Übernahme von Titan Aerospace Google schnappt sich Drohnen-Hersteller

Der Mobilfunkmast der Zukunft? Modell einer Titan-Aerospace-Drohne.

(Foto: Titan Aerospace Press Kit)

Ein Internet-Konzern bastelt an seiner Zukunft: Google kauft Facebook die Drohnen-Firma Titan Aerospace vor der Nase weg - und verschafft sich so einen Vorteil im Wettrennen um die Internet-Nutzer der Zukunft.

Von Johannes Kuhn, San Francisco

Gestatten, hier ist Google - ihr freundlicher Internet- und Roboter-Konzern. Das Unternehmen aus Mountain View übernimmt für eine nicht näher bekannte Summe das Drohnen-Unternehmen Titan Aerospace. Es ist nach dem Kauf des Roboter-Herstellers Boston Dynamics und des Denksystem-Startups DeepMind eine weitere Investition in eine außergewöhnliche Zukunftstechnik.

Im zehn Kilometer entfernten Menlo Park könnte diese Nachricht Mark Zuckerberg die Laune verdorben haben. Erst vor wenigen Wochen hatten verschiedene Tech-Medien berichtet, dass Facebook drauf und dran sei, Titan Aerospace für 60 Millionen Dollar zu kaufen. Warum der Deal platzte und wieviel Google nun bezahlt hat, ist unbekannt.

Man teile mit der neuen Tochterfirma "einen großen Optimismus, was das Potential von Technologie angeht, die Welt zu verbessern", so ein Google-Sprecher. Konkret geht es um den Versuch, Breitband-Internet - und damit auch die eigenen Dienste - in die entlegensten Gegenden des Erdballs zu bringen. Dieses Ziel verfolgt auch Facebook, das jüngst hierfür eigens die Forschungseinheit "Connectivity Lab" gegründet und im Vernetzungs-Projekt "Internet.org" Unternehmen wie Samsung oder Nokia um sich geschart hat.

Solarenergie für einen fünfjährigen Flug

Drohnen, also fliegende Roboter, können bei der Breitband-Erschließung eine entscheidende Rolle spielen. Bislang hatte Google für sein "Project Loon" versuchsweise Ballons zur Datenübertragung aus der Luft verwendet. Doch die Drohnen-Technik gilt als ausgereifter, nicht zuletzt durch jahrelange Forschung im militärischen Bereich. Und im Vergleich zu Satelliten ist ihr Einsatz deutlich günstiger.

Titan Aerospace, das sein Hauptquartier in einem Flugzeughangar nahe Albuquerque (New Mexico) hat und gut 20 Mitarbeiter beschäftigt, will noch in diesem Jahr zwei Drohnen-Typen testen, die für die Datenübertragung geeignet sein könnten. Die "Solara"-Modelle mit Flügelspannweiten von 50 und 60 Metern laden ihre Batterien über Solarzellen auf und sollen so bis zu fünf Jahren ununterbrochen in der Luft bleiben können.

Mit einer Flughöhe im windstillen Bereich von 20 Kilometern Höhe könnten sie als fliegende Internet-Sendemasten fungieren, um beispielsweise bestimmte Gegenden von Entwicklungsländern ans Netz zu bringen. Titan Aerospace gibt an, mit einer Drohne eine Fläche von mehr als 16.000 Quadratkilometern versorgen zu können - das entspräche dem Äquivalent von etwa 300 Funktürmen, heißt es.

"Die Mobilfunk-Nutzung in den Entwicklungsländern explodiert gerade", sagt Patrick Egan, der Firmen in Fragen der Drohnentechnik berät. "Die Drohnen würden im Kreis fliegen und die Mobilfunk-Signale zu weit abgelegenen Orten bringen - inklusive Internet, Streaming-Diensten und Telefon-Verbindungen ohne Funktürme. Das Geschäft ist Milliarden wert." Auch für Google oder Facbebook, wenn sie die neuen Kunden gleich an ihre Dienste binden könnten.

Noch in der Testphase

Allerdings enthält die Gleichung der perfekten Vernetzung noch einige unbekannte Faktoren - zum Beispiel Frage, ob die Batterien der Flugobjekte ausreichend Energie speichern können, um auch im astronomischen Winter die Dunkelheit der Nacht überbrücken zu können. Auch könnten Regulierer plötzlich Interesse daran haben, für den Einsatz der neuen Satelliten-Alternativen Bedingungen zu stellen. Solche offenen Fragen sollen nach Informationen des IT-Portals Techcrunch dazu geführt haben, dass Titan Aerospace jüngst Mühe hatte, weitere Investoren zu finden.

"Drohnen sind inzwischen verlässlich und günstig. Wir sind jetzt an dem Punkt, an dem der PC 1984 und das Internet Ende der Neunziger war", gibt sich Chris Anderson dennoch überzeugt. Der ehemalige Wired-Chefredakteur ist Gründer der Drohnen-Firma 3DRobotics. "Es fließt im Moment viel Risikokapital in die Branche", sagt er.

Im Jahr 2013 sammelten Drohnen-Firmen, die sprechende Namen wie Skycatch oder Airware tragen, fast 80 Millionen Dollar ein. Viele Länder setzen Mini-Varianten der zivilen Flugroboter längst in der Landwirtschaft, für Videoaufnahmen oder zur Suche nach Lecks in Öl-Pipelines ein. Der Online-Händler Amazon verbreitete geschickt die PR-Nachricht, künftig Pakete per Drohne ausliefern zu wollen.

"Vor ein paar Jahren hat man noch über Ideen wie Drohnen und kommerzielle Raumfahrt gelacht", sagt Drohnen-Advokat Egan. "Nun lacht niemand mehr, im Silicon Valley sind diese Technologien ein heißes Thema."

Auch Facebook-Chef Zuckerberg dürfte weiter mögliche Übernahmekandidaten im Auge behalten. Bereits Ende März kaufte er für vergleichsweise bescheidene 20 Millionen Dollar den britischen Solardrohnen-Designer Ascenta. Das große Wettrenen in die Atmosphäre beginnt gerade erst.