Überwachung Apple wehrt sich gegen "Schnüfflergesetz"

Großbritannien will die Kommunikation seiner Bürger ausspionieren. Apple weigert sich, dabei zu helfen - und warnt vor dem Big-Brother-Staat.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Apple geht mit aller Macht gegen geplante Überwachungsmaßnahmen in Großbritannien vor, die als "Schnüfflergesetz" bezeichnet werden. Bis Montagabend war es Firmen und Gruppen gestattet, Kommentare zu dem Gesetzesvorhaben einzureichen. Apple lieferte acht Seiten, sie liegen der SZ vor. Das Papier zeigt, wie heftig sich die Firma gegen die Gängelung durch westliche Sicherheitsapparate wehrt - wie zuvor schon Google und Facebook.

Die sogenannte Investigatory Powers Bill (IPB) sieht vor, dass Internetanbieter für zwölf Monate speichern müssen, welche Webseiten ihre Kunden wann aufgerufen haben. Außerdem sollen Unternehmen dazu aufgefordert werden können, die Verschlüsselung eigener Produkte aufzuheben. Und sie sollen sogar verpflichtet werden, Behörden dabei zu helfen, die eigenen Kunden zu hacken. Das Parlament wird wohl im kommenden Frühjahr über das geplante Gesetz entscheiden. Mit seinem Brief versucht Apple, das Ergebnis zu beeinflussen.

Apple fordert mehr statt weniger Verschlüsselung

Der Konzern weist darauf hin, dass sich Hunderte Millionen Kunden auf das Versprechen verließen, dass ihre Daten sicher seien. Cyberangriffe würden immer ausgefeilter. "Um diese Form der Gefahren zu bannen, ist eine stärkere - nicht schwächere - Verschlüsselung der beste Weg", heißt es in dem Brief. Das Gesetzesvorhaben bedrohe Bürger, die sich an geltendes Recht hielten, mit dem Ziel, "ein paar böse Akteure zu bekämpfen". Das sei unverhältnismäßig.

Die Diskussion um Verschlüsselung wird mittlerweile international geführt. Ermittler brauchen die Tech-Konzerne, über die ein großer Teil der privaten Kommunikation abläuft. Die IPB in Großbritannien ist einer von vielen Versuchen, sie unter Druck zu setzen. Apple, Google und Facebook fürchten, dass die das Vertrauen ihrer Kunden - und damit Umsätze - verlieren, wenn sie ihre Verschlüsselung schwächen.

Wer sich anstrengt, kann seine Kommukation schützen

Die Konzerne aus dem Silicon Valley setzen auf unterschiedliche Formen der Verschlüsselung. Sie sichern zum Beispiel die Übertragung einer Botschaft ab: Wer die Kommunikation mitschneiden kann, sieht nur unlesbare Zahlenfolgen. Die Nachricht selbst liegt jedoch im Klartext auf den Servern des Unternehmens, dessen Dienste ein Kunde nutzt. Also können Behörden darauf zugreifen, wenn sie die Erlaubnis eines Richters haben.

Außerdem gehen Firmen dazu über, die Datenübertragung komplett zu schützen, indem Nachrichten entweder Ende-zu-Ende verschlüsselt werden (nur Absender und Empfänger können mitlesen) oder Daten beim Sperren der Geräte in unlesbarem Zustand abgespeichert werden. Wenn Nutzer es darauf anlegen, können sie ihre Daten also relativ gut dem Zugriff von Behörden entziehen.

Ermittler fordern "Backdoors"

Am liebsten wären Ermittlern und Sicherheitspolitikern Hintertüren: Experten sprechen von einer "Backdoor", die für FBI und andere Behörden offen stehe - aber eben auch für Angreifer, für die sie eigentlich nicht gedacht wären. Apple warnt, dass diese Zugänge unsicher seien: "Ein Schlüssel unter dem Fußabtreter ist nicht nur da für gute Menschen, auch Menschen mit schlechten Absichten würden ihn finden."

In den USA meldete sich zuletzt FBI-Chef James Comey zu Wort: Seine Behörde tappe zunehmend im Dunkeln und sei darauf angewiesen, dass Apple bei der Entschlüsselung von Daten helfe. Diese Sicht zweifelt Apple grundsätzlich an: "Strafverfolgungsbehörden haben heutzutage Zugang zu mehr Daten als je zuvor", darunter auch "Daten, die sie nutzen können, um Terroranschläge zu verhindern, Verbrechen aufzuklären und Täter zur Rechenschaft zu ziehen".

Großbritannien geht mit schlechtem Beispiel voran

Am Samstag vergangener Woche äußerte Hillary Clinton den Wunsch nach einem digitalen "Manhattan-Projekt" - in Anlehnung an die Erforschung der Atombombe, für die US-Forscher während des Zweiten Weltkriegs mit Briten und Kanadiern kooperierten: Die besten Technik-Experten sollten sich treffen und überlegen, wie sie Strafverfolgungsbehörden helfen könnten. Oder auch: Wie sie die Sicherheit der eigenen Produkte schwächen könnten.

Apple gibt in seinem Papier zu bedenken, dass Länder wie China und Russland abwarteten, ob aus dem britischen Schnüffel-Plan ein Gesetz werde. Falls ja, würden auch diese Regierungen entsprechende Rechte fordern. Großbritannien gehe mit seinen Forderungen als schlechtes Beispiel voran.