Umstrukturierung bei Google+ Riesengroß, aber wenig genutzt

Als Facebook-Konkurrent war Google+ 2011 gestartet - 2015 ist es davon weiter entfernt denn je.

(Foto: dpa)
  • Google+ hat 2,2 Milliarden Mitglieder, doch nur wenige davon nutzen das soziale Netzwerk aktiv.
  • Ein neuer Chef soll eine grundlegende Neustrukturierung einleiten.
  • Die Dienste Photos und Hangouts werden ausgegliedert, der Name Google+ verschwindet.
  • Ein ehemaliger Google-Mitarbeiter vermutet, dass Google sein soziales Netzwerk bald vollständig abwickeln wird.
Von Simon Hurtz

Google+, die "Geisterstadt"

Von Null auf 2,2 Milliarden Mitglieder in rund dreieinhalb Jahren, das macht Google+ zum mit Abstand größten sozialen Netzwerk der Welt. Was nach einer Erfolgsgeschichte klingt, ist nur die halbe Wahrheit. Obwohl zwei von drei Internutzern ein Profil bei Google+ haben, dürfte die Zahl der aktiven User nur im einstelligen Millionenbereich liegen. Nicht ohne Grund schreiben Journalisten gerne von der "Geisterstadt" oder dem "Social-Media-Zombie" Google+. Das hat jetzt offenbar auch Google selbst erkannt und baut den vermeintlichen Facebook-Konkurrenten grundlegend um.

Die erste und offensichtlichste Maßnahme: Der Chef von Google+ heißt nicht mehr David Besbris, sondern Bradley Horowitz. Am Montagmorgen bestätigte Horowitz den entsprechenden Bericht des amerikanischen Online-Magazins Techcrunch, stilecht mit einem Posting bei Google+. Erst im vergangenen April war der Gründer Vic Gundotra zurückgetreten, der als treibende Kraft hinter Google+ galt.

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Die Wortwahl des neuen Chefs bietet Anlass für Spekulationen

Drei unterschiedliche Chefs binnen eines Jahres - was für einen Fußballverein nicht ungewöhnlich ist, wirft bei einem Produkt wie Google+ Fragen auf. Auch der Wortlaut des Postings von Horowitz bietet Anlass für Spekulationen. Er freue sich darauf, "die Google-Produkte Photos und Streams zu leiten". Interessant ist vor allem, was er nicht sagt: Weder in seinem Posting noch in seiner neuen Jobbeschreibung bei Linkedin taucht der Begriff Google+ auf; ebensowenig Hangouts, Googles Alternative zu Facebook Messenger und Whatsapp.

Das Tech-Magazin The Verge interpretiert das als offizielles Ende von Google+, das nun aufgeteilt und in Form mehrerer unterschiedlicher Produkte weitergeführt werden könnte. Allerdings ist noch unklar, worauf sich Horowitz mit seinem ersten Satz bezogen hat. "Wollte nur bestätigen, dass die Gerüchte zutreffen", schrieb er bei Google+. Damit könnte er entweder seine eigene Personalie gemeint haben - oder die bereits seit mehreren Tagen kolportierte Entbündelung von Google+.

Aus Eins mach Drei

Über diesen Strategiewechsel war spekuliert worden, seitdem Googles Produktchef Sundar Pichai in einem Interview mit dem Magazin Forbes eine Neuausrichtung bei Google+ angedeutet hatte. Man werde sich "zunehmend auf Kommunikation, Fotos und den Google+-Stream" als voneinander unabhängige Bereiche konzentrieren. Am Montag wiederholte Pichai diese Aussagen auf dem Mobile World Congress in Barcelona. Eine der Stärken von Google+ sei schon immer die Funktion als Foto-Community gewesen; diese werde nun ebenso wie der Stream und die Hangouts als eigenständiges Produkt ausgegliedert.

Das bestätigte auch ein Sprecher von Google und ergänzte, die Zuständigkeit für den Bereich Social werde nun in alle anderen Produkte überführt. Jedes Team müsse diese Aufgabe künftig mitdenken. Nicht äußern wollte er sich dagegen zu angeblichen Insider-Informationen von Techcrunch, wonach sich die Zahl der Mitarbeiter bei Google+ seit dem Abgang von Vic Gundotra vor knapp einem Jahr von damals 1000-1200 Angestellten mittlerweile halbiert habe.

Umstrukturierung bei Google+

Philipp Steuer, ehemaliger Google-Mitarbeiter und Autor des Buchs "Plus Eins: Das Google+ Buch für Jedermann" hält die Entbündelung für "ein klares Anzeichen, dass man sich das Beste aus der Suppe rauspickt und der Rest dann nach und nach in der Versenkung verschwindet." Zwar betone Google öffentlich, weiter an seinem sozialen Netzwerk arbeiten zu wollen, der Rest werde jedoch "immer weniger Beachtung finden".

Google sei ein technikorientiertes Unternehmen, das die "Komponente Social" nur teilweise verstehe, sagt Steuer. "Menschen zu einer Mitgliedschaft zu zwingen, um zum Beispiel YouTube zu nutzen, zeigt das deutlich." Für ihn kommt die Ausgliederung zum richtigen Zeitpunkt: Die Foto-Funktionen und die Hangouts seien gute Dienste und hätten als eigenständige Produkte bessere Erfolgsaussichten.