalten auf dem chinesischen Markt insgesamt", sagt die Analystin MacKinnon.

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(SZ vom 14.01.2010/joku)