Rolle von Twitter und Facebook Unruhe im Echtzeit-Netz

Plünderungen im digitalen Zeitalter: In Minutenschnelle finden Augenzeugenberichte und Nutzervideos von den Krawallen in Großbritannien ihren Weg ins Netz, organisiert sich der zivile Widerstand, aber offenbar auch der Plünderungs-Mob. Ein Glossar der wichtigsten digitalen Aspekte.

Von Johannes Kuhn

Als 1985 die großen Krawalle im Londoner Stadtteil Tottenham ausbrachen, war die Bevölkerung auf die Fernsehaufnahmen und Zeitungsbilder angewiesen, die erst am nächsten Tag erschienen. 2011 gibt es das Echtzeit-Internet und alles ist anders - auch bei der Organisation der Plünderungen spielt das Netz eine Rolle. Ein Überblick über die wichtigsten digitalen Aspekte.

"Twitter-Krawallbrüder"

Auch wenn die Boulevardzeitung Sun das Mobilisierungsinstrument schnell identifiziert hatte und "Schnappt die Twitter-Krawallbrüder" forderte: Ob Twitter oder Facebook bei der Koordination der Ausschreitungen wirklich eine größere Rolle spielten, ist unklar.

Die britische Polizei warnt zwar inzwischen davor, über das Netz zu Gewalt und Diebstahl aufzurufen, allerdings sind die Belege für solche öffentlichen Botschaften gering: Sun und die Daily Mail, die ersten Vertreter dieser These, nennen weniger als eine Handvoll Beispiele, auch in Blogs ist wenig darüber zu finden. Das bedeutet nicht, dass Twitter keine Rolle gespielt hat - womöglich aber wird die Bedeutung dieser Dienste deutlich überschätzt, zumal die Polizei inzwischen Social-Media-Trends überwacht. Wer beispielsweise damit prahlt, bei den Plünderungen reiche Beute gemacht zu haben, dürfte bald mit einem Verfahren rechnen.

Blackberry-Plünderer

Deutlich wichtiger könnte der Blackberry Messenger (BBM) sein: Der Guardian hat Protokolle des Kurznachrichtendienstes vorgelegt, die ihm zugespielt wurden. Demnach verabredeten sich gewaltbereite Teilnehmer der Ausschreitungen mit Hilfe des BBM über ihre Smartphones und konnten so der Polizei einen Schritt voraus sein.

Weil Blackberry-Kurznachrichten ausgezeichnet verschlüsselt sind, gelten sie als besonders sicher und sind deshalb für Unternehmen, aber auch für Kriminelle interessant. Schon werden die ersten Forderungen laut, die Verschlüsselung so zu ändern, dass Strafverfolgungsbehörden die Botschaften auslesen können. Dies fordern bereits seit längerem Indien und Saudi-Arabien.

Blackberry-Hersteller RIM hat bereits angekündigt, mit den Ermittlungsbehörden zu kooperieren; im Gegensatz zu Nachrichten in Firmennetzen kann das Unternehmen offenbar auf die Botschaften von Privatnutzern zugreifen. Alleine die Ankündigung zu helfen sorgte bereits dafür, dass das Blackberry-Blog gehackt wurde.

Weitere Möglichkeiten zur Identifizierung sollen Mobilfunk-Ortungsdaten, Handy-Verbindungsdaten und Material von Überwachungskameras bieten. Diese müssen für jeden Einzelfall gesondert beantragt werden; Beobachter rechnen deshalb der BBC zufolge damit, dass es politische Forderungen nach einem einfacheren Zugriff auf solch sensible Informationen geben wird.

Echtzeit-Berichterstattung

Wer wissen möchte, was derzeit allabendlich den von Ausschreitungen betroffenen britischen Städten geschieht, kann dies nicht nur über das Fernsehen, sondern auch via Twitter verfolgen: Unter den Schlagworten #ukriots, #londonriots und #praylondon berichten Augenzeugen, aber auch Journalisten wie der Guardian-Reporter Paul Lewis und John Domokos oder New-York-Times-Korrespondent Ravi Somaiya. Zudem diskutieren die Nutzer weltweit über die aktuellen Geschehnisse, erkunden sich Menschen nach dem Befinden von Bekannten in den betroffenen Städten, sprechen sich Mut zu. Auf YouTube finden sich häufig sehr schnell Videos, über Flickr und Twitter laden Augenzeugen Fotos hoch.

Dass darunter Fehlinformationen und gefälschte Bilder sind, liegt in der Natur des unkoordinierten Mitmach-Webs. Doch was sich als echt entpuppt, ist oft schockierend oder bewegend: Ein YouTube-Video zeigt, wie eine Gruppe Männer einem blutenden Jungen erst zu helfen scheinen, ihn dann aber beklauen. Eine junge Britin sammelt über Twitter Kleider für die Menschen, die aufgrund der Ausschreitungen keine Bleibe mehr haben und erhält innerhalb weniger Stunden zahlreiche Spenden. Auf einem Flickr-Foto ist zu sehen, wie Bewohner einer Straße im Londoner Stadtteil Camden einer wachhabenden Polizistin Kaffee einschenken, eine Geste der Dankbarkeit, die dem Geschehen in London eine Facette jenseits der Verwüstungsbilder hinzufügt.

Die Besen-Bewegung

Es ist ein Mob im wahrsten Sinne des Wortes, der auf den Fotos zu sehen ist: Hunderte Londoner schwingen ihre Besen in die Luft , um nach den Krawallen die Stadt zu säubern. Diese Bilder vom Mittwochnachmittag gingen nicht nur über Twitter durch die Welt, sie haben auch ihren Ursprung in den sozialen Medien: Unter dem Schlagwort #riotcleanup organisierten sich innerhalb weniger Stunden über Twitter, aber auch bei Facebook Briten, die mit ihrem Besen beweisen möchten, dass noch ein anderes Land als das der Ausschreitungen und Plünderungen existiert.

Auf einem anderen Blog kommen härtere Methoden zur Anwendung: Das Tumblr-Blog Catchalooter veröffentlicht Bilder von Plünderern mit der Bitte an die Nutzer, diese zu identifizieren, um der Polizei zu helfen. Das Blog "Photoshoplooter" hingegen begegnet dem Aufruhr mit Humor: Hier werden die Bilder der Ausschreitungen per Bildbearbeitung in witzige Szenen verwandelt, wenn beispielsweise ein Krawallmacher plötzlich einen Fisch in der Hand hält.