Umstrittene Wikipedia-Einträge Was vor Hitler und Jesus kommt

Es gibt 37 Millionen Wikipedia-Artikel, verfasst von 40 Millionen Autoren. Kein Wunder, dass es regelmäßig zu Streit um Fakten und Formulierungen kommt. Forscher zeigen nun, worüber in der Enzyklopädie heftig gestritten wird.

Von Pascal Paukner

Scientology? Nachvollziehbar. Auch Adolf Hitler oder Jesus hätte man sicherlich auf den ersten Plätzen vermutet. Aber Kroatien? Weil es gerade zur EU dazugekommen ist? Weil Kroaten in Deutschland diskussionsfreudiger sind als andere Bürger? Die Gründe kennt man nicht, die Zahlen schon.

Statistisch liegt Kroatien auf Platz eins der Einträge bei der deutschen Ausgabe der Wikipedia, deren Formulierung unter den Autoren besonders umstritten war. Herausgefunden hat das ein internationales Forscherteam, das 13 Sprachausgaben der Internet-Enzyklopädie nach kontroversen Einträgen durchforstet hat.

Weltweit haben 40 Millionen Autoren bis heute 37 Millionen Artikel in 280 Sprachen verfasst. Dass dabei ausführlich über die Einträge diskutiert wird, ist bekannt. Auch, dass die Wikipedia eine Spielwiese für Rechthaber und Besserwisser ist. Unklar war bislang allenfalls, über was dort so ausdauernd gestritten wird.

Auf der Suche nach Antworten sind die Forscher aus Ungarn, den USA und Großbritannien auf interessante kulturelle Unterschiede gestoßen. Über Politik etwa wird der Untersuchung zufolge besonders häufig in der persischen, arabischen und hebräischen Wikipedia gestritten. Spanien und Portugal hingegen kennzeichnen sich durch eine ausgeprägte Diskussionsfreudigkeit, wenn es um Fußballvereine geht. Franzosen und Tschechen streiten besonders häufig über Formulierungen bei Wissenschaft und Technik. Wohingegen Chinesen und Japaner bei Mangas und Fernsehshows schon mal über Kreuz liegen.

Religion und Antisemitismus sind Dauerbrenner

In der deutschsprachigen Wikipedia folgt auf Kroatien der Eintrag zu Scientology, dann kommt ein Artikel über Verschwörungstheorien zu 9/11. Von einigen Ausnahmen abgesehen, geht es hierzulande zu wie überall auf der Welt. Kontrovers wird es vor allem dann, wenn Religion und Antisemitismus zur Debatte stehen. Darüber wird aber wenig überraschend auch anderswo gerne und häufig gestritten.

Spannend sind die Ergebnisse aber nicht nur im Rückblick als Dokument unserer Zeit. Die Forscher wollen weiter im Datenberg graben und damit Positives für die Zukunft bezwecken. "Wir glauben, dass diese Form der Fallstudie uns Sozialwissenschaftlern helfen könnte, mehr über das menschliche Zusammenleben zu verstehen", schreibt Taha Yasseri, einer der Mitautoren.

Dabei soll es auch um die Frage gehen, wie man Internetprojekte künftig so gestalten kann, dass es seltener zu Streit kommt. Der lähmt die Wikipedia, das einstige Vorzeigeprojekt im Internet, seit geraumer Zeit. Die Zahl der Autoren nimmt seit Jahren ab, viele beklagen den rauen Umgangston. Eine genauere Datenanalyse könnte nun zu Handlungsvorschlägen und vielleicht sogar einer Neugestaltung der Wikipedia führen.

Linktipp: Hier ist die Liste für die deutschsprachige Wikipedia. Hier steht, was in der englischsprachigen Wikipedia besonders kontrovers ist. Alle anderen untersuchten Wikipedien sind hier zu finden.